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Brauchtum zur Bauernhochzeit: „Heireds übern Miesd, donn wasda wos da grigsd“

1906 heirateten Anna Schmidt aus Altenkunstadt und Johann Motschmann aus Niesten bei Weismain. Die Braut trug ein schwar... Foto: privat

Lauschige Temperaturen und Sonnenschein. Welches Brautpaar stellt sich nicht den Wonnemonat Mai oder den Sommer als die schönste Zeit des Jahres vor, um sich das Ja-Wort zu geben. Das war speziell in den Dörfern am Obermain vor 100 Jahren und bis in die 1950-er Jahre anders. Die Bauernhochzeiten fanden überwiegend im Januar und Februar statt. Warum in dieser Jahreszeit bei Kälte und Schnee heiraten?

Im Winter mehr Zeit zum Feiern

In der Fasten- und der Adventszeit gab es weder Hochzeiten noch Tanzvergnügen. Im Sommer gab es wegen der vielen Arbeit in der Landwirtschaft nicht die Zeit zum Feiern. So schritt man in diesen beiden Monaten, genauer gesagt nach Dreikönig bis Aschermittwoch bevorzugt zum Traualtar. Ein weiterer Grund war die Festvorbereitung. Man hatte Zeit zum Krapfenbacken. Das Festessen wurde meist mit der eigenen Hausschlachtung bestritten; im Januar und Februar wurde grundsätzlich oft geschlachtet. Da man damals weder Kühlschrank noch Gefriertruhe hatte, war das Aufbewahren von Fleisch und Wurst für einige Tage bei frostigem Wetter ideal.

Montag mancherorts Unglückstag

Beliebt zum Heiraten sei der Dienstag gewesen, denn der Montag galt in einigen Landstrichen als Unglückstag – oder es hatte noch andere Gründe. So mögen praktische Erwägungen den Ausschlag gegeben haben, vom Montag als Hochzeitstag abzusehen. Denn am Montag zu heiraten, erforderte, am Vortag, dem Sonntag, viele Arbeiten zu leisten. Nicht überall wurde der Montag als Unglückstag gesehen. Fast in gleichem Maße kam in anderen Quellen der Montag als Hochzeitstag in Betracht. So in Südbayern, Tirol und hier in Franken. Dass in den Dörfern am Obermain am Montag geheiratet wurde, ist belegt. So heirateten die Eltern des Autors dieser Zeilen am 22. Januar 1951, einem Montag.

In der Nachbarschaft

Bevor demnächst im 2. Teil ausführlicher über die Trauung und von der anschließenden Hochzeitsfeier berichtet wird, richten wir heute den Blick auf die Brautwerbung: Besonders in den abgelegenen kleinen Juradörfern auf dem „Gebärch“ heiratete der Bräutigam oft „über dem Mist“. Das bedeutete, die Auserwählte war die Nachbarin oder wohnte nur ein paar Häuser weiter. Dazu passt das Sprichwort in heimischer Mundart: „Heireds übern Miesd, donn wasda wos da grigsd.“

Früher, vor allem bis in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts, gab es nicht viele Gelegenheiten, sich mit anderen jungen Leuten zu treffen. In den Wintermonaten gab es zum Teil die Spinnstuben und im Sommerhalbjahr als einziges Fest die Kirchweih. Zum Kirchweihtanz in die Nachbardörfer ging man zu Fuß, nur wenige hatten ein Fahrrad. Im Maintalgrund gab es eine weitere Möglichkeit, denn durch die Eisenbahnverbindung kam man ab und zu in weiter entlegene Orte und Städte. Ebenso kamen die Mägde und Knechte durch ihre Arbeit in andere Gegenden und lernten dabei ihren Zukünftigen kennen. Außerdem gingen vor allem die jungen Frauen im Winterhalbjahr in Ausflugsregionen an den Rhein oder in die Alpen, um zum Beispiel in großen Gastwirtschaften in der Küche zu arbeiten oder die Gäste zu bedienen. Dort blieb die eine oder andere heiratsbedingt hängen.

Eltern hatten das Sagen

Doch nach wie vor hatten vor Generation die Eltern das Sagen und bahnten mit anderen Eltern ihres „Standes“ die Ehe an. So achtete man darauf, dass der Sohn eines „großen“ Bauern, welcher die Erbfolge antreten sollte, eine Tochter eines anderen „großen“ Bauern heiratete. Dadurch konnte man die beiden Anwesen insgesamt vergrößern. Dass der Erbfolger eine einfache Magd heiraten würde, war unvorstellbar. Selbst wenn diese eine Kind erwartete, war das kein Grund zur Heirat. Da wurde eher ein uneheliches Kinder in Kauf genommen. Die „Liebesheirat“ war nicht die Regel.

Glaubensgrenzen ein Hindernis

Eine zusätzliche Einschränkung waren Glaubensgrenzen. So gingen die jungen katholischen Burschen aus Weismain oder Altenkunstadt nicht zu Tanzveranstaltungen nach Strössendorf oder Michelau. Sie wollten den Konflikt mit den Eltern aus dem Wege gehen. Denn: Welches Drama war es, wenn der Bursche sich in ein protestantisches Mädchen verliebte! So waren die evangelischen Orte im benachbarten Frankenwald oder bei den „Preußen“ im Coburger Land tabu.

Das gleiche galt für die evangelischen jungen Leute, die keine große Motivation hatten, auf Veranstaltungen in katholischen Dörfern und Kleinstädten zu gehen. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg wurden diese Grenzen aufgeweicht, denn durch die Flüchtlinge wuchs der Anteil der evangelischen Bevölkerung in traditionellen katholischen Orten erheblich an. So hatten viele heiratswillige jungen Leute auf dem Land große Probleme mit ihren Eltern, denn eine Mischehe war noch lange verpönt.

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