LICHTENFELS

Gegen Steinwüsten: Pflanzenvielfalt statt Stein-Einerlei

Ein Leben ohne Garten könnte sich Sylvia Heib nicht vorstellen. Den Trend zu Schottergärten versteht sie nicht. Foto: Annette Körber

Lieber ein freundliches Mausgrau oder doch ein lebhaftes Aschgrau? Viele Vorgärten vor allem in Neubausiedlungen rufen Erinnerungen an Loriots Film „Ödipussi“ wach, auch wenn es da um Stoffbezüge ging. Hier geht es um Steine, in verschiedenen Größen und Graunuancen zwar, aber um Steine. Sylvia Heib findet das furchtbar. „Man kann den Leuten nicht vorschreiben, was sie tun müssen. Aber diesen Trend zu leblosen Steinwüsten verstehe ich nicht. Ich hoffe, wir können mit guten Beispielen dieser Modeerscheinung entgegenwirken.“

Die Burgkunstadter Hobbygärtnerin hat deshalb voriges Jahr bei der Hauptversammlung des Kreisverbands für Gartenbau und Landespflege, in dem sie Ausschussmitglied ist, beantragt, eine Kampagne gegen Steinwüsten-Vorgärten zu starten. „Es waren sofort alle dafür“, freut sie sich. Für Kreisfachberater Michael Stromer keine Überraschung.

„Steinwüsten überdecken guten Mutterboden und verhindern Pflanzen und Kleinstlebewesen.“
Sylvia Heib, Jurymitglied des Wettbewerbs „Unser Dorf hat Zukunft“

Der Zierkies in solchen Vorgärten werde oft auf einem Vlies ausgebreitet. Damit sei die Hoffnung verbunden, dass sich kein Unkraut ansiedelt. Ein Trugschluss. Früher oder später lagern sich wieder Staub, Sand und Erde an – das reicht Flugsamen, die der Wind mitbringt, völlig aus. „Auch Löwenzahn. Krieg den mal wieder raus!“ Sylvia Heib weiß, wie zäh der ist. So mancher Schottergarten-Besitzer greift dann zum Gift, erklärt Stromer. „Das ist natürlich das Gegenteil von dem, was ich und der Kreisverband wollen.“

Sylvia Heib erinnert sich noch gut an das erste Mal, als sie so eine Steinwüste sah. Im Saarland war das, wo ihr Sohn lebt. „Ich dachte da noch, na ja, Saarland, das ist ja weit weg.“ Aber mittlerweile braucht sie sich nicht mal mehr ins Auto setzen, um entsprechende Beispiele zu finden. Beispiele, wie sie sie bis dahin eher von der Facebook-Seite „Gärten des Grauens“ kannte. Dort werden Fotos von Steinwüsten gesammelt und, mit satirischen Kommentaren versehen, gepostet. Es dominiert die Farbe Grau. Fröhlich oder gar lebendig, um zu Loriot zurückzukommen, sieht das aber definitiv nicht aus.

Ein Beitrag zum Artenschutz

„Steinwüsten überdecken guten Mutterboden und verhindern Pflanzen und Kleinstlebewesen“, erklärt die Hobbygärtnerin, die auch in der Jury des Wettbewerbs „Unser Dorf hat Zukunft“ sitzt. Vielfältige Gärten und Grünflächen seien auch ein Beitrag zum Artenschutz, meint sie mit Blick auf das Volksbegehren „Rettet die Bienen“, das bei vielen das Bewusstsein für das Insektensterben geweckt hat. Sylvia Heib will die Bauern, die sie als intensive Landschaftspfleger sieht, nicht allein in die Pflicht nehmen. „Wir können alle mithelfen.“

Und dafür soll nun getrommelt werden. Der Beschluss des Kreisverbands ist ein Arbeitsauftrag für Michael Stromer. Eigentlich, so sagt der Kreisfachberater, beschäftigen sich alle Vorträge und Kurse, die er anbietet, mit dem Thema. „Ich kenn's net anders. Schon mein Vorgänger hat das Mantra von den artenreichen Gärten wieder und wieder gesungen“, sagt er mit einem Lächeln. Aber auch ihm ist klar: „Wir müssen jetzt neue Wege beschreiten.“ Wege, über die er diejenigen erreicht, die das Angebot der Gartenbauvereine nicht anspricht.

Deshalb hat der Umweltausschuss kürzlich beschlossen, dass Häuslebauer künftig mit der Baugenehmigung einen Gutschein für eine Beratung von Michael Stromer bekommen sollen. Das soll keine Konkurrenz für die hiesigen Landschaftsgärtner und Gartenbaubetriebe sein, deren Erfahrung und Wissen er lobt. Aber: „Ich habe bisher auch schon jeden beraten, der es wollte, dafür bin ich ja da“, sagt der Fachmann. In einem solchen Gespräch kann man dann klären, wie sich ein Garten in Hanglage gestalten lässt, wie man eine Blumenwiese anlegt, oder was für Sträucher sich als Grundstücksbegrenzung eignen.

„Ich habe bisher auch schon jeden beraten, der es wollte, dafür bin ich ja da.“
Michael Stromer, Kreisfachberater

Der Landkreis Lichtenfels wird sich außerdem der bayernweiten Initiative „Bayern blüht – Naturgarten“ anschließen. Interessenten können hier ihren Garten zertifizieren lassen. Sie erhalten eine Plakette, ähnlich dem Goldenen Ammoniten, wenn sie keinen chemischen Pflanzenschutz, keinen Mineraldünger oder Torf einsetzen und Lebensbereiche für verschiedene Tier- und Pflanzenarten einrichten – etwa eine Feuchtfläche, Bäume und Sträucher oder eine „schlampige Ecke“, in der auch Brennnesseln wachsen dürfen. Darüber freuen sich vor allem Schmetterlinge. „Ziel ist es, nach außen zu tragen, dass man für Gartenvielfalt steht“, erläutert Stromer.

Typische oberfränkische Gärten

Im Herbst geht die Broschüre „Dorfgrün“ in den Druck, kündigt er an. Sie wird von den Kreisfachberatern in Oberfranken zusammen erstellt, unter Federführung des Amts für Ländliche Entwicklung und des Gartenbauzentrums Kitzingen, und soll typisch oberfränkische Gestaltungsformen zeigen: Dorfanger, offene Vorgärten, aber auch gelungene Einfriedungen– keine Gabionen. Stromer lacht und schüttelt den Kopf: „Da werden die Schottergärten sozusagen noch in die Höhe gezogen.“

Der Kreisfachberater verweist auch auf den Wettbewerb „Unser Dorf soll schöner werden“. Parallel dazu veranstaltet der Kreisverband einen Wettbewerb für Blumenschmuck im Dorf. Er erinnert an den Rosentag in Birkach, der am 9. Juni ansteht, und den Tag der offenen Gartentür, bei dem Interessenten jedes Jahr gelungene Beispiele besichtigen können. Auch Sylvia Heib kennt als Jurymitglied des Dorfwettbewerbs viele tolle Gärten, den kinderfreundlichen, den seniorengerechten. Den perfekten Garten gibt es für sie nicht. Aber einen Wunsch hat sie: Artenvielfalt. Und das bedeutet nicht nur keine Steinwüste, sondern auch mehr als Gras und Bäume.

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