MICHELAU

Am Altarraum scheiden sich die Geister

Zweifel, ob das Altarpodest wirklich so marode ist, wie von den Fachleuten behauptet, äußerte Wilfried Fischer. Foto: Gerda Völk

„Was ist daran marode?“, fragt Wilfried Fischer aufgebracht, schlägt mit einem beherzten Griff den Teppichboden zurück und stampft mehrmals mit den Füßen auf. Es geht um das sanierungsbedürftige Altarpodest aus dem 1930-er Jahren in der Michelauer Johanneskirche. Nach Ansicht der Fachleute ist das Podest morsch. Die Feuchtigkeit und der Holzwurm hätten ihm stark zugesetzt. Der Kirchenvorstand hätte das Podest gerne entfernt, zahlreiche Gemeindemitglieder sehen das anders. Sie wollen keine Veränderung. Dies wurde bei der gut besuchten Gemeindeversammlung deutlich, bei der die Emotionen hochkochten. Deutlich wurde, dass die Mehrheit der Meinung ist, dass saniert werden soll, was saniert werden muss, aber ohne Veränderung im Altarraum.

Rund 170 Personen waren am Mittwochabend zur Versammlung in den Kirchenraum gekommen. Vorab verlas Ute Herold ein Schreiben des Kirchenvorstands, in dem dieser sein Bedauern über die „Fehleinschätzung“ ausdrückte, die zur „Disharmonie“ unter den Gemeindemitgliedern geführt hatte.

Was war passiert? 2019 feiert die Michelauer Johanneskirche den 200. Jahrestag ihre Einweihung. Aus diesem Grund waren Sanierungen und eine Umgestaltung des Altarraums vorgesehen. Über Fördermittel wollte die Landeskirche im Juli entscheiden. In Michelau regte sich aber Widerstand gegen das Vorhaben. Binnen kürzester Zeit kamen fast 500 Unterschriften zusammen, sodass die Landeskirche diesen Punkt wieder von der Tagesordnung nahm.

Akribisch genau und unter Nennung möglicher Kosten berichteten die Kirchenvorstandsmitglieder Matthias Krämer, Ute Herold und Siegmar Beier die Beweggründe zur Sanierung und Umgestaltung des Altarraums. Im Anschluss ließ Diakon Rainer Mattern vom Kirchengemeindeamt Coburg diese Ausführungen Punkt für Punkt diskutieren. Dabei wurde deutlich, dass beim Sanierungskonzept „Sauber, Sicher, Trocken“ noch eine relative Übereinstimmung herrschte.

Für Sanierung, gegen Umgestaltung

Aber bereits beim geplanten Einbau einer barrierefreien Toilette gab es regen Diskussionsbedarf. Dem Hinweis aus der Runde, dass Gläubige die nebenan gelegene öffentliche Toilette am Rathaus nutzen könnten, kommentierte Klaus Gagel mit dem Hinweis, dass diese nur geöffnet ist, wenn im Rathaus auch Bedienstete sind. Weitere Einwände waren eine mögliche Geräuschkulisse während des Gottesdienstes und der Hinweis, dass dieses Bedürfnis doch vor dem Gottesdienst erledigt werden könnte. Wie es schon immer praktiziert wurde. „Das Thema mit der Geräuschkulisse müsste lösbar sein“, gab Rainer Mattern zu bedenken. Der Vater einer Dreijährigen sprach sich für ein WC aus.

Weit schwerer wogen die geplanten Veränderungen im unmittelbaren Bereich des Altarraums, wie die Entfernung des Lettners. Das Geländer ist nach Aussage der Denkmalschutzämter Bamberg und Lichtenfels nicht stilgerecht für eine evangelische Kirche und unpassend am Dekanatssitz. Der Lettner trenne das „Kirchenvolk“ von den Priestern und sei eher typisch für katholische Kirchen.

Während die einen forderten, die Abgrenzung aus Sicherheitsgründen (gerade viele Ältere nutzten den Lettner als Stütze) beizubehalten, wies Judith May darauf hin, dass noch kein relevanter Unfall passiert sei. „Die Ablehnung der Umgestaltung des Altarraums hat rein emotionale Gründe“, sagte sie. In einer schnelllebigen Zeit sollte die Kirche wenigstens beständig sein und alles so bleiben wie gewohnt.

„Wann darf sich etwas ändern?“, fragte Diakon Marko Schindler. Wenn die nächste Generation die Kirche besucht? Rückendeckung bekam er dabei von Lucia Herold. „Ein geländerloser Altar vermittelt Offenheit“, lautete das Argument der jungen Frau. Ein weiterer Knackpunkt der Diskussion war die Kirchenvorstandsbank, die im Rahmen der Umgestaltung weichen soll. Unter mehreren Befürwortern der Bank meldete sich auch Bürgermeister Helmut Fischer zu Wort. Auch er habe mit der Sanierung von Dach, Blitzschutz und äußerem Sockelbereich keine Probleme, sei jedoch gegen eine Umgestaltung des Altarraums. Fischer hatte vor vielen Jahren schon in der für den Kirchenvorstand reservierten Bank gesessen.

„Wenn man alles so lassen will wie gehabt, dann werden wir immer weniger. Lasst diese Bombe ausgehen, schneidet die Zündschnur durch.“
Eduard Herold, Band „Boxenstopp“

Leidenschaftlich wurde auch die Frage diskutiert, ob bei einer Entfernung des Podests der Altar bei voll besetzten Kirchenbänken auch von den letzten Reihen aus gesehen werden kann. Für mehr Platz im Altarraum plädierten die Chöre und Kindergartenleiterin Barbara Nehling, die gerade in den Stufen ein großes Problem sieht. Es sei nicht ausgeschlossen, dass ein Kind abstürze. „Wenn man alles so lassen will wie gehabt, dann werden wir immer weniger“, gab Eduard Herold, der Leiter der „Boxenstopp“-Band zu bedenken. Er mahnte Einigkeit innerhalb der Kirchengemeinde an: „Lasst diese Bombe ausgehen, schneidet die Zündschnur durch“.

Hubertus Benecke, der sich offen für Veränderungen zeigte, gab zu bedenken, dass die knapp 500 Unterschriften nicht die Mehrheit der 3500 Kirchenmitglieder repräsentierten.

Mit der Sanierung und Umgestaltung des Altarraums bis zum Kirchenjubiläum im nächsten Sommer wird es wohl nichts mehr werden. Die so gewonnene Zeit, sollte laut Diakon Rainer Mattern dafür genutzt werden, eine Arbeitsgruppe zu bilden, bei der interessierte Gemeindemitglieder ihre Vorschläge einbringen können.

Auf eine marode Stelle an dem Podest wies Kirchenvorstandsmitglied Matthias Krämer (li.) Wilfried Fischer hin. Foto: Gerda Völk