LICHTENFELS

Geflochtene Gesellenstücke aus Espartogras und Waldrebe

Johanna Münich auf ihrem Stuhl „13 12er“. Hier kann sie gemütlich Gitarre spielen. Foto: Annette Körber

Drei Jahre haben sie zusammen gelernt und entwickelt und gewerkelt, nun haben fünf Frauen und ein Mann ihre Ausbildung an der Berufsfachschule für Flechtwerkgestaltung abgeschlossen. Die meisten von ihnen haben schon konkrete Vorstellungen, wie es nun weitergehen soll. Und drei von ihnen schieben den Abschied noch ein Stück hinaus: Nora Gawenda, Bettina Pflügler und Gundel Liebmann unternehmen zusammen eine Fortbildungsreise nach Spanien.

Die Fahrt wird über „Erasmus+“ gefördert, ein Programm der Europäischen Union für Auszubildende. In Spanien wollen die drei Frauen mehr über Flechttechniken mit Espartogras lernen.

Nora Gawenda: Rucksäcke und Taschen aus Esparto-Gras

Nora Gawendas „Caballar-Kollektion“ besteht aus drei Taschen. Foto: Annette Körber

Das Material hat Nora Gawenda für ihre „Caballar-Kollektion“ verwendet: drei Taschen und Rucksäcke, die in der spanischen Recinchitto-Technik geflochten sind. „Normalerweise wird diese für Körbe zum Sammeln von Schnecken verwendet“, erklärt die 24-Jährige aus Leipzig. „Ich liebe die Technik und das Material.“ Und da sie „etwas ohne Plastik und ohne Tier“ machen wollte, hat sie für die Träger Leinenschnur und Zunderschwamm verwendet.

Nach der Spanienfahrt geht es für sie auf einen Hof nach Belgien zum Europäischen Freiwilligendienst. Danach will sie sich selbstständig machen, aber nicht in Deutschland: „vielleicht in Belgien oder Italien, mal schauen“.

Gundel Liebmann: Wohnaccessoires aus Haselruten und Waldrebe

Gundel Liebmann will künftig wieder mit Kindern beziehungsweise Jugendlichen arbeiten. Nach der Spanienfahrt wird die ehemalige Handarbeitslehrerin, in ihrer Heimat Kassel Zehntklässler unterrichten: „Ich will das Flechthandwerk weitergeben. Und ich will's weiter ausüben. Vielleicht mache ich mich dafür auch selbstständig.“

Da könnte sie auf ihrem Gesellenstück aufbauen: ein Wohnaccessoire in zwei Ausführungen. „Drei am Seil“ sind in Schanzentechnik ausgeflochtene Behälter, für die sich die 45-Jährige an Hutzelkörben orientiert hat. „Zwei am Seil“ sind lichte Behälter, bestehend aus zum Halbrund gebogenen Ruten, die am oberen Rand durch ein Geflecht aus Clematisbast und Schneeballspan gehalten werden. Letzterer ist eine Hommage an die Spanflechterei. Für die Behälter hat sie Haselruten und Waldrebe verwendet. „Ich wollte hiesiges Flechtmaterial nutzen“, sagt sie.

Gundel Liebmann mit „Drei am Seil“ und „Zwei am Seil“, einem Wohnaccessoire in zwei Ausführungen.

Die Behälter sind mit Karabinern an Seilen befestigt. Die Höhe der Aufhängung, aber auch die Farbe der Seile kann individuell angepasst werden.

Bettina Pflügler: ein Werk ohne Namen und ohne Nutzen

Die dritte im Bunde der Spanienfahrerinnen, Bettina Pflügler, will danach zurück in ihre Heimat im Freisinger Landkreis. „Die Zukunft ist nicht festgelegt – genau wie das Stück“, sagt die 30-Jährige. „Das Stück hat keinen Namen, keinen Nutzen, ist eher ein freies Objekt.“

Keinen Namen und keinen Nutzen hat Bettina Pflüglers Werk aus Weide – aber drei Öffnungen.

Das Flechtwerk ist aus Weide und hat drei Öffnungen – das war das einzige, was Bettina Pflügler geplant hatte. Die Form entstand während der Arbeit: um die eine Öffnung gerade – „wie man es gelernt hätte“ –, um die anderen beiden verdreht und etwas schief – „wie wenn man's frei fließen lässt“. Damit spiegelt das Werk Pflüglers Beschäftigung mit der Frage, ob es besser ist, alles vorher zu planen, oder einfach drauf los zu arbeiten.

„Eigentlich wollte ich etwas ganz Sinnvolles machen, auch, um den Sinn der Ausbildung zu zeigen“, denkt sie zurück. Aber am Ende eines langen Prozesses verwarf sie alle Ideen – und entwarf etwas total Sinnloses, wie sie selbst sagt.

Johanna Münich: ein Stuhl für Gitarrenspieler

Sinnvoll und sehr speziell ist Johanna Münichs Gesellenstück geworden. Die 36-Jährige aus Donauwörth hat sich für ihren „13 12er“ von ihrem Hobby inspirieren lassen: Sie spielt gern Gitarre, hatte aber immer das Problem, das man mit dem Instrument nicht bequem auf einem Stuhl sitzen kann. Also hat sie selbst einen entworfen, der mit seiner schwungvoll gebogenen Form gut Raum für den Gitarrenkorpus lässt. „Meine Motivation ist, Dinge herzustellen, die es noch nicht gibt, die aber einen praktischen Nutzen haben“, erklärt sie.

„Ich will das Flechthandwerk weitergeben. Und ich will's weiter ausüben.“
Gundel Liebmann

Johanna Münich ist gelernte Gartenbauerin, hat aber aus gesundheitlichen Gründen umschulen müssen. Sie will sich ein Jahr Pause zum Planen und Entwickeln gönnen und dann die Ausbildung zur Ergotherapeutin drauf setzen. Sie hofft, danach einen Teilzeitjob zu finden, der es ihr ermöglicht, den Rest ihrer Zeit Möbelbau, Flechterei und Gartenbau zu widmen: „Das kann man gut kombinieren.“

Susanne Wetzker: eine Lampe – vier Hängemöglichkeiten

„Vierauseins“ nennt Susanne Wetzker ihre Lampe mit vier Hängemöglichkeiten. Foto: Annette Körber

Einen Gebrauchsgegenstand hat auch Susanne Wetzker aus dem Saarland entworfen: eine Lampe, die vier Möglichkeiten bietet. Die „Vierauseins“ kann als Wandleuchte befestigt werden, senkrecht von der Decke hängen, waagrecht als Pendelleuchte, oder als Stehlampe einen Akzent setzen.

„So ein Neustart bringt Schwung ins Leben. Das kann ich nur empfehlen.“
Susanne Wetzker

Sie besteht aus einem aufgespalteten Rattanstab, das mit Peddigrohr umflochten ist. „Die Spaltflechterei war für mich neu. Ich wollte daraus etwas entwickeln“, erklärt sie. Ihr war dieser Lernprozess wichtig, aber auch, ein Objekt zu schaffen, das jedem die Möglichkeit eröffnet, in der eigenen Wohnung kreativ zu werden.

Susanne Wetzker will sich in ihrer Heimat selbstständig machen. Mit 53 Jahren hat sie umgeschult. Sie lächelt. „So ein Neustart bringt Schwung ins Leben. Das kann ich nur empfehlen.“

Nicht beim Pressetermin dabei war Till Ihrig. Er gestaltete einen Raumtrenner aus Geflecht. Foto: Annette Körber

Anmerkung: Till Ihrig aus Hamburg konnte als Blockschüler nicht beim Pressetermin dabei sein. Er hat aus Weidengeflecht, Eichenholz und Stahl einen Raumtrenner und Sichtschutz entworfen, der in Gemeinschaftsräumen wie Umkleiden oder Sanitäranlagen flexibel eingesetzt werden kann.

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