LICHTENFELS

Brauchtum: Is di Gewiddähäx om Himml

Brauchtum: Is di Gewiddähäx om Himml
Durchschnittlich 1,5 Blitze pro Quadratkilometer und Jahr schlagen in Bayern ein. Foto: Thomas Rensinghoff

Wenn wir mit den Pferden auf dem Feld waren und ein Gewitter heranzog, hatte ich als kleiner Junge große Angst. Was tun - unter dem Wagen verstecken? Kommt das Gewitter noch näher oder zieht es weg? Ist ein großer Baum in der Nähe und der Blitz könnte dort einschlagen? Der sichere Bauernhof war sehr weit weg, wir fühlten uns den Gefahren der Naturgewalten hilflos ausgeliefert.

Dem Autor sind diese Erinnerung noch sehr lebendig. Hier klingen alte Ängste aus jenen Zeiten durch, in denen unsere Altvorderen den Mächten der Natur hilflos ausgeliefert waren. In ihrer Not zündeten sie schwarze geweihte Wetterkerzen an und beteten. Einigen Leuten am Obermain ist noch der Gebetsvers gut in Erinnerung: „Heilige Mutter Anna, treib das Gewitter von danna. Treib es über den Wald, damit es nicht mehr schaden kann.“ In anderen Gegenden war das Wetterläuten oft die letzte Hoffnung, den Blitzeinschlag in den Häusern abzuwehren. Alle fürchteten Gewitter, es gab ja noch keinen Versicherungsschutz und keinen Blitzableiter.

Kräuterstrauch sollte vor Blitzeinschlag schützen

Im Volksglauben waren viele Formen bekannt, sich vor dem Blitzschlag zu schützen. Am Lichtmesstag wurden früher im Gottesdienst die schwarzen Wetterkerzen geweiht, die vor Blitzschlag schützen sollten. Gerne brachen sich beim Fronleichnamsumzug die Frauen einen Birkenreis vom Altarschmuck ab, um ihn als Blitzschutz unters Dach zu legen. Die geweihten Kräuterbündel an Mariä Himmelfahrt sollten, auf dem Dachboden aufgehängt, das Haus vor Blitzschlag bewahren. Die Palmkätzchen, am Palmsonntag geweiht, wurden früher auf die Feuerstelle des Herdes gelegt. Nahte ein Gewitter, so wurde ein Stück vom Hauswurz hereingeholt und zu den Palmkätzchen gelegt. Bereits Karl der Große verlangte von seinen Untertanen, dass man auf jedes Hausdach in seinem Reich die von ihm hochgeschätzte Pflanze setze, damit der Blitz von den Wohnstätten in Stadt und Land fernbleibe.

Wetterhexen waren für das Gewitter verantwortlich

Früher gab es den Brauch des Wetterläutens, der heute noch in Mittenwald gepflegt wird. Das Läuten der Kirchenglocken sollte durch den Lärm und durch die Kraft der geweihten Glocken das Gewitter, aber auch Wetterdämonen und Hexen vertreiben. Das Wetterläuten wurde 1783 als Aberglaube verboten.

Die Angst der Menschen vor Gewitter war früher noch stärker vorhanden, da man die wissenschaftlichen Hintergründe nicht kannte. Die Wetterhexe wurde für das Gewitter verantwortlich gemacht. Erste schriftliche Belege von 1090 für Wetterhexen stammen aus Freising. Die gängigen Vorstellungen über die Untaten von Hexen beschrieb eine bekannte Persönlichkeit im 16. Jahrhundert: „Die Hexen, das sind die bösen Teufelshuren, die da Milch stehlen, Wetter machen, auf Böcken und Besen reiten, auf Mänteln fahren, die Leute schießen, lähmen, verdorren und die Kinder in der Wiege martern.“ Haben Sie die Person erraten? Es war Martin Luther im Jahre 1522.

Als besonders gefürchtet galten Wetterhexen nach dem Volksglauben, wenn sie zu mehreren auftraten; die von ihnen verursachten Unwetter konnten größere Gebiete verwüsten. Vor allem in Gebieten, in denen die Bewohner auf witterungsempfindliche Kulturen wie Wein- und Obstbau spezialisiert waren, hatte man Angst vor Wetterzauber. Der Hexenglaube und die Rituale zur Beeinflussung des Wetters hielten sich vor allem auf dem Land noch bis in das 20. Jahrhundert.

Die Sage vom schiefen Kirchturm in Ahorn

Zum Wetterzauber gibt es viele fränkische Volkssagen und Geschichten. Eine Wetterhexe kommt zum Beispiel in einer Sage vom schiefen Kirchturm in Ahorn bei Coburg vor. Außerdem war in unserer Region eine Wetterregel verbreitet, die heißt: „Is di Gewiddähäx om Himml, gib`s a Gewiddä un ka Gebimml.“

Dass die Folgen von Blitzeinschlag in der Bevölkerung am Obermain präsent sind, zeigen die vielen Berichte von Bränden. Das Obermain-Tagblatt muss leider Jahr für Jahr immer wieder über Blitzeinschläge berichten: So über eine Scheune in Obersdorf, die nach einem Sommergewitter-Blitzschlag völlig ausgebrannt ist, oder über drei Kühe, die auf der Karolinenhöhe bei Trieb auf einer Weide getötet wurden.

Buchen sollst du suchen, vor Eichen sollst du weichen

Dann von einem Einfamilienhaus in Redwitz an der Rodach und von anderen Hausbränden durch Blitzschlag. Im Laufe der Jahrhunderte waren auch Kirchen betroffen. 1835 verbrannten nach einem Blitzeinschlag in Vierzehnheiligen die Orgel, der Dachstuhl und die beiden Türme. Die Kirche glich einer Ruine.

Viele alte Bäume sind vom Blitzschlag gezeichnet. Der letzte Luther-Film begann mit einer Gewitterszene, die übrigens an der alten Eiche bei Nedensdorf gedreht wurde. Der sechs Meter dicke Stamm lässt vermuten, dass er von vielen Blitzschlägen im Laufe der letzten Jahrhunderte gebeutelt wurde.

Stimmt die Volksweisheit: „Buchen sollst du suchen, vor Eichen sollst du weichen“? Nein, für den Blitz ist es völlig unerheblich, um was für einen Baum es sich handelt. Stattdessen lautet die Regel: Sind Bäume in der Nähe, sollte man Abstand halten. Denn Blitze schlagen oft in die höchste Erhebung ein. Bis zu 30 Prozent aller Blitzunfälle enden tödlich. In Deutschland waren es 1950 noch um 100 Todesfälle. Seit 2000 gibt es nur noch ein bis acht Todesfälle pro Jahr.

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