LICHTENFELS

Lichtenfels: 13 Stolpersteine für 13 Menschenleben verlegt

Im Kreis stehen die zahlreichen Teilnehmer in der Bahnhofstraße um die frisch verlegten Stolpersteine im Gedenken an Stefan und Berta Zinn. Foto: Markus Drossel

Sie waren 13 Bürgerinnen und Bürger dieser Stadt. Sie lebten in Lichtenfels, arbeiteten in Lichtenfels, sie lachten hier, und weinten auch, hatten ihre Freude und ihre Sorgen – wie alle Menschen. Doch am Freitag vor 80 Jahren wurden sie Opfer von Hass und Antisemitismus, von Verfolgung und Gewalt. In Gedenken und zu Ehren von Anni, Betty und Alfred Oppenheimer, von Johanna, Ellen, Frieda, Sigmund und Alfred Marx, von Berta, Stefan und Paul Zinn sowie von Sofie und Arnold Seliger verlegte der Berliner Künstler Gunter Demnig 13 Stolpersteine in der Innenstadt. Mit ihm gedachten rund 150 Lichtenfelser den einstigen jüdischen Mitbürgern, die in der Pogromnacht am 9. November 1938 hilflos den braunen Horden ausgeliefert waren.

„Die Opfer waren unter uns, sie waren unsere Mitmenschen, und sie haben ein Recht, niemals vergessen zu werden.“
Andreas Hügerich, Bürgermeister

Besonders bewegend waren die Momente der Gedenkfeier, als die 88-jährige Inge Stanton, die in Lichtenfels geborene und in die USA ausgewanderte Tochter von Alfred Marx, ihre Worte und Gedanken an die Anwesenden richtete und mit ihren Töchtern und Enkelinnen Rosen an den Steinen für ihre Familie niederlegte. Oder als Elli Schlesinger, Inge Stantons Enkelin, an den Gedenksteinen für ihre ermordeten Vorfahren Anni, Betty und Alfred Oppenheimer in der Fußgängerzone ein Gebet sprach.

Inge Stanton betonte, dass sich ihre Familie und Freunde geehrt fühlten, der Verlegung beiwohnen zu dürfen. „Sie erinnern vor den Häusern von ganz normalen Familien an deren Schicksale. An Menschen, die nie erwartet hätten, dass ihnen Schreckliches wie Vertreibung oder Mord geschehen könnte!“, sagte die 88-Jährige.

Erster Bürgermeister Andreas Hügerich hatte zuvor das Projekt „13 Führerscheine – Dreizehn jüdische Schicksale“ des P-Seminars des Meranier Gymnasiums Lichtenfels unter der Leitung von Studiendirektor Manfred Brösamle-Lambrecht und Stadtarchivarin Christine Wittenbauer gewürdigt. Er dankte den Schülern für deren „wertvollen Beitrag zur Stadtgeschichte“ und wies auf die Ausstellung in der ehemaligen Synagoge hin. In Erinnerung an den 9. November vor 80 Jahren betonte Hügerich, dass auch in Lichtenfels schreckliche Verbrechen verübt worden seien. „Die Synagoge wurde entweiht und unsere jüdischen Mitbürger in ihren Häusern überfallen, beraubt und schwer misshandelt“, so das Stadtoberhaupt. Hügerich: „Die Opfer waren unter uns, sie waren unsere Mitmenschen, und sie haben ein Recht, niemals vergessen zu werden.“ Mit der Verlegung der Stolpersteine an vier Stellen in der Innenstadt (Innere Bamberger Straße, Bamberger Straße, Bahnhofstraße, Judengasse) setze die Stadt ein Zeichen gegen das Vergessen, Fremdenhass und Antisemitismus.

Klaus Kleiner, der die Verlegung der Stolpersteine in Lichtenfels mitinitiiert und dafür 3500 Euro gespendet hatte, betonte, dass die Mahnmale den Bürgern gegenwärtig machen sollen, dass es auch in Lichtenfels Verbrechen gegeben habe.

An drei der vier Stellen in der Innenstadt stellten die Schülerinnen Luise Birkner und Luise Aumüller, Clara Aumüller und Victoria Thiel sowie Antonia Voll und Julia Mehrmann die Schicksale der jeweiligen jüdischen Bürger vor. Vor der ehemaligen Synagoge sprach Annemie Dietz über das Leben und Sterben des Lehrerehepaars Sofie und Arnold Seliger. „Hier geschah vor 80 Jahren der größte Frevel in Lichtenfels“, sagte Annemie Dietz mit bewegter Stimme. Hier sei eine Horde SA-Männer in das Gebäude eingedrungen und habe unter dem „tierischen Geheul und Gejubel einer nicht mehr menschlichen Masse“ das Gotteshaus zerstört. Sofie Seliger sei von den Nazis schwer misshandelt worden und galt anschließend als vermisst – bis man ihre Leiche im Dezember 1938 im Main fand. Arnold Seliger musste nach Leipzig ziehen und verstarb im Mai 1941 in einem jüdischen Krankenhaus in Leipzig.

In der ehemaligen Synagoge überreichte abschließend Landrat Christian Meißner einen der 13 Führerscheine an die Töchter und Enkelinnen von Inge Stanton.

Öffnungszeiten Ausstellung

„13 Führerscheine – 13 jüdische Schicksale“– Ausstellung in der ehemaligen Synagoge; Öffnungszeiten: Samstag, 10. November, 14 bis 17 Uhr; Sonntag, 11., 14 bis 17 Uhr; Dienstag, 13., 16 bis 20 Uhr; Donnerstag, 15., 14 bis 17 Uhr. Für Schulen und Gruppen: 10. bis 15. November. Anmeldungen für Führungen durch die Sonderausstellung für Schulklassen und Gruppen nimmt Christine Wittenbauer entgegen: Tel. (09571) 795134 oder stadtarchiv@lichtenfels.de.
Künstler Gunter Demning legt letzte Hand an die Stolperstein der Familie Marx an. Foto: Steffen Huber
Die mittlerweile in den USA lebende, 88-jährige Inge Stanton, geborene Marx, gedenkt zusammen mit ihren Töchtern und Enkelinnen ihrer ermordeten Familie. Foto: Steffen Huber
Ellie Schlesinger sprach während der Verlegung der Stolpersteine ein Gebet für ihre ermordeten Vorfahren. Foto: Steffen Huber
Zusammen mit einem Mitarbeiter des Stadtbauhofs bereitet Künstler Paul Demnig die Verlegung der Stolpereine in der Bamberger Straße vor. Foto: Steffen Huber
Annemie und Peter Dietz stellen vor der ehemaligen Synagoge das Schicksal von Sofie und Arnold Seliger vor, die während der Naziherrschaft ihr Leben ließen Foto: Steffen Huber
Die Stolpersteine für die Familie Oppenheimer in der Fußgängerzone. Keiner von den drei jüdischen Mitbewohnern von Lichtenfels überlebte den Holocaust. Foto: Steffen Huber
Julia Mehrmann (mit Mikrofon) und Antonia Voll stellen in der Bahnhofstraße das Leben von Berta, Stefan und Paul Zinn vor. Foto: Steffen Huber
Die Schülerinnen Victoria Thiel (mit Mikrofon) und Clara Aumüller berichten aus dem Leben von Alfred und Sigmund Marx. Foto: Steffen Huber
Luise Aumüller und Luise Birkner (v. li.), Schülerinnen des P-Seminars des Meranier Gymnasiums Lichtenfels, das die Ausstellung „13 Führerscheine – Dreizehn jüdische Schicksale“ vorbereitet hatte, sorgen mit dem Bericht über das tragische Schicksal von Betty, Anni und Alfred Oppenheimer für Betroffenheit bei den zahlreichen Anwesenden bei der Verlegung der Stolpersteine. Im Hintergrund Klaus Kleiner, einen der Initiatoren der Verlegung der Stolpersteine in Lichtenfels. Foto: Steffen Huber