LICHTENFELS

Europa Union: Fränkische Brotzeit und ein Mini

Europa Union: Fränkische Brotzeit und ein Mini
Ein Stück europäisches Lebensgefühl ist für Rainer Taubert sein roter Mini. Foto: Gerhard Herrmann

Presssack und Bierschinken von Metzgern aus dem Landkreis Lichtenfels sind auch in Straßburg beliebt. Dass so mancher Europaabgeordnete von der fränkischen Brotzeit schwärmt, ist Rainer Taubert zu verdanken. Für Kopfschütteln hatte seine Idee gesorgt, die traditionelle Lichtenfelser Wurstprüfung in der bayerischen Landesvertretung im ehemaligen Institut Pasteur in Straßburg abzuhalten. Eine Abstimmung mit den Füßen gab's jedoch, nachdem die Premiere ein Erfolg war. Für den Lichtenfelser Rechtsanwalt ein typisches Beispiel für gelungenen Kulturaustausch.

Nicht nur, wenn's ums Essen geht, lebt Rainer Taubert den europäischen Gedanken. Als Vorsitzender des Bezirksverbands der Europa Union engagiert er sich seit 1991 für Völkerverständigung und Austausch. Wie lange er schon Mitglied der Vereinigung ist, weiß er selbst nicht mehr. Den Anstoß dazu gab in den 1980-er Jahren sein Vater, Professor Martin Taubert, nachdem der etwas kürzer treten wollte. Die Liebe zu den europäischen Nachbarländern ist bei ihm jedoch nicht nur Lippenbekenntnis, er lebt sie seit Jugendjahren durch Reisen und Freundschaften.

„Europa ist mehr als ein Staatenbündnis, es ist ein Lebensgefühl.“
Rainer Taubert, Bezirksvorsitzender der Europa Union

Nicht nur in der gemeinsamen Rechtsanwaltskanzlei von Regina und Rainer Taubert prangt die Europa-Flagge, Taubert hat auch immer eine der Fahnen mit dem Sternenkreis dabei. „Europa ist mehr als ein Staatenbündnis, es ist ein Lebensgefühl“, schwärmt der 68-Jährige. Das beginnt für ihn schon, wenn er sich hinter das Steuer des roten Mini setzt, den er sich gegönnt hat, nachdem er aus gesundheitlichen Gründen beruflich kürzer tritt. „Als Rechtsanwalt hätte ich kaum mit einem roten Kleinwagen vorfahren können, daher hatte ich früher einen Jaguar“, sagt er mit einem Augenzwinkern. Und ein göttliches Vergnügen ist es für ihn, im Sommer am Steuer seines Citroen DS, Baujahr 1969, zu sitzen – für ihn der Inbegriff französischer Lebensart.

Für den Mini schwärmte Taubert schon mit 15 Jahren, als ihn sein Vater in den Ferien nach London schickte, um sein Englisch zu verbessern. In den Swinging Sixties für einen Jugendlichen aus der Kleinstadt ein Kulturschock und ein Erlebnis, das ihn fürs Leben prägte. Während viele Engländer damals noch über die Nazis schimpften und mit Deutschen nichts zu tun haben wollten, hatte Taubert Glück mit dem Boarding-House, in dem er unterkam, denn dessen Wirtin war offen gegenüber allen Nationalitäten. Und bei einer Lesung lernte er seinen Freund Christopher kennen – eine Freundschaft, die seit Jahrzehnten hält. Und ein Stück Völkerverständigung.

„An den Engländern schätze ich ihre Lebensart, die pragmatische Weise, wie sie mit Problemen umgehen, und ihre Herzlichkeit“, betont er. Sogar den Führerschein hat er in England gemacht – und das Umschreiben in Deutschland sei dank der EU kein großes Problem gewesen. Mit seiner Liebe zu den Briten infizierte er auch seine Frau Regina, mit der er 1974 eine Wohnung am Stadtrand von London kaufte, in der sie mit den beiden Söhnen und der Tochter viele Jahre lang die Ferien verbrachten. Gefreut hat es ihn denn auch, dass einer der Söhne in England studierte.

Schulaustausch und Städtepartnerschaft

„Europa lebt durch den Austausch, durch das Kennenlernen der anderen Kultur und der Sprache“, betont Taubert. So wie er selbst England und Frankreich während zahlreicher Ferienaufenthalte kennen und lieben lernte, so versuchte er als Bezirksvorsitzender der Europa Union und als Elternbeiratsvorsitzender am Meranier-Gymnasium, die Schüler durch Schulpartnerschaften und Reisen in die Nachbarländer für den europäischen Gedanken zu begeistern.

So entwickelte sich die Schulpartnerschaft zum Liceo James Joyce in Ariccia so gut, dass Lichtenfels eine Städtepartnerschaft mit der italienischen Kommune besiegelte. Unvergesslich ist für Taubert die italienische Gastfreundschaft, die er zusammen mit dem damaligen Bürgermeister Fred Bogdahn bei Ariccias Zweitem Bürgermeister genoss. Seitdem verbindet die beiden eine tiefe Freundschaft. Und Italienisch haben sich die Tauberts im Selbststudium beigebracht – vor allem durch eine Quiz-Sendung im Fernsehsender RAI Uno.

Bei so viel Weltoffenheit verfolgt Taubert die Diskussion um den Brexit mit zunehmendem Entsetzen. „Ich hätte nie gedacht, dass das Referendum eine Mehrheit bekommen würde, angesichts der drohenden Nachteile für die Wirtschaft“, erklärt er. Und welche Kapriolen die Briten angesichts der Uneinigkeit im eigenen Land noch schlagen werden, mag er sich gar nicht vorstellen. Jetzt räche es sich, dass die Briten einst nur aus wirtschaftlicher Not der Gemeinschaft beigetreten und es seitdem offenbar versäumt hätten, den Bürgern die Vorteile zu vermitteln. Umso wichtiger sei es, eine für beide Seiten vernünftige Grenzregelung mit Irland zu finden.

Nicht nur wirtschaftlich gebe es für die kleinen Ländern Europas in einer globalisierten Welt gegenüber Giganten wie China keine Alternative, betont er. Gerade 100 Jahre nach Ende des Ersten Weltkriegs sollten sich alle, die auf die nationalistische Karte setzen, bewusst sein, dass die EU ein Garant für den Frieden sei. „Wenn man sich überlegt, welche Auswirkungen der Nationalismus in einem so kleinen Land wie Serbien damals auf die ganze Welt hatte, sollten wir froh über die engen Bindungen heute sein“, gibt er zu bedenken.

Eine Lösung angesichts des Trends zum Egoismus könnte ein Europa der zwei Geschwindigkeiten sein: Dass wirtschaftlich stärkere Länder wie Deutschland und Frankreich enger zusammenarbeiten, etwa in Form der von Präsident Macron vorgeschlagenen Finanzunion mit eigenem Haushalt und Finanzminister. Ein wichtiges Signal wäre für Taubert auch eine stärkere Kontrolle der EU-Außengrenzen durch moderne Überwachungstechnik, um Kriminalität und unkontrollierte Ein- und Ausreisen einzudämmen. So könnte die EU bei den Bürgern wieder Vertrauen aufbauen, das durch die Zuwanderung zahlreicher Flüchtlinge verloren gegangen sei.

Die Europa Union

Die Europa-Union ist eine überparteiliche und pro-europäische Organisation. Der 1946 gegründete Verband setzt sich für ein vereintes, föderal organisiertes, demokratisches und friedliches Europa ein. Hierbei spielen die Gedanken der Völkerverständigung und der Bewahrung der „Einheit in Vielfalt“ Europas eine zentrale Rolle.

Die 17 000 Mitglieder in 16 Landesverbänden treten für die Verbreitung und Verwurzelung der Europäischen Idee in Deutschland und das weitere Zusammenwachsen Europas ein.

Ziel ist es, Menschen aus allen gesellschaftlichen Gruppen zu gewinnen, die weiter zur Völkerverständigung beitragen. Schwerpunkte der Arbeit vor Ort sind Vorträge, Diskussionsforen, Studienfahrten in andere europäische Länder, multilaterale Treffen, Seminare und Kongresse.

Informationen gibt's unter eu-bayern.de