LICHTENFELS/BAD STAFFELSTEIN

Für Menschen mit Handicap: Die Schwellenangst nehmen

Nadja Motschmann und Johannes Gilbert sind neue Teilhabeberater in Bad Staffelstein und Lichtenfels. Foto: Roger Martin

Nadja Motschmann und Johannes Gilbert erwarten an diesem Freitag hohen Besuch. Anette Kramme, parlamentarische Staatssekretärin im Bundessozialministerium informiert sich über ihre Arbeit. Es geht um ein noch ganz jungen Beratungsangebot am Obermain, das im weitesten Sinne allen Menschen offen steht, die mit Behinderung, Beeinträchtigung oder einer eingeschränkten Teilhabe am gesellschaftlichen Leben gehandicapt oder davon bedroht sind, sowie deren Angehörige. Der Name dieses Beratungsangebots: „Ergänzende unabhängige Teilhabeberatung“, abgekürzt EUTB. Nadja Motschmann arbeitet in leitender Funktion für EUTB in Bad Staffelstein, Johannes Gilbert tut dies in Lichtenfels. Dorthin, in die Bamberger Straße 40 a, kommt auch die Staatssekretärin.

Die Räume der im März dieses Jahres eröffneten neuen Teilhabeberatung in der Kurstadt sind in der Viktor-von-Scheffelstraße 10, unweit des BRK-Wohn- und Pflegeheims. Dort ist auch das Quartiersmanagement der Stadt zuhause. Alles ist ebenerdig und barrierefrei. Der Eingangsbereich und die Innenräume vermitteln ein angenehmes, fast schon familiäres Gefühl.

Lotsen im „Zuständigkeitsdschungel“

Johannes Gilbert weist im Gespräch mit dieser Redaktion darauf hin, dass dieses Ambiente maßgeblich dazu beitragen kann, ratsuchende Menschen die Schwellenangst zu nehmen und sie offen für ein Gespräch zu machen. „EUTB ist ein niedrigschwelliges Angebot“, sagt er. Dies unterscheide die noch jungen Sozial-Einrichtungen von Ämtern und Behörden, die Betroffene aus Angst und Unsicherheit mitunter nicht in Anspruch nähmen, so der 36-Jährige.

„Wir stellen fest, dass sich etliche Menschen, die bei uns Rat suchen, im üblichen System nicht aufgehoben fühlen.“
Johannes Gilbert, Teilhabeberater

EUTB: Was steckt hinter dem neuen Angebot und warum wird überhaupt etwas Neues gemacht, wo doch unser soziales Netz ohnehin so stark ist? Grundlage sei das so genannte Bundesteilhabegesetz von 2016, sagt Nadja Motschmann. „Wir sind keine Konkurrenz zu bisherigen Angeboten und wir wollen sie auch nicht ersetzen. Wir ergänzen und koordinieren Hilfen. Dafür sind wir stark vernetzt,“ sagt Johannes Gilbert. Teilhabeberater verstünden sich als „Lotsen“ im Dschungel der Zuständigkeiten bei Hilfeleistungen, sagt die 34-jährige Nadja Motschmann. Ihr Kollege spricht von guter Zusammenarbeit, zum Beispiel mit Reha- und anderen Kostenträgern wie Krankenkassen, Arbeitsagenturen, Rentenversicherung oder Bezirk.

„Wir stellen fest, dass sich etliche Menschen, die bei uns Rat suchen, im üblichen System nicht aufgehoben fühlen,“ so der 36-Jährige weiter. Vielen davon fehle der geeignete „erste Anlaufpunkt,“ sagt Nadja Motschmann. Sie habe bei Gesprächen festgestellt, dass sich Betroffene bislang nicht ernst genug genommen fühlten. Das neue Teilhabeangebot sei auch deshalb eingerichtet worden, weil Servicestellen von Reha- oder Rentenversicherungsträgern aus Schwellenangst und mangels individueller Beratung „nicht ausreichend“ angenommen worden seien, so Gilbert.

Unabhängig

Ganz typisch und exklusiv für EUTB sei die Unabhängigkeit. „Unsere Beratung ist breit gefächert und ergebnisoffen,“ so der 36--Jährige weiter. „Wir sind niemandem außer dem Ratsuchenden verpflichtet.“ Erst im Laufe eines Gesprächs werde entschieden, wer in die weitere Hilfe eingeschaltet werde. Vorgefasste Beratungen hin zu bestimmten Kostenträgern oder Leistungserbringern vertrügen sich nicht mit den Vorgaben für die EUTB.

Von großem Vorteil sei weiterhin die Tatsache, dass sich die Teilhabeberater deutlich mehr Zeit für einen ratsuchenden Menschen nehmen könnten als dies zum Beispiel Mitarbeitern auf Ämtern und Behörden möglich sei. Gespräche könnten auch einmal zwei Stunden dauern. „Wir geben Raum, dass sich der Betroffene öffnen kann. Wir wollen den Rahmen für eine angenehme Atmosphäre schaffen“, so Nadja Motschmann. Es gibt also genügend Zeit, um alles zu erzählen und möglicherweise eine hilfreiche Ergänzung zur bisherigen Hilfe zu vermitteln. EUTB heiße auch, zum Kern des Problems vorzustoßen.

Gilbert und Motschmann haben in der kurzen Zeit seit Beginn ihrer Teilhabearbeit am Obermain bereits etliche Fälle betreut und konnten helfen. „Das Beratungsangebot wird gut angenommen,“ sagt die 34-Jährige. Johannes Gilbert ist von den den Beiden Ansprechpartner für Betroffene mit psychischer Beeinträchtigung. Nadja Motschmann kümmert sich um Menschen mit geistigen und körperlichen Beeinträchtigungen.

Barrierefreie Wohnung gefunden

Sie habe zum Beispiel mehrere Male eine Frau mit Multipler Sklerose besucht, die an den Rollstuhl gebunden ist und im Landkreis in einem Haus im 2. Obergeschoß wohnt. Die Frau werde bislang schon von einer Sozialstation gepflegt. Wegen ihrer Wohnungssituation habe sie weiteren Rat gesucht. Dank der Mithilfe der EUTB könne sie bald in eine barrierefreie Wohnung umziehen. Dies alles sei in Abstimmung mit den übrigen an diesem Fall beteiligten Einrichtungen und Stellen geschehen.

Motschmann hat auch eine Familie beraten, die ihr dreijähriges Kind mit Down-Syndrom in einem Regelkindergarten unterbringen will. Nun werde geprüft, ob ein Kindergarten beim Bezirk einen Antrag auf Stundenerhöhung stellt, damit der zusätzliche pädagogische Aufwand geleistet werden kann oder, ob eventuell ein persönliches Budget in Frage kommt. Auch hierzu beraten die EUTB-Stellen.

Johannes Gilbert erzählt von einem aktuellen Fall, bei dem eine Person von Erwerbsminderung beeinträchtigt ist. Sie sei derzeit nicht arbeitsfähig. Er habe als Teilhabeberater versucht, mit dieser Person Möglichkeiten zu finden, die Erwerbsminderung und damit eine vorzeitige Rente abzuwenden. Dabei seien Gespräche über die Möglichkeit einer medizinischen Reha geführt worden, damit die Person wieder „stabil“ werde und unter Umstände teilweise wieder arbeiten könne. Medizinischen Rat dürfe er nicht geben. „Wir sind keine Ärzte, Therapeuten oder Anwälte. Wir wissen, wo Schluss ist,“ sagt Gilbert. Wenn sich am Ende seines aktuellen Falls eine Frühverrentung als einzige Möglichkeit herausstelle, dann würde er sich auch dafür einsetzen.

Werdegang

Beide Teilhabeberater haben bereits praktische Erfahrungen in der Sozialarbeit. Nadja Motschmann ist Diplom-Pädagogin und arbeitet seit 2013 für das betreute Wohnen für Menschen mit Beeinträchtigung, zunächst in Bamberg und seit 2015 beim HPZ in Lichtenfels. 2016 kam die Arbeit im Rahmen des Projekts „Beratung und Nachbarschaftshilfe für Senioren“ in Bad Staffelstein dazu. Seit heuer ist sie nun Teilhabeberaterin mit Halbtagesstelle.

Johannes Gilbert kommt aus der Jugendhilfe. Er hat Erziehungsbeistandschaften und sozialpädagogische Familienhilfen geleistet. In Coburg hat er das Studium der Sozialen Arbeit absolviert. Er leitet bereits eine EUTB-Einrichtung in Kronach mit einer Halbtagesstelle.

Gefördert wird das deutschlandweite Beratungsangebot und damit auch die Stellen der beiden Teilhabeberater zu über 90 Prozent vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales. „Jedes Beratungsgespräch wird dokumentiert und nach Berlin geschickt“, so Motschmann. Das Projekt läuft zunächst drei Jahre bis 2020.

Teilhabeberatung vor Ort

EUTB Bad Staffelstein, Viktor-von-Scheffel-Straße 10, Nadja Motschmann, eutb.hps@caritas-bamberg.de, Tel.: 09573 3318600. Öffnungszeiten: Montag 14 bis 17 Uhr, Mittwoch und Donnerstag 10 bis 13 Uhr sowie nach Vereinbarung.

EUTB Lichtenfels, Bamberger Straße 40 a, Johannes Gilbert, johannes.gilbert@eutb-omf.de, Tel.: 09571 9493512. Öffnungszeiten: Dienstag: 9 bis 12 Uhr, Donnerstag 9 bis 12 und 14 bis 17 Uhr, Freitag: 9 bis 12 Uhr.

Weitere Informationen: www.teilhabeberatung.de;