Main-Blick: Mit der Glotze fing alles an

Main-Blick: Mit der Glotze fing alles an

Da sitzen sie zusammen, die drei Generationen einer Ebensfelder Familie, und starren an jenem Novemberabend im überheizten Wohnzimmer der Großmutter ungläubig in die Glotze. Die Bilder, die über die Mattscheibe des Röhrenfernsehers flimmern, sind verstörend, unerwartet, wirken wie ausgedacht. Aufgrund eines Missverständnisses hatte da einer von der DDR-Führung verkündet, man könne nun problemlos ausreisen. Menschenmassen versammeln sich, fordern genau das ein. Plötzlich werden Schlagbäume hochgezogen. In Berlin wird auf der Mauer gefeiert. Der zehnjährige Bub, der diese Bilder sieht, kann sie nicht wirklich einordnen. Klar, von der DDR hatte er natürlich schon gehört, an der Grenze selbst war er nie gewesen. Und wie nah diese war, war ihm nicht wirklich bewusst. Dass Oma eine ältere Schwester in der DDR hatte, die vor Jahrzehnten und weit vor dem Mauerbau der Liebe wegen einst nach Thüringen gegangen war und dann hinter dem Eisernen Vorhang bleiben musste, war dem Jungen da noch nicht so bewusst. Ebenso nicht, dass Mama dort eine Cousine hat, die sie noch nie im Leben gesehen hatte. Und die war plötzlich wenige Tage danach da. Ein Auto hatte sie selbst nicht: Sie hatte die Nachbarin überredet, mit ihrem Trabi gen Westen zu fahren. Eine Familienzusammenführung der besonderen Art. – 30 Jahre sind diese Ereignisse nun her. 30 Jahre, in der dieser Bub, mittlerweile OT-Redakteur und Autor dieser Zeilen, sich sehr oft mit der jüngeren deutsch-deutschen Geschichte auseinander gesetzt hat. In diesen er ganz bewusst Grenzerfahrungen gesammelt hat und schockiert war, dass der Todesstreifen, der als Kind fern schien, aber so nah war. Dass es die Wachtürme und den Stacheldraht aus dem Fernsehen in unmittelbarer Umgebung gab. Nun, drei Jahrzehnte nach dem Mauerfall, sind die Eindrücke von damals plötzlich wieder da, die Erinnerungen plötzlich wieder ganz klar. Trotz aller Differenzen, die es noch immer zwischen Ost und West gibt, bleibt für mich das Fazit eindeutig: Dieser historische Tag, dieser 9. November, war ein Glückstag für Deutschland. Ein Tag, auf den wir stolz sein dürfen.

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