ALTENKUNSTADT

Zum Gedenkan an Margot Wolf: Mit 13 Jahren in die Gaskammer

Im Juni 1942 wurde die erst 13-jährige Margot Wolf mit ihren Eltern und zehn weiteren Altenkunstadter Juden in den Gaska... Foto: Repro: Motschmann

Viele kennen das Tagebuch der Anne Frank, das inzwischen zur Weltliteratur gehört. Weniger bekannt sind die Schicksale der jüdischen Kinder und Jugendlichen, die „vor unserer Haustür“ lebten. Wie Anne Frank war Margot Wolf 13 Jahre alt, als sie als Jüngste mit zwölf anderen Deportierten am 24. April 1942 in Altenkunstadt den Weg in die Gaskammer antreten musste. Von ihr gibt es kein Tagebuch, aber immerhin ein Foto. Sie wäre am 4. Dezember 90 Jahre geworden.

Neben ihr wurden noch zwei weitere Kinder von Altenkunstadt deportiert, die fünf Monate ältere Liesel Ruth Liebermann und der zwei Jahre ältere Ernst Liebermann. Von diesen beiden existiert kein Foto mehr. Doch sie sollen nicht in Vergessenheit geraten. Was haben sie in ihrem kurzen Leben im Alltag der Nazi-Herrschaft erleben müssen?

Nach der sogenannten „Machtergreifung“ am 30. Januar 1933 veränderte sich für die Juden Stück für Stück der Alltag. Schon als kleine Kinder mussten sie dies erfahren. Als fast Siebenjährige durfte Margot nicht das neue Freibad im Nachbarort besuchen. Denn bei der Eröffnung am 4. August 1935 hatte der Burgkunstadter Bürgermeister Dr. Leonhard Feuersinger getönt: „Wir haben hier die Möglichkeit, unter deutschen Volksgenossen zu sein, und wollen nicht, dass jemals Juden dieses Bad betreten.“

Immer mehr Einschränkungen erfuhren auch die jüdischen Viehhändler. Am 7. November 1935 kritisierte in Maineck NSDAP-Stützpunktleiter und Bürgermeister Paul Hilpert den Verkauf von Vieh an Juden und forderte die Bauern auf, „endlich daran zu denken, dass sie Christen und Deutsche seien“. Immerhin setzte sich NSDAP-Ortsgruppenleiter Peter Heinkelmann in Altenkunstadt im Herbst 1933 noch für den Viehhändler Theo Liebermann ein. Jener hatte eine Kuh an einen Bauern in Neuses verkauft. Der Landwirt meinte jedoch, sich um die Bezahlung der Kuh gegenüber einem Juden herumdrücken zu können. Heinkelmann fuhr daraufhin mit dem Fahrrad nach Neuses und bestand darauf, dass Liebermann sein Geld erhielt. Heinkelmann wurden danach von den Altenkunstadter Nazis als Ortsgruppenleiter abgesetzt und durch Lehrer Döll ersetzt.

Zur Erstkommunion eingeladen

Die Freundschaften den Nachbarn wurden vereinzelt weiter gepflegt, auch wenn die Christen mit Schwierigkeiten rechnen mussten. So wurde 1938 das fast zehnjährige Nachbarskind Margot Wolf bei der Erstkommunionfeier ihrer Schulfreundin Margarete Wollner eingeladen und durfte ebenfalls ein weißes Kleid anziehen.

Die jüdischen Kinder gingen seit 1920 in Altenkunstadt in die reguläre Schule, weil zu wenig Kinder für eine rein jüdische Schule da waren. Leider ist über ihren Schulalltag wenig bekannt. Doch ist aus anderen Regionen überliefert, dass jüdische Kinder von Ausflügen und vom Turnen ausgeschlossen wurden und in der Klasse abseits auf der „Judenbank“ saßen. Arische Schüler durften sie nicht mehr ansprechen, auch nicht in der Pause und auf dem Schulweg. Jüdische Mitschüler wurden ignoriert oder verspottet. Unmittelbar nach der Reichspogromnacht wurde am 15. November 1938 Juden der Besuch deutscher Schulen verboten. Die Reichsvereinigung der Juden in Deutschland war verpflichtet, für die Beschulung jüdischer Kinder zu sorgen.

Wohl auf Initiative von Theo Liebermann stellte die jüdische Gemeinde in Altenkunstadt im Oktober 1939 den Antrag, fünf Kinder, zwei aus Altenkunstadt, drei aus Kulmbach, privat unterrichten zu dürfen. Der Unterricht sollte im Haus von Max Schuster gehalten werden, wo auch Familie Wolf wohnte. Der Antrag wurde abgelehnt: Man wolle keine auswärtigen Judenkinder im Dorf haben, außerdem seien nur zwei Altenkunstadter Kinder betroffen und die seien ja aber auch schon elf Jahre alt. Die zwei Schülerinnen aus Altenkunstadt dürften Margot Wolf und Liesel Liebermann gewesen sein. Sie gingen dann – wohl bis Anfang 1942 – in Fürth in einem jüdischen Internat zur Schule, eventuell auch Ernst Liebermann.

In zwei Häusern „eingesperrt“

Nachdem den jüdischen Bewohnern die Bürgerrechte genommen worden waren, setzte der Terror mit der Pogromnacht am 9. November 1938 ein, bei der auch die Altenkunstadter Synagoge von vier Nazis demoliert wurde. Danach mussten die noch Verbliebenen ihre Geschäfte, Häuser und Grundstücke unverzüglich in arische Hände überführen, also meist zu einem Spottpreis verkaufen. Margots Vater Leo Wolf und sein Bruder Benno betrieben in Altenkunstadt ein Seilerei-Geschäft. Im Rahmen der so genannten „Arisierung“ mussten sie 1939 ihr Anwesen verkaufen und in das Anwesen Langheimer Straße 1 einziehen.

Margot Wolf musste auch miterleben, dass ihrem Vater der Führerschein abgenommen wurde. Theodor Liebermann, der Vater von Liesel und Ernst, hatte keinen (das OT berichtete ausführlich anlässlich des Projekts über die jüdischen Führerscheine).

Nach 1940 durften Margot, Liesel und Ernst von niemandem mehr im Dorf gegrüßt werden. Ab Februar erhielten sie keine Kleidermarken mehr. Auf ihre Lebensmittelmarken erhielten ihre Eltern gerade noch die wichtigsten Grundnahrungsmittel. Nachts konnten die vielen Bewohner in der Enge der beiden Häuser oft vor Hunger nicht schlafen. Ab September 1941 mussten alle, die älter als sechs waren, somit auch Margot, Liesel und Ernst, den „Judenstern“ tragen.

Gemeinsam mit Glaubensgenossen aus dem Bamberger Land mussten die Juden aus dem oberen Maintal am 25. April in Bamberg einen Güterzug besteigen, aus dem sie am 28. April um 8.45 Uhr in Kraznystaw bei Lublin in Ostpolen getrieben wurden. Im Juni 1942 wurden Margot, Liesel und Ernst mit ihren Eltern und anderen Verwandten in den Gaskammern von Belzec und Sobibor ermordet. Mit diesem Verbrechen endet die 700-jährige Geschichte der jüdischen Gemeinden am Obermain.

Erste Stolpersteine in Altenkunstadt

Am 9. Mai 2013 verlegte der Kölner Künstler Gunter Demnig die ersten drei Stolpersteine vor dem Anwesen Theodor-Heuß-Straße 65 zum Gedenken an Margot Wolf und ihre Eltern Leo und Helene. Auf der ehemaligen Frauenempore der Synagoge in Altenkunstadt erinnert eine Dauerausstellung an die 700-jährige Tradition der Juden am Obermain. Hier stehen auch die Namen von Margot, Liesel und Ernst, sowie die ihrer Eltern und weiterer deportierter Juden aus Altenkunstadt.

Dumme Fragen

Hört doch endlich

damit auf,

Fragen zu stellen.

Wir taten damals

keinem etwas,

keinem einzigen.

Das waren die Nazis,

und die waren weit weg –

in Nürnberg und in Berlin.

Hätten sie doch

die Synagoge auch gleich angezündet,

dann wäre Schluss

und man würde nichts mehr

von ihnen sehen.

Aber so stellen

die jungen Leute

nur dumme Fragen.

Josef Motschmann

Margot Wolf wäre am 4. Dezember 90 Jahre geworden. Hier die Stolpersteine, die Volker Demnig (Mi.) für die Familie Wolf verlegte. Foto: Motschmann