LICHTENFELS

Vision 2030: Wie kann Korbstadt fahrradfreundlicher werden?

Wo ein Wille, dort auch ein Weg – auch wenn dieser für Fahrradfahrer auf vielen Strecken derzeit (noch) nicht vorhanden ist – aufgenommen in der Kronacher Straße. Die Stadt arbeitet aber an der Verbesserung der Situation. Foto: Marion Nikol

Der Funke kann bereits bei Vierjährigen überspringen – mit den Händen stolz am Lenkrad, die Wangen gerötet, die Augen strahlend. Was kann schöner sein, als sich mit einem Gefühl des Fliegens fortzubewegen? Und das sogar bis ins hohe Alter. Fahrradfahren schenkt ein Stück Freiheit und Unabhängigkeit. Es fördert die Fitness, Figur und Gesundheit. Es kennt keinen Stau, keine Parkplatz-Probleme und produziert ganz nebenbei auch kein Kohlendioxid (CO2).

Trotz all dieser offensichtlichen Vorteile werden in Lichtenfels bislang nur rund zehn Prozent der Fahrten mit dem Fahrrad getätigt. Liegt es daran, dass die Korbstädter zu bequem sind? Oder herrschen womöglich keine optimalen Bedingungen für einen sicheren und komfortablen Radverkehr?

In einer Stadt der kurzen Wege sollte Fahrradfahren jedenfalls als wichtiger Bestandteil einer nachhaltigen Mobilität 2030 in Betracht gezogen werden. Je günstiger die Umstände sind, desto höher dürfte die Bereitschaft sein, mehr Fahrten mit dem Rad zurückzulegen. Und wo ein Wille ist, dort ist bekanntlich auch ein Weg – selbst wenn dieser sprichwörtlich steinig und voller Hindernisse sein mag.

Rudimentäre und unzusammenhängende Infrastruktur

Ob leidenschaftlicher Allwetter-Radler oder Gelegenheitstäter – spätestens seit der Veröffentlichung des Verkehrsentwicklungsplans ist es kein Geheimnis mehr, dass es Radfahrer in Lichtenfels nicht leicht haben. Die Experten bemängeln vor allem die Tatsache, dass die Infrastruktur für den Radverkehr lediglich rudimentär und unzusammenhängend vorhanden ist. Darüber hinaus gibt es kaum Querungsmöglichkeiten der Bahnlinien und des Mains. Beide stellen erhebliche Barrieren dar, deren Überwindung deshalb schwierig ist, weil die wenigen Unterführungen und Brücken auch noch schlecht ausgebaut sind.

Viele Hauptrouten verlaufen zudem entlang stark befahrener Hauptverkehrsstraßen, was ein nicht zu unterschätzendes Sicherheitsrisiko darstellt. Das gilt für die Kronacher, Coburger und Viktor-von-Scheffel-Straße ebenso wie für die Bamberger Straße. In der Letztgenannten ist zwar ein Radweg vorhanden, doch dieser wird einerseits von zahlreichen querenden Straßen und Einmündungen unterbrochen und bietet andererseits keine sinnvolle Weiterführung in Richtung Stadtzentrum.

Bahnhof nur über stark befahrene Zweigstraße erreichbar

Der Bahnhof wiederum ist nur über eine stark befahrene Zweigstraße erreichbar, die keinerlei Infrastruktur für den Radverkehr aufweist. Auch im Bereich des nördlichen Mains sehen die Experten aufgrund der hohen Verkehrsbelastung ein nicht unerhebliches Gefährdungspotenzial für Radfahrer.

Glücklicherweise zeigt das Verkehrsentwicklungskonzept nicht nur die Schwachstellen auf, sondern auch diverse Möglichkeiten, wie diese behoben werden können. Dabei geht es sowohl um die sinnvolle Führung überregionaler Routen als auch die Verbesserung des lokalen Netzes.

Wichtige Ziele müssen optimal miteinander verbunden werden

Wichtige Ziele wie Schulen, Bahnhof und Einkaufzentren müssen besser an die bestehende Radwegestruktur angebunden und miteinander verbunden werden. Es sollten zudem ausreichend breite Wege und sichere Querungsshilfen geschaffen werden. Bei Dunkelheit gilt es, Fahrradwege gut auszuleuchten. Und im Winter sollten diese regelmäßig geräumt werden. Auch mit einer deutlichen Kennzeichnung von Hauptwegen sowie einer klaren Wegweisung durch übersichtliche Beschilderungen lässt sich die Situation erheblich verbessern.

„Wir haben bei der Zukunftswerkstatt
bereits wertvollen Input erhalten und werden
auch weiterhin die Bedürfnisse abfragen,
um die richtigen Entscheidungen zu treffen.“

Sebastian Müller, Pressesprecher

der Stadt, zum Verkehrskonzept

Von heute auf morgen lässt sich Lichtenfels natürlich nicht in eine fahrradfreundliche Stadt verwandeln. Wie Sebastian Müller, Pressesprecher der Stadt, erklärt, handelt es sich bei der Vision 2030 um ein Konzept, das in den kommenden zehn Jahren nachhaltig umgesetzt werden soll. „Dabei ist es uns besonders wichtig, die Wünsche der Bürger zu berücksichtigen. Wir haben bei der Zukunftswerkstatt bereits wertvollen Input erhalten und werden auch weiterhin die Bedürfnisse abfragen, um die richtigen Entscheidungen zu treffen.“ Ein wichtiger Meilenstein war hier beispielsweise die Zukunftswerkstatt am 10. Mai (das OT berichtete). Ähnlich sieht es auch Stadtbaumeister Gerhard Pülz: „Wir legen nicht blind drauf los, sondern setzen erst mal dort an, wo Synergien sind. So müssen beispielsweise in der Kronacher Straße mittelfristig die Leitungen erneuert werden, so dass wir in diesem Zuge auch das Thema der fahrradfreundlichen Gestaltung angehen können“.

Für ein besseres Miteinander

Dass die Situation für Radfahrer in der Korbstadt noch nicht optimal ist, zeigt auch ein Blick auf die Unfallstatistik. Im Vergleich zu 2017 ist die Anzahl der Verkehrsunfälle mit Beteiligung von Fahrradfahrern 2018 deutlich angestiegen. Ein Grund dafür mag der heiße Sommer gewesen sein, der mehr Radler auf die Straßen gelockt haben dürfte. Andererseits darf dies nicht darüber hinwegtäuschen, dass in den vergangenen drei Jahren im Durchschnitt 45 Fahrradfahrer jedes Jahr an einem Unfall beteiligt waren – in 90 Prozent der Fälle gab es Verletzungen.

„Egal, ob man Autofahrer, Fahrradfahrer oder
Fußgänger ist – nur wenn wir vorausschauend
unterwegs sind und dabei auch auf unsere
Mitmenschen Acht geben, können wir

die Sicherheit im Straßenverkehr erhöhen.“

Michael Lang, Polizeihauptkommissar

Ende Gelände: Als „ungenügend“ und zum Teil auch „sicherheitsgefährdend“ bewerten die Experten im Verkehrsentwicklungspl... Foto: Marion Nikol

Um die Sicherheitssituation zu verbessern, kommt es einerseits zwar auf Rahmenbedingungen wie eine sichere Infrastruktur, aber andererseits auch auf den Umgang der Verkehrsteilnehmer untereinander an. Polizeihauptkommissar und Sachbearbeiter Verkehr, Michael Lang, von der Polizeiinspektion Lichtenfels, plädiert deshalb für ein besseres Miteinander: „Egal, ob man Autofahrer, Fahrradfahrer oder Fußgänger ist – nur wenn wir vorausschauend unterwegs sind und dabei auch auf unsere Mitmenschen Acht geben, können wir die Sicherheit im Straßenverkehr erhöhen.“

Das Auto öfter mal in der Garage lassen

Wie nachhaltige und sichere Mobilität in Lichtenfels 2030 konkret aussehen wird, liegt also zum Teil auch in der Hand der Bürger selbst – und das gleich in mehrfacher Hinsicht. Wer sich gerne gesund, umweltfreundlich und kostensparend fortbewegen will, lässt öfter mal das Auto in der Garage stehen. Wer nicht zufrieden mit den infrastrukturellen Bedingungen ist, hat im Zuge der Vision 2030 ausreichend Möglichkeiten, sich mit Ideen und Anregungen an einer positiven Entwicklung zu beteiligen. Und zu guter Letzt kann sich jeder – unabhängig vom jeweiligen Fortbewegungsmittel – immer dafür entscheiden, Rücksicht auf andere zu nehmen.

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