MARKTGRAITZ/LICHTENFELS

Rinder als Naturschützer

Rinder seit 1995: Für Heinrich Geßlein ist Weidehaltung ein Hobby. Foto: Stark

Ein kräftiges Muhen erschallt auf der Weidefläche unterhalb des Sportplatzes in Marktgraitz. „Rindvieh trifft Rindvieh, das passt doch“, scherzt Landrat Christian Meißner bei der Auftaktveranstaltung des Projekts „Weidelandschaft Obermain - genussvoller Naturschutz“.

Das Projekt wird vom Landschaftspflegeverband Landkreis Lichtenfels getragen und hat die Etablierung der großflächigen Beweidung durch Rinder und andere Weidetiere zum Ziel. Diese soll der Region am Obermain als neue und alternative landwirtschaftliche Nutzungsform zur Verfügung stehen.

Doch wieso braucht man in Oberfranken die alternative Möglichkeit der Landwirtschaft durch Weidehaltung? „Viele Tier und Pflanzenarten würden anderenfalls durch das Schrumpfen der Lebensräume verschwinden“, sagt Ludwig Wendler, Vorsitzender des Bund Naturschutz in Ebensfeld. Man habe festgestellt, dass eine besonders große Vielfalt an Tieren- und Pflanzen nur bei einer entsprechend vielfältig gestalteten Landschaft möglich sein.

Die Weidehaltung von Rindern soll diese Vielfalt sichern. „Rinder grasen nicht alles gleichmäßig ab, sondern lassen mal mehr mal weniger Gras und anderes Gewächs stehen. Zudem treten sie nach dem Regen erdige Furchen aus, die schon fast als sumpfartig bezeichnet werden können“, erklärt Wendler.

Eine andere Möglichkeit diese Vielfalt zu erhalten, gebe es kaum. „Die Pflege von Hand ist sehr aufwendig, das wissen wir von unserem mehrere Hektar umspannenden Gebiet am Nassanger. Dort könnten wir uns stattdessen für die Zukunft eine Schafsbeweidung vorstellen“, erklärt Anton Reinhardt, Kreisvorsitzender des Bundes Naturschutz.

„Ich bin gewissermaßen schon als Kind auf die Kuh

gekommen.“

Heinrich Geßlein

Die Gebiete verwildern zu lassen, komme nicht in Frage. Gerade solche, mit großer Nähe zu Flüssen oder Seen würden dadurch viel zu stark in ihrer biologischen Vielfältigkeit gefährdet. Streuobstbäume würden durch wucherndes Gehölzdickicht verschwinden. Tier- und Pflanzenarten, die auf Offenland angewiesen sind, würden diesem Wandel ebenso zum Opfer fallen.

Die breitflächige Weidehaltung biete nach Meinung von Anton Reinhardt hingegen eindeutige Vorteile: „Wenn wir die Tiere einsetzen, haben wir gewissermaßen eine nahezu kostenlose Landschaftspflege und profitieren zusätzlich von Einnahmen aus dem Verkauf der tierischen Erzeugnisse, wie beispielsweise dem Fleischverkauf.“

1100 Hektar Fläche sollen im Landkreis Lichtenfels für das Projekt ausgezeichnet werden, von dessen 421 000 Euro Gesamtkosten 85 Prozent der Bayerische Naturschutzfond übernimmt.

Für die Testphase in Marktgraitz ist Heinrich Geßlein zuständig. Der Krankenpfleger betreibt die Weidehaltung seit 1995 als Hobby und freut sich sehr über das Projekt, das nun angegangen werden soll. „Ich konnte die Tiere mit einem beweglichen Weidezaun nicht mehr draußen halten, da er einfach zu instabil war. Aus irgendeinem Grund waren die Rinder verschreckt und sind oft ausgebrochen“, erzählt Geßlein. Mit der finanziellen Projekthilfe des Naturschutzfond konnte er nun feste Zäune errichten und seine Rinder seit dem 1. Oktober wieder im Freien grasen lassen, anstatt sie im Stall zu halten.

„Ich bin gewissermaßen schon als Kind auf die Kuh gekommen“, scherzt der 56-Jährige. Schon seine Eltern hätten einen kleinen Mondscheinbauernhof betrieben auf dem er immer gerne geholfen habe.

„Ich kann meine Leidenschaft nicht wirklich begründen. Es ist ein guter Ausgleich für den Schichtdienst. Aber es ist auch einfach wunderbar zu sehen, wenn ein Kalb auf die Welt kommt. Es gibt viele Dinge, die mir und der Weidehaltung Freude bereiten.“

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