MARKTZEULN

Auch in Marktzeuln wurde gekegelt: bergab

Auch in Marktzeuln wurde gekegelt: bergab
Das Gasthaus „Zur schönen Aussicht“ in den 1930-er Jahren. Foto: Repro: Heinz Fischer

Nicht nur in Oberreuth, wie wir bereits berichteten, gab es eine Kegelbahn. Auch in Marktzeuln wurde in alten Zeiten dem hemdsärmeligen Sport gefrönt.

In der heutigen Schwürbitzer Straße 9 erbaute der Bau- und Maurermeister Johann Raps um 1870 auf einem weitläufigen Grundstück – es erstreckte sich nach Süden bis zum Hang zu den Felsenkellern – ein großzügiges Bauernhaus mit Stallungen und Nebengebäuden. In späterer Zeit wurde der südliche Teil des Grundstücks an Familie Haselmann verkauft. Jedoch unter der Bedingung, dass Johann Raps auch den Auftrag für den Bau des neuen Hauses erhielt. Eine Win-win-Situation der etwas anderen Art. Dieser Hang zur Geschäftstüchtigkeit für Immobilien sollte sich bis in die jüngeren Generationen fortsetzen.

Sogar im Sterbebett noch geschäftstüchtig

Dem Johann waren allerdings nicht viele Lebensjahre gegönnt, fiel er doch 1893 bei der Arbeit vom Gerüst und verstarb kurz darauf an den Unfallfolgen. Am Sterbebett empfahl er seiner Gattin Kuni noch, sich doch schnellstmöglich mit seinem Gesellen Heinrich Göhring zu verheiraten, damit das Geschäft fortgeführt werden könne.

Auch in Marktzeuln wurde gekegelt: bergab
Bierpreise anno dazumal, wohl Anfang des 20. Jahrhunderts. Foto: Repro: Heinz Fischer

Die brave Witwe tat, wie ihr geheißen, und gebar dem getreuen Gesellen zwei Töchter. Die Ältere, Angilberta, nahm den Schleier und wurde Oberin im Orden der „Töchter vom allerheiligsten Erlöser“, während sich Babette mit Johann Kraus aus Obersdorf vermählte. Der Landwirt übernahm die von Göhring gegründete Gastwirtschaft und Kegelbahn „Zur schönen Aussicht“. Nach dessen Tod 1940 ging das Anwesen an Sohn Fritz Kraus und dessen Ehefrau Dora, einer Thelitzerin.

Während des Zweiten Weltkriegs wurde Gast- und Landwirtschaftsbetrieb recht und schlecht aufrechterhalten, nicht zuletzt mit Hilfe eines französischen Kriegsgefangenen. Der Name dieses Monsieur ist allerdings nicht bekannt, wurde er doch im ganzen Ort nur „Der Franzos“ genannt.

Das ein oder andere Räuplein verirrte sich beim Transport ins Bier

In den Anfängen der Gastwirtschaft wurde – natürlich – das berühmte Marktzeulner Kommunbier ausgeschenkt. Es wurde in Butten von zwei familieneigenen Felsenkellern am Freischießenplatz über die vielen Stufen im Hang in die Wirtschaft expediert. Dass dabei sich beim Marsch durch den bewaldeten Hang das eine oder andere Räuplein oder Mücklein ins Bier verirrte, störte niemanden. Im Gegenteil, war es doch gar nicht schlecht, wenn die stets arbeitsamen Wirtshausgäste zur Stärkung auch mal ein paar Proteine und Vitamine mit schluckten.

Auch in Marktzeuln wurde gekegelt: bergab
Hoch ging es oftmals her in alten Zeiten im Wirtshaus „Zur schönen Aussicht. Foto: Repro: Heinz Fischer

Später, als die Kommunbrauerei in Zeuln eingestellt wurde, bezog man das Bier von der Fischer-Bräu in Schwürbitz. Einer der Felsenkeller ging in den 197-0er Jahren an die Schützengesellschaft Marktzeuln und wird von dieser bis heute als Lagerraum verwendet.

Oft ging es hoch her mit Musik und Gesang

Die Gaststube war, wie früher üblich, immer gut besucht. Und oft ging es hoch her mit Musik und Gesang. Im Fasching fanden im Nebenzimmer auch karnevalistische Veranstaltungen, so genannte Kappenabende, statt. Hier traf sich dann das Jungvolk, wobei die sittenstrenge Wirtin Dora schon ab und zu kontrollierte, ob alles seine Ordnung hatte und die Burschen sich anständig benahmen.

Am Sonntag traf man sich dann nachmittags zur Kegelrunde: die Honoratioren der Gemeinde, wie es sich gehört mit Anzug und Schlips, nicht wie heutzutage im Jogginganzug. Die Buben aus der Umgebung durften die Kegel aufstellen, und für einen erzielten „Neuner“ gab es einen „Nickel“ Trinkgeld. Ein mühsames Geschäft, verglichen mit dem Stundenlohn.

Die Maß Bier kostete 20 Pfennig im Jahre 1903: Das war nicht billig

Auch in Marktzeuln wurde gekegelt: bergab
1903 wurde zum Preiskegeln mit schmackhaften Preisen eingeladen. Foto: Repro: Heinz Fischer

Doch nicht nur zum Spaß rollten die Kugeln. So fand zum Beispiel im Jahre 1903 ein Preiskegeln statt, bei dem als erster Preis ein „ff Lamm“ winkte und nebenher noch etliche Geldpreise. Dies war sicher nicht der einzige Wettbewerb bei der „Aussicht“. Eine Maß Bier kostete damals 20 Pfennig, gemessen an der Kaufkraft trotzdem nicht zu billig.

Diese Kegelbahn hatte allerdings eine Eigenheit, die sie wohl einmalig machte. Tatsächlich gab es vom Abwurf bis zu den Kegeln ein leichtes Gefälle in der Bahn, was den Sport ungemein erleichterte. Sollte vielleicht mal ein Kegelbruder aufgrund genossenen Bieres schon an einer leichten Getränke-Intoleranz leiden, genügte es bereits, wenn er die Kugel einfach an den Startpunkt legte. Die rollte dann notfalls ganz von allein, der Schwerkraft gehorchend, in Richtung der Kegel.

„Böser Drache“ kam donnernd und fauchend aus dem Hof

Später, in den Nachkriegsjahren, machten spielende und streunende Kinder immer einen großen Bogen um das Anwesen. Das hatte zwei Gründe. Zum einen der Hofhund, der an einer Kette angeleint knurrend und bellend das Anwesen bewachte, zum anderen der gewaltige Lanz-Bulldog vom Fritz, der donnernd, fauchend und schwarzen Rauch ausstoßend wie ein böser Drache ab und zu aus dem Hof angefahren kam.

Auch in Marktzeuln wurde gekegelt: bergab
Das Anwesen heute, auch ein Weg ist dem alten Namen gewidmet. Foto: Heinz Fischer

Leider verstarb Fritz Kraus 1960 viel zu früh. Die Witwe Dora konnte Gastwirtschaft und Landwirtschaft nicht weiter verwalten. So wurde das Gasthaus geschlossen, die Ländereien wurden verpachtet. Einige Jahre betrieb man noch eine Flaschenbier-Handlung. Die Gaststube wurde an die Fahrschule Endres vermietet; hier schwitzten noch viele Zeulner Führerschein-Aspiranten über ihren Fragebögen.

Die feine Nase für Immobilien ist in der Familie vererbt worden

1974 zu einer Wohnung umgebaut, die von Tochter Marianne und Schwiegersohn Günter genutzt wurde, erfolgte Ende der 1990-er Jahre der Umbau zu zwei Mietswohnungen, die heute vom Enkel der Dora, Frank Denscheilmann, verwaltet werden. Dieser – und hier kommen wir wieder auf die feine Nase der Familie bei Immobilien zurück – hat auf dem weitläufigen Grundstück noch weitere vier Wohneinheiten zur Vermietung errichtet.

Von der Kegelbahn allerdings sieht man heute nichts mehr. Der Weg am Haus vorbei heißt aber noch „Schöne Aussicht“.

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