LICHTENFELS

„Andorra“: Eine Gesellschaft verliert ihren Halt

„Andorra“: Eine Gesellschaft verliert ihren Halt
Bei der sogenannten Judenschau müssen alle schwarze Tücher über dem Kopf tragen. Foto: Gerda Völk

Andorra ist ein Dorf, dass Sicherheit und Heimat verspricht. Weiß getünchte Häuser, eine Schule, eine Kneipe, eine Kirche und eine Dorfgemeinschaft, in der jeder jeden kennt. Vor diesem Hintergrund hat der Schweizer Schriftsteller Max Frisch sein gleichnamiges Theaterstück angesiedelt, dessen Uraufführung 1961 im Schauspielhaus in Zürich war.

„Andorra“ gilt als eines der wichtigsten Theaterstücke der deutschsprachigen Literatur der Nachkriegszeit. Inhaltlich geht es um die Gefahr, die von Vorurteilen ausgeht, sowohl für den Einzelnen als auch für die gesamte Gesellschaft. In Szene gesetzt wurde „Andorra“ vom Mittel- und Oberstufentheater des Meranier-Gymnasiums in zwei Aufführungen am vergangenen Wochenende. Max Frischs Parabel zeigt, wie eine Gesellschaft ihren Halt verliert, die Vorurteilen aufsitzt und nicht dem eigenen Gewissen vertraut.

Eine weibliche Andri, um den Identitätskonflikt zu aktualisieren

„Andorra“: Eine Gesellschaft verliert ihren Halt
Andri (re., Lisa Stock) und ihre Schwester Barblin (li., Elly Kinscher) lieben sich.

In der Inszenierung des Gymnasiums gibt es immer wieder Anleihen an die Jetzt-Zeit, ohne die Tonart des Klassikers zu verlassen. So hat man sich bewusst für eine weibliche Andri (Doppelbesetzung: Lisa Stock, Antonia Lind) entschieden, um den Identitätskonflikt zu aktualisieren und gleichzeitig die Kritik am Antisemitismus in jeglicher Form beizubehalten.

Andri wächst im Bewusstsein auf, nicht nur Pflegekind des Lehrers (Tamara Schnapp, Lewis Vincent), sondern als Jude auch anders zu sein. Als sie aber ihre Schwester Barblin (Elly Kinscher, Lieselotte Hahn) heiraten will, eskaliert die Situation. Denn in Wahrheit ist Andri die uneheliche Tochter des Lehrers mit einer Senora (Alexandra Thiel), die ebenfalls Opfer der Fremdenfeindlichkeit der Andorraner wird.

Einzigartigkeit des eigenen Umfelds, Andersartigkeit des Nachbarn

Obwohl aus den 1960-er Jahren stammend, hat „Andorra“ nichts an Aktualität eingebüßt. Im Gegenteil: Die bewusste Betonung der Einzigartigkeit des eigenen Umfeldes und der negativen Andersartigkeit des Nachbarn lassen unwillkürlich Parallelen zu aktuellen Ereignissen zu.

Am Ende einer Szene wird jeder Handelnde aus dem Hauptblickfeld treten und in einer in einem Nebenschauplatz aufgestellten Kirchenbank seine Unschuld beteuern. „Ich bin nicht schuld, dass es mit ihr so genommen ist“, sagt der Tischler (Martyna Surmacz) obwohl er vom Vater eine horrende Summe als Lehrgeld für Andri gefordert hat, die unbedingt Tischlerin werden wollte. Auch der Geselle (Johanna Schwender) gibt im Nachhinein zwar zu, dass es nicht sein Stuhl war, der ordentlich verzapft war, sondern Andris. Weist aber darüber hinaus auch jede Schuld von sich.

„Andorra“: Eine Gesellschaft verliert ihren Halt
Der Judenschauer (3. v. li., Alexander Thiel) sieht sich die Füße von Andri (Lisa Stock) an. Foto: Gerda Völk

Keiner will schuld sein, keiner will die Wahrheit wissen

Der Doktor (Paul Henzler) schwärmt patriotisch übertrieben von Andorra und den Andorranern („Andorra ist ein Hort des Friedens und der Menschenrechte“) hält aber ansonsten nichts von den Juden. „Das Schlimmste am Jud ist, dass sie keinen Spaß verstehen“, sagt er und reklamiert für sich, nur die Wahrheit zu sagen. Auch der Soldat Peider (Fabian Arneth) reiht sich in den Reigen der Unschuldigen ein. Er gefällt sich in seiner Rolle des tapferen Landesverteidigers und beruft sich auf seine Gehorsamkeit, schließlich Befehl ist Befehl.

„Andorra“: Eine Gesellschaft verliert ihren Halt
Im Vorfeld des Sankt-Georgs-Tags hat Barblin (re., Elly Kinscher) das Haus ihres Vaters geweißelt. Foto: Gerda Völk

Als die Wahrheit ans Tageslicht kommt, will sie keiner wissen. Am Ende wird nicht nur Andri getötet, ihr Vater erhängt sich in der Schule, und seine Schwester verliert völlig den Verstand. Wie in der Eingangsszene weißelt Barblin die Wände und sogar den Boden, um ein schneeweißes, unschuldiges Andorra zu haben. Andris Schuhe müssen dort stehen bleiben, wo sie sie ausgezogen hat, damit sie, wenn sie wiederkommt, sie auch vorfindet.

Authentisches Spiel, gute Musikauswahl

Die Verzweiflung Andris, ihrer Schwester und die innerliche Zerrissenheit ihres Vaters werden authentisch gespielt. Gut besetzt war die Rolle des anmaßenden Soldaten und des schnöseligen, von Vorurteilen geprägten Doktors. Durch eine gute Leistung zeichneten sich auch die anderen Mitwirkenden aus. Für Heiterkeit sorgte Rose Freiburg in der Rolle des Idioten, die mit schlenkernden Bewegungen mehrmals durchs Bühnenbild lief. Erwähnenswert ist auch die Musikauswahl, die ausschließlich aus „Queen“-Songs bestand, die zumindest im ersten Teil der Handlung etwas von der bedrückenden Stimmung der Geschichte nahmen.

Die Leitung des Mittel- und Oberstufentheaters lag in den Händen von Christina Weisenseel-Wiesen.

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