REDWITZ

AWO Sozialzentrum Redwitz wirbt für Pflege-Petition

AWO Sozialzentrum Redwitz wirbt für Pflege-Petition
Bilder von Pflegekräften, die sich mit viel Zeit auch mal einem längeren Gespräch mit den Bewohnern widmen können, gehören nicht nur aufgrund der Corona-Pandemie der Vergangenheit an – auch schon vor 2020 ließen dies die Rahmenbedingungen für Pflegekräfte nicht zu. Foto: Corinna Tübel

Kann die höchste Wertschätzung für die Pflegekräfte in den Worten „keine oder nur geringe Qualitätsdefizite“ bestehen? Wenn es nach den Qualitätsurteilen des Medizinischen Dienstes der Krankenversicherungen geht, dann schon. Zwar fällt die tägliche Anerkennung durch die Frauen und Männer, die in der ambulanten und stationären Pflege des AWO Sozialzentrums Redwitz betreut werden, weitaus herzlicher aus, doch gerade für diejenigen bleibt den Mitarbeitern immer weniger Zeit. Bei einer Informationsveranstaltung zur Online-Petition der AWO Mittel- und Oberfranken im AWO Sozialzentrum Redwitz am Freitagnachmittag kamen Pflegekräfte, Bewohnerinnen und Bewohner, Angehörige und politische Vertreter zu Wort.

AWO Sozialzentrum Redwitz wirbt für Pflege-Petition
Solch ein Stapel Dokumentation kann für die siebentätige Kurzzeitpflege eines Patienten im AWO Sozialzentrum Redwitz not... Foto: Corinna Tübel

Starker Personalmangel und fehlender Nachwuchs, körperlicher und psychischer Druck, ein immenser Verwaltungsaufwand, fehlende Anerkennung und der stetige Rechtfertigungsdruck prägen den Alltag in der Pflege seit langem. Die Corona-Pandemie hat die Missstände im Pflegesektor verstärkt. Dabei haben die Mitarbeiter während dieser doch einen Kraftakt an Einsatz, Flexibilität und Belastbarkeit ohnegleichen gezeigt – mit anfangs wenig staatlicher Unterstützung, so der Redwitzer Gesamtleiter Dr. Steffen Coburger.

Die Pandemie sei nicht die Ursache der Krise in der Altenpflege, sondern ein „Brandbeschleuniger“, betont Coburger. Unter dem Motto „Mehr Respekt für die Pflege, dann klatschen WIR!“ ruft die AWO Mittel- und Oberfranken daher online zur Unterschriften-Aktion für eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen von Pflegekräften und gegen eine Flucht aus den Pflegeberufen auf.

Neue Pflegeausbildung droht Altenpflege-Flucht zu verstärken

AWO Sozialzentrum Redwitz wirbt für Pflege-Petition
Zur Information und zum Austausch über die Missstände im Pflegesektor luden ein (v. li.): Stellvertretender Pflegedienst... Foto: Corinna Tübel

Denn die Zahl der derzeit rund 4,2 Millionen Pflegebedürftigen in Deutschland wird in Zukunft noch steigen. Die Zahl der über eine Million Pflegekräfte dagegen sinkt: Jede dritte Pflegekraft denkt ernsthaft über den Ausstieg nach. Die generalisierte Pflegeausbildung, die seit vergangenem Jahr Einzug gehalten hat, lasse befürchten, dass dabei die Altenpflegeeinrichtungen, die mit den Kliniken um Fachpersonal konkurriere, zudem eher negative Auswirkungen zu spüren bekommen wird: Die Altenpflege muss damit rechnen, dass ein Großteil der Auszubildenden nach dem Abschluss attraktivere Tätigkeitsbereiche mit weniger Belastungen wähle.

Gesamtleiter Steffen Coburger fragt deshalb: „Selbst, wenn der Personalschlüssel in der Pflege in Zukunft entsprechend des Bedarfes deutlich ansteigen sollte: Woher nehmen wir das Personal, wenn unsere umfangreichen Anstrengungen bei Ausbildung, Personalgewinnung und -bindung zunehmend an ihre Grenzen stoßen und erfolglos bleiben?“ Das rund 20-köpfige Publikum im AWO Sozialzentrum Redwitz schweigt betroffen.

„Wir bürokratisieren uns zu Tode.“
Carmen Kluck, Pflegedienstleitung
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Landtagsabgeordneter Michael C. Busch zeigte Verständnis für die Situation der Pflegekräfte, hat er selbst doch diesen B... Foto: Corinna Tübel

Dafür gaben Pflegedienstleitungen wie Carmen Kluck Einblicke in ihren Alltag. Sie berichtet von sieben Tage-Schichten und plötzlichen Personalausfällen, woraufhin nicht selten die noch nicht erholten Mitarbeitenden wieder einspringen müssen. Auch ohne geteilte Schichten sei mittlerweile eine ausreichende Versorgung der Senioren nicht mehr zu gewährleisten. Dabei sei im AWO Sozialzentrum bereits der bestmögliche Personalschlüssel erreicht, der in Bayern möglich ist. „Und in diesen Schichten schlagen wir uns dann bis zu einer Stunde mit der Verordnung und Bestellung einer klassischen Wundcreme für einen Patienten herum, die jeder Mensch frei verkäuflich in der Apotheke kaufen kann“, verrät die Pflegedienstleitung. „Wir bürokratisieren uns zu Tode. Mehr als 50 Prozent der Arbeit der Pflegefachkräfte findet nicht mehr am Bewohner selbst statt.“ Die Kritik richtet sich vor allem gegen die so genannten Qualitätsprüfungen der Pflegeeinrichtungen durch den Medizinischen Dienst der Krankenversicherung (MDK) im Auftrag der Pflegekassen. Dokumentation und Prüfung seien wichtig, Vertrauen in die Qualifikation der Fachkräfte aber ebenso.

Auch Martin Rosenberger als stellvertretende Pflegedienstleitung berichtet von unmenschlichen bürokratischen Zusammenhängen: Gemeinsam mit seinem Team kämpft er jeden Tag für eine wachsende Mobilisierung derjenigen Senioren, die von einer Krankheit genesen sind. Deren Erfolge verursachen jedoch schnell eine Herabstufung des Pflegegrads der Person, was wiederum zu sinkenden Personalzahlen führt. „Ist das der Dank dafür? Dass wir bestraft werden, wenn wir Menschen ein Stück Lebensqualität zurückgeben?“

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Auch stellvertretendem Landrat Helmut Fischer ist die Pflege ein Anliegen. Foto: Corinna Tübel

Wohnbereichsleitung Magdalena Münch verweist auf die steigende Gefährdung der Pflegekräfte durch Krankheiten, etwa Burnout. „Und junge Praktikanten oder Auszubildende sehen das natürlich, unter welchem Druck wir stehen.“ Zusätzlich nahmen in Kurzvideos Pflegekräfte Stellung.

Angehörige und Vertreter aus Politik zeigen sich betroffen

Während manche Angehörige von Gepflegten unter den Zuhörern sich zutiefst erschüttert über die Situation der Pflegekräfte zeigen, sind anderen die Missstände bekannt. Susanne Lutter beispielsweise gibt zu: „Oft, wenn ich kurz mal bei den Pflegern anrufen und etwas wissen wollte, hatte ich ein schlechtes Gewissen, weil ich weiß: Sie haben wahnsinnig viel zu tun und ich wollte sie nicht stören.“

„Wir haben ein Problem in unserer Gesellschaft“, bekennt Landtagsabgeordneter Michael C. Busch. Das wiederum habe unter anderem Auswirkungen auf das System der Pflege. Als gelernter Krankenpfleger und Angehöriger von ehemals gepflegten Familienmitgliedern hat er viele Missstände miterlebt und bekennt: „Es ist nicht fünf vor zwölf. Wir sind schon drüber! Aber es ist noch nicht zu spät.“ Er kritisiert die Ökonomisierung vieler Einrichtungen und die Vielschichtigkeit des Systems im medizinischen und pflegerischen Sektor. „Wäre eine staatliche Bezuschussung für Pflegeheime eine Lösung, wenn diese tarifgerecht entlohnen?“, überlegt er.

Auch stellvertretender Landrat Helmut Fischer und Gemeinderat Jochen Körner bekundeten ihren Respekt für die Leistungen der Pflegekräfte, die während der Pandemie eine noch höhere gesellschaftliche Verantwortung trugen als ohnehin schon. Außerdem nahmen Bürgermeister Jürgen Gäbelein sowie Vertreter der Kreistags- und aller Redwitzer Gemeinderatsfraktionen an der Veranstaltung teil und unterstützen die Petition.

Die Petition

Während der Infoveranstaltung wurde deutlich, dass die betroffenen Pflegekräfte nicht vorrangig von einer höheren Entlohnung sprachen. „Die Attraktivität eines Berufes wird maßgeblich durch seine Arbeitsbedingungen bestimmt. Für die Pflegekräfte ist äußerst bedeutsam, wie viele Köpfe und Hände in ihrer jeweiligen Einsatzschicht für die Aufgabenerfüllung zur Verfügung stehen und ob ihre Fachkompetenzen ausreichend beachtet und wertgeschätzt werden. Für die Bewohnerinnen und Bewohner ist die Ergebnisqualität und ihr Wohlbefinden entscheidend, nicht der Umfang der Erfüllung bürokratischer Anforderungen“, sagte Gesamtleiter Dr. Steffen Coburger. „Dafür braucht es einen grundlegenden Systemwechsel.“

Dieser soll mit der Online-Petition „Mehr Respekt für die Pflege, dann klatschen WIR!“ starten. Bislang wurden rund 10 000 Unterschriften gesammelt. Das Ziel sind 50 000. Die Eingabe wird dem bayerischen Gesundheitsminister übergeben werden. Unterschreiben können Interessierte online:

www.change.org

Bewohner und Mitarbeiter wünschen sich mehr Zeit für die Pflege

Willi Steinberg, Bewohner des AWO Sozialzentrums Redwitz: „Ich lebe seit neun Jahren hier. Ich habe hier viel Auf und Nieder erlebt, aber wie schlecht die Situation für die Pflegekräfte nun ist, das tut mir leid.“ Er sieht die niedrige personelle Besetzung in seinem Wohnbereich, er sieht, was die Pfleger leisten und wie sie an ihre Grenzen gehen. „Die Mitarbeiter brauchen bestimmt ein Drittel ihrer Zeit für Schreibarbeit! Für die Pflege selbst bleibt nicht viel übrig und das macht die Mitarbeiter auch traurig!“

AWO Sozialzentrum Redwitz wirbt für Pflege-Petition
Carmen Kluck von der Pflegedienstleitung im AWO Sozialzentrum Redwitz. Foto: Corinna Tübel

Carmen Kluck, 53, Pflegedienstleitung: Sie arbeitet seit 2021 im AWO Sozialzentrum in Redwitz, seit 2005 ist sie im Bereich der Pflege tätig. „Mein Beweggrund damals war, dass ich alten Menschen helfen will. Ich wollte einen Beruf mit Berufung, der mich glücklich macht.“ Auch heute noch liebt sie ihren Beruf. Weil sie ihr Team auch anderweitig unterstützen möchte, hat sie sich damals weitergebildet. Doch es gibt auch schlimme Momente: „Wenn ich in den Augen einer Pflegekraft pure Erschöpfung erkenne und ich nichts dagegen tun kann, sondern sie sogar fragen muss, ob sie noch einen zusätzlichen Dienst übernimmt.“ Ebenso gestalte sich leider oft der Kontakt mit den Senioren: „Sie verbringen hier ihren Lebensabend und haben eigentlich alles verdient, was ihren Bedürfnissen entspricht. Und wir können ihn oft nicht gerecht werden. Manchmal auch nicht, wenn man einen Sterbenden an seinem Bett begleiten möchte.“

AWO Sozialzentrum Redwitz wirbt für Pflege-Petition
Lisa Teichtweier von der Pflegedienstleitung im AWO Sozialzentrum Redwitz. Foto: Corinna Tübel

Lisa Teichtweier, 25, Pflegedienstleitung: Sie arbeitet seit 2018 im AWO Sozialzentrum in Redwitz, seit 2012 ist sie im Bereich der Pflege tätig. Ein Praktikum in einem Seniorenheim, wo sie viel Dankbarkeit von Bewohnern erlebte, habe ihren weiteren Weg geprägt. Heute spricht sie von einer Art „zweiten Familie“ mit Blick auf die Ambulante Pflege, die sie nach ihrer Weiterbildung leitet, weil sie „etwas verändern“ will. Für sie ist vor allem mehr Zeit für die Gepflegten wichtig: „Wenn ein Mann mir ein Fotoalbum zeigen möchte und ich sehe, wie glücklich er mit all diesen Erinnerungen ist, und ich aber gar keine Minute Zeit habe, dann macht mich das unendlich traurig.“ Auch die Verlässlichkeit nennt sie für viele angehende Pflegekräfte als Unsicherheitsfaktor: Heute wisse beinahe jede Pflegekraft, wenn sie vier Tage frei habe, müsse sie sicher an mindestens zwei Tagen davon doch eine Kollegin oder einen Kollegen vertreten.

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