HOCHSTADT

Die Sonnenenergiewende am Obermain

Die Dimensionen sind gewaltig, die Energieausbeute soll es auch sein: Insgesamt werden rund 22 Megawatt Photovoltaik in der Gemeinde Hochstadt installiert. Foto: Marion Nikol

Wer die Energiewende in der Region Lichtenfels mit all ihrer Dynamik, ihren Chancen und Herausforderungen verstehen will, sollte seinen Blick derzeit nach Hochstadt richten. Dort, in den Ortsteilen Obersdorf und Wolfsloch, werden gerade zwei der größten Solarparks des Landkreises fertig gestellt. Projekte dieses Ausmaßes gehen freilich nicht sang- und klanglos an den Bürgern vorbei. Sie führen zu Diskussionen, mitunter auch Spekulationen und vor allem Fragen, auf die es Antworten zu finden gilt. Nur so kann die Akzeptanz erhöht und damit ein wichtiger Schritt hin zu einer sauberen Energiegewinnung genommen werden.

Die Frage nach der Notwendigkeit

Braucht es derartig riesige Solarflächenanlagen eigentlich? Das dürften sich nicht nur diejenigen fragen, die in unmittelbarer Nähe dergleichen wohnen, sondern auch alle, die mit offenen Augen im oberfränkischen Raum unterwegs sind. Schließlich ist nicht von der Hand zu weisen, dass die Anzahl an Freiflächen-Photovoltaikanlagen hierzulande zunimmt, nicht nur entlang von Autobahnen und Schienenwegen, sondern auch auf landwirtschaftlichen Flächen.

Der Grund dafür ist eine Länderöffnungsklausel im Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG). Diese hat es unter anderem Bayern ermöglicht, eine Verordnung zu verabschieden, die Photovoltaik-Freiflächenanlagen auf landwirtschaftlichen Flächen in benachteiligten Gebieten für zulässig erklärt. Das Kontingent von Projekten dieser Art konnte somit deutlich ausgeweitet werden, insbesondere in Oberfranken, wo aufgrund der Bodenqualität viele Gebiete als benachteiligt eingestuft werden.

Die Kraft der Sonne nutzen

Ob ein solcher Ausbau auch auf Ackerflächen notwendig ist, lässt sich am besten mit folgenden Überlegungen beantworten: Deutschland hat sich in Sachen Energiewende viel vorgenommen. Aus der Atomkraft will man bis 2022, aus der Kohlekraft bis 2038 aussteigen. Das heißt, weg von fossilen und hin zu erneuerbaren Energieträgern. Was nach wie vor nötig sein wird, ist Strom, und zwar in zunehmendem Maße, unter anderem für das Heizen mit innovativen Wärmepumpen oder für die Elektromobilität. Um den steigenden Bedarf zu decken, muss bis zum Jahr 2040 bis zu 20 Prozent mehr Strom in Deutschland erzeugt werden. Ein Weg, dies umweltfreundlich zu bewerkstelligen, führt über die Kraft der Sonne und dafür braucht es ausreichend Flächen für Photovoltaik.

Sauberer Strom für die Region: Die Freiflächen-Photovoltaikanlage in Obersdorf steht, der Anschluss ans Netz soll laut P... Foto: Marion Nikol

Insbesondere Bayern will dieses Potenzial weiter erschließen. Das macht die Staatsregierung in ihrem im Herbst verabschiedeten Bayerischen Aktionsplan Energie deutlich, wo es unter anderem heißt: „Bayern ist Sonnenland. Eine im deutschlandweiten Vergleich hohe Sonneneinstrahlung sorgt für ein enormes Potenzial bei der Solarenergie. Von allen erneuerbaren Energiequellen erreicht sie in der Bevölkerung die höchste Akzeptanz und ist unter den Erneuerbaren momentan die Günstigste. Deshalb schalten wir hier den Turbo zu.“ Von diesem Turbo ist nun auch etwas in Hochstadt zu spüren. Insgesamt 22 Megawatt Photovoltaik werden dort installiert, was die beiden Solarparks zu den größten im Landkreis macht. Die Gemeinde kann somit künftig ihren gesamten Energiebedarf zu 37 Prozent mit erneuerbaren Energien abdecken und liegt damit deutlich über dem Bayerischen Durchschnitt von etwa 18 Prozent Deckungsgrad.

Infrastruktur und Standortvorteile

Um künftig tausende Haushalte in und um Hochstadt mit sauberem Sonnenstrom versorgen zu können, müssen die neuen Anlagen jedoch erst einmal ans Netz angeschlossen werden. „Für derart große Strommengen ist das Netz in Hochstadt bislang nicht ausgelegt“ erklärt Manuel Zeller Bosse, Geschäftsführer der Burgkunstadter Firma Südwerk, die für die Planung und Projektierung der beiden Solarparks verantwortlich ist. „Deshalb wird der Anschluss über private Stromkabel in ein eigens dafür vorgesehenes Umspannwerk in der Nähe von Weidnitz erfolgen. Das Planungsverfahren für den Bau des Werks und die Verlegung der Erdkabel läuft derzeit. Wir beabsichtigen im Herbst 2020 ans Netz zu gehen“.

Wie bereits bei der Realisierung der zwei Solarparks werden auch die geplanten Baumaßnahmen für das Umspannwerk und die Erdverkabelung öffentlich bekannt gemacht und in den betreffenden Gemeinderäten zur Diskussion gestellt. Mit dem Vorhaben jedenfalls wird laut Manuel Zeller Bosse die Energieinfrastruktur in der Region deutlich ausgebaut: „Wir wollen Hochstadt, Altenkunstadt und Burgkunstadt fit für die Energiewende machen und als Industrie- und Gewerbestandorte stärken. Denn Energie ist ein enormer Standortvorteil und wir können hier künftig für weniger als fünf Cent pro Kilowattstunde Strom erzeugen.“

Planung für Leitungsbau läuft

Und wie steht es um die Akzeptanz bei den Bürgern? Zweifelsohne lässt sich eine positive Resonanz vor allem dann erreichen, wenn alle Interessensgruppen gut informiert und – soweit dies möglich ist – mit eingebunden werden. Schließlich wird niemand gern vor vollendete Tatsachen gestellt. Doch ebenfalls außer Frage steht, dass Infrastrukturmaßnahmen wie beispielsweise die Verlegung von Erdkabeln nötig sind, um den sauberen Strom letztlich zum Endverbraucher transportieren zu können. Bei dieser dezentral gestalteten Energieversorgung ist das Ausmaß der Baumaßnahmen im Vergleich zu großen Stromtrassen, die quer durch ganze Bundesländer laufen würden, überschaubar.

Bei der Verlegung der Erdkabel versuchen die Projektierer in erster Linie über öffentlichen Grund zu gehen, so auch in Hochstadt und Altenkundstadt. Sind Privatgrundstücke betroffen, erhalten die Grundeigentümer Entschädigungen, was bis dato zum Beispiel in Strössendorf mit den betroffenen Personen vertraglich geregelt wurde. Die Summe dafür sei bis zu einem gewissen Grad verhandelbar, wie ein Anwohner erklärt. Wie sinnvoll es allerdings ist, die Solarparks hochzuziehen, ohne dass zu diesem Zeitpunkt die Planungen für den Leitungsbau vollständig abgeschlossen sind, sei dahingestellt. Doch liegt dies letztlich im finanziellen Ermessen der Betreiberfirma, welche das wirtschaftliche Risiko für das Großprojekt und damit auch die Konsequenzen möglicher Verzögerungen trägt.

Im Zuge der Thematik bleiben natürlich noch Fragen offen, zumal die Energiewende ein komplexes Unterfangen mit vielen unterschiedlichen Interessensgruppen ist. Kann die große Solarrevolution nicht eher auf Dächern als auf Grünflächen stattfinden? Was bedeuten die Flächenanlagen für die Landwirtschaft? Und wie lassen sich die Gemeinden und vor allem die Bürger noch besser in den Prozess einbinden oder gar finanziell beteiligen? Diese Fragen werden im zweiten Teil des Artikels erörtert, der demnächst im Obermain-Tagblatt und auf obermain.de zu lesen sein wird.

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