LICHTENFELS

Die Stadt von morgen: Lesung in Lichtenfels

Die Stadt von morgen: Lesung in Lichtenfels
„Imagination“ heißt der Einstieg des Buches, der anhand eines Comics anschaulich darstellt, wie Berlin im Jahre 2070 aussehen könnte. Foto: Marion Nikol

Was wäre, wenn wir uns nicht mehr mit Autos, sondern in autonom fahrenden Kapseln fortbewegen würden? Wenn wir in Unterführungen und Tunneln nahrhafte Pilze, Algen und Gemüsesprossen züchten würden? Und wenn wir in neuartigen Formen von Wohngemeinschaften leben würden, die nicht den Interessen von Immobilienspekulanten, sondern den tatsächlichen Bedürfnissen unserer Gesellschaft entsprächen?

Das alles mag zunächst nach einer Utopie klingen. Doch spätestens seit Sonntagnachmittag ist klar, dass es sich bei derartigen Szenarien tatsächlich um konkrete Visionen handelt, die mitunter heute schon erprobt werden. Davon ließen sich über 30 Gäste im Rahmen einer Autorenlesung begeistern, zu der Stefan Mehl von der R+G Beteiligungs GmbH in den Showroom des Archivs der Zukunft nach Lichtenfels eingeladen hatte. Hier präsentierte der Architekt Friedrich von Borries seine Ideen von der „Stadt der Zukunft“, und las aus dem gleichnamigen Buch, das er zusammen mit dem Stadtplaner Benjamin Kasten für die Buchreihe „Entwürfe für eine Welt mit Zukunft“ verfasst hat.

Gerecht, anpassungsfähig, grün: auf dem Weg zur „Globalopolis“

Die Gründe, sich Gedanken über die Zukunft der Städte zu machen, sind offensichtlich: Zum einen steht die Stadt für Wachstum, Wohlstand und Freiheit und gilt als Anziehungspunkt für viele Menschen. Zum anderen nimmt die Urbanisierung weltweit zu. In Deutschland beispielsweise leben 75 Prozent der Menschen in Städten. Gleichzeitig ist die Stadt ein Ort, an dem große ökologische und soziale Probleme verursacht werden. Umso wichtiger erscheint daher die Frage, wie sich diese gerechter, grüner und anpassungsfähiger gestalten lässt. Eine Antwort darauf, beziehungsweise ein mögliches Szenario dafür ist die sogenannte „Globalopolis“.

Unter dem Begriff verstehen die Autoren eine vernetzte Siedlungsstruktur, die den gesamten Globus umspannt. Freie Räume sind dabei durch Verkehrstrassen zerschnitten, welche die unterschiedlichen Siedlungskerne miteinander verknüpfen, auch über Wasserflächen hinweg. „Sie werden sich jetzt fragen, ob eine solche globale Stadt eine Wunschvorstellung oder ein Schreckensszenario ist“, wandte sich Friedrich von Borries ans Publikum und ergänzte: „Die Antwort ist einfach: Sie ist weder das eine noch das andere, sondern einfach eine Wahrscheinlichkeit vor dem Hintergrund des globalen Bevölkerungswachstums.“

Die Stadt von morgen: Lesung in Lichtenfels
Visionär und doch konkret: Friedrich von Borries las ausgewählte Passagen aus seinem Buch vor und brachte den Gästen sei... Foto: Marion Nikol

Wichtig zu erwähnen war dem Architekten an dieser Stelle, dass die Globalopolis nicht nur als räumliche, sondern auch als politische Organisation zu sehen ist, wie er aus dem Buch zitierend erläuterte: „Wenn wir an die Stadt der Zukunft denken, denken wir also nicht nur an die bauliche Masse, nicht nur an die Verteilung von Grün- und Freiflächen oder an neue, umweltfreundliche Mobilitätssysteme, sondern wir stellen uns die Stadt auch als zentrale politische Institution vor, die demokratisch ihre eigenen Geschicke in die Hand nimmt.“

„Wir stellen uns die Stadt auch als zentrale politische Institution vor,

die demokratisch ihre eigenen Geschicke in die Hand nimmt.“

Friedrich von Borries, Architekt

Unabhängig davon, ob es noch 20 oder 50 Jahre dauert, bis fliegende Kapseln oder unterirdische Algenfarmen überall Realität werden – die „Message“ der Autoren lautet auch, dass die Gestaltung der Zukunft bereits im Hier und Jetzt beginnt. Aus diesem Grund beinhaltet das Buch im Rahmen von verschiedenen Handlungsfeldern zahlreiche Anregungen, was zu tun ist. Eines dieser Handlungsfelder, welches bei der Lesung im Showroom vorgestellt wurde, beschäftigt sich mit der Frage, wie Wohnen in Zukunft aussehen soll.

Innovative Wohnformen für die Stadt der Zukunft

Fakt ist, dass das Wohnen in der Stadt immer teurer wird, und zwar nicht nur in großen Städten wie Berlin und München, sondern auch in Kleinstädten wie Lichtenfels. Friedrich von Borries und Stefan Heimes plädieren deshalb für ein Umdenken, sprich mutig zu sein und neue Wege abseits der klassischen Eigentumsverhältnisse zu erproben. „Für die Stadt der Zukunft gilt es, innovative Wohnformen zu entwickeln, die dichtes, urbanes Wohnen attraktiv und bezahlbar macht“, so von Borries. Als Beispiel nannte der Architekt das Wohnprojekt „Kalkbreite“ in Zürich, wo es Wohnungen für WGs oder Großfamilien gibt, Kleinstwohnungen, die sich um eine gemeinsame Küche gruppieren, und Zimmer, die bei vorübergehend gestiegenem Raumbedarf temporär dazu gemietet werden können. Ebenso interessant ist die Wohnform „VinziRast-mittendrin“ in Wien, wo Studierende und ehemalige Obdachlose in Wohngemeinschaften zusammenleben.

Die Frage nach der kulturellen Identität

Nach der Lesung gab es im Showroom des Archivs der Zukunft ausreichend Gelegenheit zur Diskussion, die Journalist Markus Häggberg moderierte. Dabei kam auch die Frage nach kulturellen Identitäten und den künftigen Alleinstellungsmerkmalen von Städten zur Sprache. Hier machte der Buchautor deutlich, dass sich Städte auch in Zukunft voneinander unterscheiden sowie Vor- und Nachteile haben werden, auf deren Basis sich Menschen entscheiden, wo sie leben wollen. Um aber letztlich nicht austauschbar gemacht zu werden, so der Architekt, erfordere es Visionen und vor allem Mut auf allen Seiten.

Genau diesen Mut und diese Begeisterung dürften auch die Gäste aus der Veranstaltung an diesem dritten Advent mitgenommen haben. Schließlich besitze jeder Mensch, so die einstimmige Meinung, ein Solidaritätsgefühl für den Raum, in dem er oder sie unmittelbar lebe. Genau daran können auch Kleinstädte – wie es Lichtenfels im Zuge der Vision 2030 bereits tut – anknüpfen, um gemeinsam herauszufinden, wo man hinmöchte und das Leben in der „Stadt der Zukunft“ aktiv mitzugestalten.

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