LICHTENFELS

„Demokratischer Frühling“ der SPD: Profit steht über allem

„Demokratischer Frühling“ der SPD: Der Profit steht über allem
Dr. Joseph Haas, Politologe und Historiker, zeigt die Geschichte Europas auf und wirbt für ein leidenschaftliches Leben für und in Europa. Foto: Tim Birkner

„Frieden ist mehr als die Abwesenheit von Krieg. Es braucht dafür Geborgenheit in einem gemeinsamen Europa.“ Der Politologe und Historiker Dr. Joseph Haas sprach bei der zweiten Veranstaltung des „Demokratischen Frühlings“ des SPD-Ortsvereins über Europa. Haas warb für einen leidenschaftlichen Einsatz für ein Europa. Dafür blickte er als Historiker 2500 Jahre zurück, dafür analysierte er als Politologe die aktuelle Lage und er nannte als Mensch seinen Standpunkt und seine Meinung.

Das alles tat er transparent, nannte Fakten und lud die Zuhörer im Café Moritz ein, sich an seinen Schlüssen zu reiben und zu diskutieren.

An der Transparenz mangle es der Europäischen Union heute: „Übersetzt heißt das Bürokratie. Sie tötet jede Euphorie und wirkt wie Sand im Getriebe.“ Aus gutem Grund waren wirtschaftliche Überlegungen die Triebfedern, die EU aufzubauen. „Heute herrscht allerdings der alleinige Geist des Neoliberalismus“, beobachtet Haas. Der Mensch zähle wenig, der Profit stehe über allem. „Was wir brauchen ist ein soziales Europa abseits der Konzerne – das ist die Aufgabe, die es zu erfüllen gilt.“ Davon sei Europa heute weit entfernt. „Wir müssen alle mitnehmen. Was schwer ist, ist auch wichtig.“ Haas fordert die Bereitschaft, sich einer Sache wieder voll und ganz zu widmen. „Europa war, ist und bleibt gut. Aber es kann auch noch besser werden.“ Dafür fordert er jeden auf, das zu tun, was er kann. Und auch darüber nachzudenken, was es beispielsweise heißt, wenn 40 Prozent des EU-Haushaltes in die Landwirtschaft fließen und heute europaweit zwei Prozent der Bevölkerung in der Landwirtschaft arbeiten.

„Wenn die Christen christlich handeln würden, wäre bereits vieles gelöst.“
Dr. Joseph Haas, Politologe und Historiker

Die Patina, die die EU an vielen Stellen angesetzt hat, zeigt er auf – und diskutiert den Brexit. Da sieht er eine Bruchlandung Großbritanniens, die er auch auf verstaubte Traditionen im Königreich zurückführt. „Das gehört der Vergangenheit an.“ Haas arbeitet auf Anfrage heraus, wer von der Griechenland-Krise profitiert hat: „Die Banken haben jedenfalls gut verdient.“ Und er mahnt, dass in Deutschland der Niedriglohn über Hand genommen hat. Im Wirtschaftskreislauf führt das zu den viel diskutierten Exportüberschüssen. Dieses Ungleichgewicht „kann man lösen, indem die Lohnerhöhungen bei uns wieder akzeptabel werden“, findet Haas.

Oder er erhebt mit Leidenschaft seine Stimme, wenn es um die sozialen Ungerechtigkeiten geht. Er sieht die Menschen, die sich in unserer unmittelbaren Nachbarschaft ihre Mieten nicht mehr leisten können – er blickt aber auch in die Länder, „in denen die Menschen jämmerlich verrecken“.

Politisch sieht er, dass „diejenigen gewählt werden, die den Menschen nach dem Mund reden“. Mit der bisherigen Politik, die immer auf dem Schielen nach Zustimmung fuße, könnten die Probleme nicht gelöst werden. Was hilft dann? „Ich sehe es als meine Verpflichtung an, die Erde als Einheit zu betrachten. Ich bin für ein Denken und Handeln der Menschlichkeit – und zwar aus Eigennutz.“

Und Haas appelliert: „Wenn die Christen christlich handeln würden, wäre bereits vieles gelöst.“ Haas lässt an diesem Abend Zuhörer zurück, die er mit seien Ausbrüchen an Leidenschaft angesteckt hat. Die merken, dass nicht die anderen, sondern sie selbst etwas bewegen können. „Jeder kann und soll das im Kleinen dort tun, wo er oder sie die Möglichkeit dazu hat. Egal, welche politische Präferenz man hat, egal in welchem Verein man Mitglied ist. Es geht nur, wenn wir alle mitnehmen“

Weitere Termine des „Demokratischen Frühlings“: Mittwoch, 24. April, 19 Uhr

„Alles nur noch Fake News? – Verantwortung und Macht der Medien in unserer Demokratie“, Referent: Stefan Linß, Diplom-Politologe und Journalist, Kulmbach.

Donnerstag, 23. Mai, 19 Uhr im Café Moritz. „Von Moral und Werten in der Gesellschaft – wie passen Glaube und Politik zusammen?“ mit Pfarrerin Anne Salzbrenner. (red)

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