MICHELAU

Massenkündigung: Invista schließt den Standort Michelau

Zur Jahresmitte schließt die Firma Invista ihren Standort in der Ahornstraße in Michelau. Foto: Annette Körber

Zum 30. Juni ist Schluss in der Ahornstraße 50: Vor wenigen Tagen haben alle Mitarbeiter der Firma Invista ihre Kündigung erhalten. Das Unternehmen, das in der Garnverarbeitung tätig ist und seit 2006 zu einem Milliarden schweren US-Konzern gehört, gibt den Standort komplett auf.

„Invista stellt den Garnverarbeitungsbetrieb am deutschen Standort Michelau ein und vergibt die Garnverarbeitung in der Region extern.“ Der Satz aus der Pressemitteilung ist wie ein Nackenschlag. „Es wird erwartet, dass diese Maßnahme bis zur Jahresmitte 2019 abgeschlossen sein wird.“

Aufgrund der Marktbedingungen, der Infrastrukturkosten des Standorts und der Produktionsmengen sei der Standort Michelau nicht wettbewerbsfähig, begründet Invista seinen Beschluss. „Diese Entscheidung steht im Einklang mit der Unternehmensvision für langfristigen Erfolg, indem Invista operative Präsenz optimiert und gestärkt wird.“ Eine Erklärung, die für die 140 Betroffenen eher nebensächlich sein dürfte.

„Invista verpflichtet sich, in diesem Übergangsprozess alle Mitarbeiter stets mit Würde und Respekt zu begegnen“, heißt es weiter. Was das im Detail bedeutet, darüber schweigt sich die Firma mit deutschem Hauptsitz im südhessischen Hattersheim am Main in ihrer Stellungnahme weitgehend aus. Aber: „Alle Mitarbeiter erhalten eine Abfindung.“

„Für die Gemeinde Michelau ist es ein schwerer Schlag, zum einen wegen der betroffenen Arbeitnehmer, zum anderen wegen des zu befürchtenden Leerstands.“
Helmut Fischer, Bürgermeister

Nach OT-Recherche dürfen auch die Mitarbeiter, die eigentlich kürzere Kündigungsfristen haben, bis Jahresmitte bleiben. Oder besser: sie sollen. „Einen Sozialplan gibt es nicht“, sagt Jürgen Apfel von der der zuständigen Gewerkschaft IG Metall in Coburg. Schon vergangene Woche hatte sich diese Redaktion um Kontaktaufnahme mit dem Unternehmen bemüht, unter anderem mit Geschäftsführer Willem Van Wijk. Telefonisch war aber niemand aus der Geschäftsleitung zu erreichen. Auch auf eine Mailanfrage reagierte das Unternehmen nicht. Van Wijk selbst entschuldigt sich in einem Gespräch mit der Redaktion: Die Mail sei weitergeleitet worden an die zuständige Presseabteilung. Auch diese hat sich mittlerweile beim Obermain-Tagblatt entschuldigt.

Kein Betriebsrat

„Leider gibt es bei Invista in Michelau nicht einmal einen Betriebsrat“, sagt Timo Günther, bayerischer IG Metall-Pressesprecher. „Dieser hätte den Kontakt zwischen Mitarbeitern und der Gewerkschaft halten können.“ So sei die IG Metall einigermaßen überrascht gewesen, als einzelne Mitglieder in der Geschäftsstelle in Coburg vorsprachen und von der Situation erzählten. Auch Jürgen Apfel erfuhr davon eher durch die Hintertür. „Wir unterstützen unsere Mitglieder nun rechtlich, so gut wir können“, betont sein Kollege Timo Günther.

Im Vorfeld der Entscheidung waren der Gewerkschaft, eben wegen des fehlenden Betriebsrats, die Hände gebunden, bedauern beide. Sie konnten für das Mitarbeiterkollektiv kein Altersteilzeitmodell oder eine gute Abfindungsregelung aushandeln. „Ein Betriebsrat wäre die Chance gewesen, die Sache auf Augenhöhe zu begegnen“, betont der Coburger IG Metaller Jürgen Apfel. Er könne nur immer wieder für einen Betriebsrat werben, um als Arbeitnehmer bei unternehmerischen Entscheidungen überhaupt eine Handhabe zu haben.

„Für die Gemeinde Michelau ist es ein schwerer Schlag, zum einen wegen der betroffenen Arbeitnehmer, zum anderen wegen des zu befürchtenden Leerstands“, sagt Bürgermeister Helmut Fischer. „Die finanziellen Auswirkungen für die Gemeinde dagegen sind überschaubar.“ Was so viel heißt wie: Invista war kein großer Gewerbesteuerzahler. „Ich habe vor rund einer Woche davon erfahren, als der Betrieb seine Mitarbeiter informierte und einige von denen die Nachricht ins Rathaus weitergaben“, fügt Fischer an. „Leider habe ich keinerlei Möglichkeiten, an einer von einem amerikanischen Konzern festgelegte Schließung noch etwas zu ändern.“

„Mitarbeitersicherheit hat Priorität“

Etwas paradox und für die Mitarbeiter geradezu höhnisch wirkt der zweite Teil der Presseverlautbarung: „Invistas oberste Priorität ist und bleibt die Sicherheit seiner Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, einschließlich der Fremdfirmen, der Anwohner sowie der Schutz der Umwelt.“ Der Standort Michelau blicke auf eine lange und erfolgreiche Geschichte mit einer starken Tradition zurück, „die Invistas Vision für hervorragende Sicherheitsleistungen widerspiegelt“.

Fakten zu Invista

• Im Jahr 1969 wurde die heutige Firma Invista unter dem Namen Mitex gegründet.

• Im Jahr 2006 übernahm der US-Konzern das Michelauer Unternehmen.

• Bei der Übernahme hatte die Michelauer Firma Mitex noch 180 Mitarbeiter.

• Der Mutterkonzern ist Koch Industries mit einem Umsatz von 115 Milliarden US-Dollar (2017). Sitz ist in Wichita/Kansas. Das Mischunternehmen ist unter anderem in den Produktionsbereichen Erdöl, Erdgas, Chemie, Energie, Asphalt, Kunstdünger, Nahrungsmittel und Kunststoff tätig.

• Invista selbst, gegründet 2003, ist das weltweit größte Unternehmen für integrierte Faser-, Harz- und Zwischenprodukte. Das Unternehmen beschäftigt rund 10 000 Mitarbeiter in über 20 Ländern weltweit.

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