MICHELAU

Eine Stimme für die Eingemeindung

Einen hoch interessanten Vortrag über die Eingemeindung nach Michelau hielt Ernst Schmidt (stehend) im Michelauer Korbmu... Foto: Klaus Gagel

Hochrote Köpfe an den Stammtischen und heftige Diskussionen bei den Politikern löste die kommunale Gebietsreform aus, die vom damaligen bayerischen Ministerpräsidenten Alfons Goppel 1967 als die wichtigste innenpolitische Aufgabe seiner Legislaturperiode bezeichnet wurde. Die Zahl der Gemeinden wurde in Bayern von 7000 auf etwas mehr als 2000 reduziert. Ein spürbarer Aderlass.

Gemüter beruhigt

Inzwischen haben sich die Gemüter beruhigt. Für den Michelauer Heimatforscher Ernst Schmidt war dies eine gute Grundlage, um in seinem CHW-Vortrag den Weg zur Gesamtgemeinde Michelau aufzuzeichnen.Es ging dabei um die Eingliederung der Gemeindeteile Neuensee, Schwürbitz und Lettenreuth/Oberreuth. Ernst Schmidt nutzte dabei die Gelegenheit, um auch auf die Ortsgeschichte der einzelnen Orte einzugehen. Etwas bedauerlich war es deshalb, dass sich unter den zahlreichen Besuchern des CHW-Vortrags im Michelauer Korbmuseum nur wenige Bürger aus den genannten Orten befanden, die einen wesentlichen Teil des ausgezeichneten Referats ausmachten.

Es war wie bei einer Brautschau. Die Orte, die ihre Eigenständigkeit verlieren sollten, kokettierten mit den Bewerbern, die je nach „Mitgift“ mehr oder weniger heftig um die „Bräute“ buhlten. Nicht selten war es deshalb das „Brautgeschenk“, welches den Ausschlag gab.

So stand Lettenreuth mit der Verwaltungsgemeinschaft Marktzeuln/Hochstadt in Verhandlung. Auf ihr finanzielles Entgegenkommen angesprochen, zog sich die Delegation der Verwaltungsgemeinschaft in einen Nebenraum zurück. Nachdem ein Lauscher an der Wand mitbekam, dass man offensichtlich zu keinerlei Zugeständnissen bereit war, weil man davon ausging, dass sich Lettenreuth ohnehin an die Verwaltungsgemeinschaft anschließen würde, stand es für die „Braut“ fest. Diese Ehe würde sie nicht eingehen, und so kam Lettenreuth/Oberreuth zu Michelau.

Rathaus gestürmt

„Noch holpriger ging es andernorts zu“, wusste der Referent in seinem launigen Vortrag zu berichten. Im unterfränkischen „Rebellendorf“ Ermershausen widersetzten sich die Bürger energisch der Eingliederung in die Gemeinde Maroldsweisach, so dass schließlich mehrere Hundertschaften der Bereitschaftspolizei den Ort stürmten. Das Rathaus wurde zwangsgeräumt. Seit 1994 ist Ermershausen aber wieder eine selbstständige Gemeinde. Als es bei der Eingemeindungsfeier von Lettenreuth nach Michelau gepökelte Rinderzunge gab, meinte der Lettenreuther Bürgermeister Andreas Gack: „Mit der Zunge wollt ihr uns woll aach gleich die Michlaare Sprouch beibreng?“

Im Landkreis Lichtenfels entstanden aus 57 Orten letztlich elf Großgemeinden, wobei Michelau von der Einwohnerzahl her die viertgrößte im Landkreis wurde. Dabei hatte es bereits vor der Gebietsreform 1971 bis 1980 etliche Zusammenschlüsse gegeben.

Mit Lettenreuth/Oberreuth an der Grenze zum Landkreis Coburg hatte Michelau bereits vor 1975 Verhandlungen um die Eingemeindung geführt. Heftig umworben wurde Lettenreuth schon 1974 durch Weidhausen, das den Anschluss an den Lichtenfelser Landkreis suchte, aber dazu die Eingemeindung der Orte Lettenreuth und Neuensorg benötigte. Weidhausen wollte so auch der drohenden Eingemeindung nach Sonnefeld entrinnen. In einer Bürgerbefragung im August 1975 sprach man sich in Weidhausen mit fast 70 Prozent der Stimmen allerdings klar für den Verbleib im Landkreis Coburg aus. Ernst Schmidt ging in seinem Referat auch auf die Ortsgeschichte von Lettenreuth/Oberreuth ein. Er beleuchtete die erste Kapelle am Kapellenberg und den Bau der Pfarrkirche Sankt Laurenzi. Alte Bürgerhäuser wurden ebenso vorgestellt wie der Kanal- und Straßenbau, die ersten Großprojekte nach der Eingemeindung.

Reiches Neuensee

Interessant war die Ausgangslage in Neuensee. Zu Zeiten der kommunalen Gebietsreform konnte im Gemeindebereich Michelau nur Neuensee ein positives Steueraufkommen vorweisen. Die anderen Orte waren finanziell schlecht gestellt. Die gute Finanzlage stärkte die Position des Neuenseer Bürgermeisters Otto Ritzel bei den Eingemeindungsverhandlungen. Nachdem Michelau und Neuensee ohnehin fast schon verkehrsmäßig zusammengewachsen waren, gab dies wohl letztlich den Ausschlag für den Zusammenschluss mit Michelau.

Interessanterweise gehörte Neuensorg über 130 Jahre zu Neuensee. Der Neuensorger Albert Wich war der letzte Bürgermeister, der von 1934 bis 1952 den beiden Gemeinde Neuensee und Neuensorg vorstand. Mit seiner Amtszeit endete die Verbindung dieser beiden Orte. Trotz der konfessionellen Verbindungen zu Michelau wurde Neuensorg letztlich in die Großgemeinde Weidhausen im Landkreis Coburg eingegliedert. Ortsgeschichtlich ging Ernst Schmidt auf die Historie des Neuenseer Weihers, die alten Gebäude wie das ehemalige Jagd- und Forsthaus und die „Klopfermacher“ ein.

Nicht einverstanden

Gemeinsam mit Neuensee wurde Schwürbitz zum 1. Januar 1978 in die Gesamtgemeinde eingegliedert. Bereits im März 1975 hatte die Gemeinde Michelau vom Innenministerium die Zustimmung zur Bildung einer Großgemeinde mit Schwürbitz und Neuensee erhalten. In Neuensee und besonders in Schwürbitz war man mit den Plänen der Regierung nicht einverstanden.

Schwürbitz kämpfte einen letzten Kampf um die Selbstständigkeit. In einer Bürgerbefragung sprach man sich für eine Verwaltungsgemeinschaft mit den umliegenden Orten aus. Die Entscheidung fiel jedoch im Gemeinderat mit einer einzigen Stimme zugunsten von Michelau. 9:0 in Lettenreuth, 8:1 in Neuensee und 7:6 in Schwürbitz lauteten die Abstimmungsergebnisse in den Gemeinden.

„Natürlich dauert es lange, bis sich die Ortsteile einander annähern, denn in den Köpfen der Bürger bleibt immer die Zugehörigkeit zu ihrer Heimatgemeinde verankert. Und das ist auch gut so!“
Ernst Schmidt, Heimatforscher

Für den Ortsteil Schwürbitz beleuchtete Ernst Schmidt nicht nur das teilweise problematische Nebeneinander der beiden Konfessionen sowie die Geschichte so bedeutender Gebäude wie des „Steinernen Hauses“ und des Rathauses. Noch heute sind der katholische und der evangelische Friedhof durch eine Mauer getrennt. Zwei Kirchen, der „Dom am Obermain“ und die evangelische Kirche im Ort, sind ebenfalls Ausdruck für die konfessionelle Trennung.

Baumaßnahmen laufen

Abschließend ging der Referent noch auf die runden Geburtstage in den einzelnen Gemeindeteilen, den Rudufersee und den Kampf gegen die Hochwasser des Mains ein. Die Baumaßnahmen für das Großprojekt laufen bereits, führten aber in Schwürbitz zu nicht weniger heftigen Diskussionen wie die Pläne für den neuen Rathausanbau in Michelau und den Abriss der Gaststätte „Dorfbrunnen“.

Doch die Zeit heilt offensichtlich auch die kommunalpolitischen Wunden, und in den zurückliegenden 40 Jahren hat die Großgemeinde ihr Durchhaltevermögen bewiesen. „Natürlich dauert es lange, bis sich die Ortsteile einander annähern, denn in den Köpfen der Bürger bleibt immer die Zugehörigkeit zu ihrer Heimatgemeinde verankert. Und das ist auch gut so!“, schloss Ernst Schmidt seinen ausgezeichneten Vortrag.

Der Gemeinderat von Neuensee im Jahr 1977.