LICHTENFELS

Ausstellung „13 Führerscheine - 13 Schicksale“ in den USA

Ausstellung „13 Führerscheine - 13 Schicksale“ in den USA
Lisa und Clara Aumüller sowie Victoria Thiel bei der Ausstellungseröffnung in New Jersey mit den Nachfahren der Portraitierten. Foto: Privat

Wenn Geschichte versöhnt, ist das in Worte kaum zu fassen. Das erleben die Zwillinge Clara und Luise Aumüller und ihre Schulfreundin Victoria Thiel in New Jersey. Hinter ihnen reihen sich in einem jüdischen Kulturzentrum die Standup-Banner einer Ausstellung. Die Portraits von Sigmund und Alfred Marx sowie Alfred Oppenheimer sind dort mit zehn anderen Schicksalen zu sehen. 13 Lebenswege sind beschrieben. Dafür haben die drei Abiturientinnen mitrecherchiert. Mit anderen Gymnasiasten aus dem P-Seminar eine mittlerweile preisgekrönte Ausstellung erarbeitet. Die jetzt als englische Version ihren Weg in die USA gemacht hat. Als im Landratsamt Lichtenfels in einem Ordner ein trauriges Kapitel Vergangenheit auftaucht, denkt noch niemand, dass daraus ein ungewöhnliches Schulprojekt entsteht. 13 Führerscheine werden gefunden, die Lichtenfelser Bürger in der Nazi-Diktatur im Amt abgeben mussten. Weil sie Juden waren. Und weil die Bürokratie im Nationalsozialismus hervorragend funktionierte.

13 Lebenswege nachgezeichnet

Die Lebenswege der ehemaligen Führerscheininhaber zeichneten Gymnasiasten in der Ausstellung „13 Führerschene – 13 Schicksale“ und einem Begleitband nach (das OT berichtete). Für die drei jungen Frauen gab es jetzt eine Reise, die sie wohl ein Leben lang nicht vergessen werden. Die Nachfahren von Sigmund und Alfred Marx luden die Lichtenfelserinnen in die USA ein. So ging es nach Boston, Austin und New Jersey. Es war keine Reise zu Fremden mehr: Sieben Nachfahren kamen aus der USA bereits zur Ausstellungseröffnung und Stolperstein-Legung nach Lichtenfels angereist. „Das ist besonders schön. Für sie war es nach Jahrzehnten eine kleine Familienwiedervereinigung“, erzählen die Zwillinge.

„Wir hätten nie gedacht, dass einmal eine Reise in die USA die Folge der Ausstellung sein wird“, meint das Trio nach seiner Rückkehr. Und noch etwas konnten sie nicht ahnen: Wie wichtig den Nachfahren die Arbeit der Gymnasiasten ist. „Den Familien hat es sehr viel bedeutet, dass wir als junge Deutsche die Schicksale nachgezeichnet haben. Auch ihr Besuch in Lichtenfels war für sie sehr bewegend“, sagen die Zwillinge. „Für uns hat sich viel geändert, indem wir von den Menschen erfahren haben, die damals verfolgt wurden“, fügt Victoria Thiel hinzu.

Ausstellung „13 Führerscheine - 13 Schicksale“ in den USA
Die Zwillinge Luise und Clara Aumüller sowie ihre Schulkameradin Victoria Thiel sind zurück von der großen USA-Reise. Foto: Till Mayer

Die Nachfahren der Marx-Brüder haben ihren Weg in den USA gemacht. Sie haben sich einen gewissen Wohlstand erarbeitet. Darüber freuten sich die drei Teenager. Mit den Urenkeln waren die drei auch gleich auf einer Linie. Rachel Schlesinger ist kaum älter als der Besuch aus Oberfranken und macht gerne Filme. Und das freute die Zwillinge aus Oberfranken: Auch sie hat eine Zwillingsschwester: Ellie. Ein anderer Urenkel zieht für den deutschen Besuch extra sein FC-Bayern-Trikot an.

Junge Amerikaner wissen oft wenig über den Holocaust

„Rachel fand unser Projekt klasse“, sagt Clara Aumüller. Erstaunt war der deutsche Besuch aber schon, wie wenig oft junge Amerikaner über den Holocaust wissen. „Nicht in jüdischen Familien natürlich. Dort ist eine große Betroffenheit gegeben“, meint Luise Aumüller. Victoria Thiel hatte bei einem Austausch-Projekt schon einmal den Geschichtsunterricht einer amerikanischen Highschool mitbekommen. „Da fand der Zweite Weltkrieg eher als Auflistung der militärischen Siege der Amerikaner statt. Es ging weniger um das Leiden der Menschen und den Holocaust“, meint Victoria Thiel.

„Für uns hat sich viel

geändert, indem wir von den Menschen erfahren haben, die damals verfolgt wurden.“

Victoria Thiel, Abiturientin

Genau deswegen sei das Projekt „13 Führerscheine – 13 Schicksale“ so wichtig, sind sich die Abiturientinnen einig. Viele Jugendliche würden den Geschichtsunterricht vor allem als eine Aufreihung von Zahlen und Daten erleben. „Man muss den Menschen, die unter den Nationalsozialisten verfolgt und ermordet wurden, ein Gesicht geben.

Ausstellung „13 Führerscheine - 13 Schicksale“ in den USA
Auch Interviews mit einem großen New Yorker TV-Sender gab es im Rahmen der Ausstellungseröffnung.

Dann erlebt und versteht man Geschichte ganz anders“, erklärt Victoria Thiel. Alle drei fanden auch den „örtlichen Bezug“ wichtig. „Zu wissen, was während des Nationalsozialismus in der eigenen Heimatstadt Lichtenfels geschah, dass hilft zu verstehen“, meinen die Aumüller-Zwillinge.

Wilhelm Aumer zeigte Mut

Die Geschichte der 13 Führerscheine führt die Meranier-Gymnasiasten aber auch auf die Spur von einem mutigen Mann. Im Lichtenfelser Bezirksamt arbeitete Wilhelm Aumer. Er warnte Betroffene, dass die Reisepässe aller jüdischen Lichtenfelser Bürger konfisziert werden. Dabei hielt Aumer eine Dienstanweisung für einige Tage zurück und rettete somit Leben. Wie sie sich selber in einer Diktatur verhalten hätten? Das wissen die drei jungen Frauen nicht. So tapfer wie Wilhelm Aumer, so angepasst und pflichtversessen wie das Gros des damaligen (Beamten-)Apparats – vom Lehrer, Reichsbahner bis zum Richter. Aber ihr Projekt hat die drei jungen Frauen nachdenklich gemacht. „Wir hoffen natürlich, wir hätten die Stärke gehabt zu widerstehen“, sind sich die drei einig. Stolz sind sie, dass die Geschichte von 13 Lichtenfelsern in einem jüdischen Kulturzentrum in New Jersey zu sehen ist.

 

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