Leser-Forum: Blühstreifen reichen bei Weitem nicht aus

Zur Stellungnahme von Hans Rebelein, Geschäftsführer des BBV Lichtenfels, im Obermain-Tagblatt am Samstag, 9. Februar:

„Der Vorwurf des Vertreters des hiesigen Bauernverbandes, die Behauptungen der ÖDP seien ohne jeglichen wissenschaftlichen Hintergrund, entspricht nicht den Tatsachen. Der Vorwurf muss aus folgenden Gründen als völlig haltlos zurückgewiesen werden:

1. Die ÖDP hat das Volksbegehren zur Änderung des Naturschutzgesetzes gerade deshalb initiiert, weil der dramatische und unsere Lebensgrundlagen bedrohende Artenschwund an Insekten,Vögeln, Fischen, Blühpflanzen und so weiter wissenschaftlich dokumentiert und bestätigt ist.

2. Die beteiligten Wissenschaftler arbeiten in staatlichen Einrichtungen beziehungsweise leiten diese. Zu ihnen gehört Dr. Andreas Segerer, Leiter der Zoologischen Staatssammlung München, einer renommierten und unabhängigen Forschungseinrichtung des Freistaates Bayern (www. ZSM. de). Die im Volksbegehren genannten Fakten und Zahlen wurden des Weiteren von Dr. Andreas Krüß, Abteilungsleiter des Bundesamtes für Naturschutz, wissenschaftlich detailliert bestätigt (www. bfn.de).

3. Wissenschaftliche Forschungsergebnisse werden durch Beobachtungen vieler BürgerInnen ergänzt. Die Landwirtschaft wird immer intensiver, der Rückgang von Feld- und Wiesenvögeln, die Abnahme von Blühwiesen ist augenfällig, im wahrsten Sinne des Wortes. Übrigens: Während die Feld- und Wiesenvögel um zirka 50 Prozent zurückgegangen sind, sind es bei den Waldvögeln nur sechs Prozent. Warum wohl?

4. In den vergangenen zehn Jahren mussten in Bayern 12 000 bäuerliche Betriebe aufgeben beziehungsweise sind einer bisherigen Politik des „Wachsens oder Weichens“ zum Opfer gefallen. Die ÖDP und die beteiligten 170 weiteren Organisation sehen in dem Volksbegehren eine Stärkung und den Erhalt bäuerlicher Familienbetriebe.

5. Die Wirksamkeit (Giftigkeit) der in der konventionellen Landwirtschaft verwendeten Pestizide und Neonikotinoide hat drastisch zugenommen, teilweise bis zum 7000-Fachen der Wirkung des bei uns verbotenen DDT. Diese Pestizide schädigen nachweislich das Immunsystem, den Orientierungssinn und die Fortpflanzungsfähigkeit von Bienen und anderen Insekten.

6. Die von den Politikern erlaubten Testmethoden der Agrarindustrie sind häufig lebensverachtend und zynisch. Dem standardisierten LD-50-Test liegt folgendes Verfahren zugrunde: Streben bei einem Pestizidtest 49 von hundert getesteten Bienen, so gilt das Pestizid als bienenverträglich und wird zugelassen, sterben 51 Bienen, wird es nicht zugelassen.

Vor dem Hintergrund solcher Fakten brauchen wir dringend eine grundsätzliche Agrarwende und eine neue Position des Bauerverbandes, die den Erhalt unserer Lebensgrundlagen deutlich besser gewährleistet. Blühstreifen neben intensiv bewirtschafteten großen Äckern reichen da Weitem nicht aus.“

Reinhard Englert, Mainroth

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