LICHTENFELS

Bestattungsrituale: Fenster öffnen, damit Seele in Himmel entweicht

Ein Leichenzug auf dem Marktplatz in Altenkunstadt im Jahre 1946. Foto: repro: Andreas Motschmann

Die Zahl der Feuerbestattungen nimmt auch im Landkreis Lichtenfels stetig zu. Ablesen kann man es an den Urnenstelen auf den Friedhöfen, die von Jahr zu Jahr immer schneller belegt sind. Die Bestattungsgewohnheiten haben sich im hiesigen Landkreis haben sich in den vergangenen Jahren stark verändert.

Totenmonat November

Im November gedenken wir an Allerheiligen, an Allerseelen, am Volkstrauertag und am Totensonntag der Verstorbenen. Deshalb wird der November als Totenmonat bezeichnet. Die Katholiken gedachten früher am Allerseelentag der Toten und jetzt, weil Allerheiligen ein Feiertag ist, einen Tag früher an diesem Tag. Die evangelischen Mitchristen gedenken am Totensonntag, dem Ewigkeitssonntag, ihrer Verstorbenen. Grund genug, die Traditionen und die Gegenwart rund um das Thema Tod und Begräbnis etwas näher zu beleuchten. Im Teil 1 werden wir Näheres über die früheren Gegebenheiten und Bräuche erfahren.

Für die Altvorderen gehörte der Tod zum Alltag. Von frühester Jugend an wurden sie mit Not, Leid und dem Sterben konfrontiert. Einige ihrer vielen Geschwister starben bereits im frühen Kindesalter, was in dieser Zeit leider öfters vorkam. Besonders in den Kriegsjahren war der Tod noch gegenwärtiger. Aber auch durch viele Krankheiten, gegen die bei auf dem Land kaum ausreichende ärztliche Versorgung zur Verfügung stand, gab es viele Sterbefälle in jungen Jahren.

Nicht mehr erfahrbar

Heute sterben immer mehr Menschen in Krankenhäusern und Altersheimen, und der Tod ist vor allem für viele junge Leute nur noch in den Medien sichtbar, aber nicht mehr erfahrbar.

In der christlichen Tradition sowie im Volksglauben gibt es zahlreiche Rituale im Zusammenhang mit dem Sterben. Die Jahrhunderte alten Bräuche konnten den Umgang mit dem Tod erleichtern und den Hinterbliebenen helfen, Abschied von einem geliebten Menschen zu nehmen und den Schmerz zu verarbeiten. Einige Traditionen und Rituale werden auch heute noch praktiziert, andere sind schon in Vergessenheit geraten.

Krankensalbung und Sterbekerze

Angesichts des nahenden Todes war es früher für katholische Christen selbstverständlich, die Krankensalbung zu empfangen. Heute noch ist sie in der Region als Letzte Ölung bekannt. Sie sollte eine Stärkung der Seele sein, Frieden und Mut schenken und auf das Ende des Lebens vorbereiten.

Bei der heiligen Ölung wird der Kranke von einem Priester mit dem so genannten Krankenöl gesalbt. Dieses Öl besteht aus Olivenöl und Rosenöl. Die Krankensalbung ist bestimmt für Menschen, die sich wegen Krankheit oder Altersschwäche in einem bedrohlich angegriffenen Gesundheitszustand befinden. Das Sakrament kann wiederholt empfangen werden, wenn der Kranke zwischenzeitlich wieder zu Kräften gekommen ist oder bei Fortdauer derselben Krankheit eine Verschlechterung eintritt. Bereits beim Empfang der Sterbekommunion oder bei Eintritt des Todes wurde die Sterbekerze entzündet. Oft wurde die Taufkerze oder Erstkommunionkerze verwendet.

Ankündigung des „Sensenmanns“?

Ebenso gab es früher im Volksglauben eine Reihe von Vorzeichen, die den Tod ankündigten. Wenn man das Käuzchen, dessen Ruf so ähnlich klingt wie „Komm mit!“ im nahen Wald hörte, glaubte man, bald würde der Sensenmann komme, um einen Bewohner mitnehmen.

Auch Kuckuck, Elster und Eulen kündigten früher als Toten- oder Leichenvögel das Sterben an. Woher rührt diese Volksglaube? Der Kauz als Nachtvogel fühlt sich von Lichtquellen angezogen. Oft brannte im Haus bei Schwerkranken die ganze Nacht das Licht, daher waren Käuzchen des Nachts in der Nähe von erleuchteten Fenstern auch viel öfter zu hören.

Der Weiteren gab es Hinweise, wenn ein Kerzenlicht von selbst verlosch, wird eine Person im Haus sterben und das Gleiche galt, wenn ein Bild ohne sichtbare Ursache von der Wand fiel.

Mund und Augen schließen

Unmittelbar nachdem der Tod eintrat, wurde das Fenster geöffnet. Dieser Brauch entstand aus der Vorstellung früherer Jahrhunderte, dass die Seele durch den Mund des Verstorbenen in den Himmel entweicht. Aus dem Aberglauben heraus hat sich der Brauch entwickelt, dem Toten den Mund und die Augen zu schließen. So soll er zur Ruhe kommen und vor allem nicht als „Wiedergänger“ mit den Hinterbliebenen in Kontakt treten. Heute schließt man, egal in welcher Religion, dem Verstorbenen Augen und Mund als Zeichen des Respekts und um ihm ein würdevolles Aussehen zu geben.

In einigen Orten war es noch vor über 100 Jahren Sitte, dass nach dem Tod alles „Lebendige“ im Haus „aufgestört“ wurde. Alles Vieh im Stall wurde aufgetrieben. Sogar die Bienenvölker wurden in Unruhe gebracht und Blumenstöcke am Fenster verrückt. Das Korn wurde auf dem Boden gewendet und sogar die ungedroschenen Garben in der Scheune vom Platz gerückt. Man glaubte: alles, was am Patze bleibt, verfällt im Laufe des Jahres dem Tode.

Tote wurden im Haus aufgebahrt

Das Läuten der Sterbeglocke zeigte den Tod eines Gemeindemitgliedes an. Vor allem in kleineren Orten wurde gerätselt, wer wohl gestorben sei. Früher war es üblich, dass der Tote von den nahen Angehörigen gewaschen, hergerichtet und im Sterbezimmer aufgebahrt wurde. Dem Kinde gab man eine Blume, dem Erwachsenen einen Rosenkranz und ein Kruzifix in die gefalteten Hände. Zuletzt deckte man die Leiche mit einem weißen Tuch zu.

Nicht versäumte man auch, in der Nacht im Sterbezimmer ein Licht anzuzünden. Heute übernimmt meist ein Bestattungsunternehmen die Versorgung des Verstorbenen. In den kleinen Dörfern wurde der Sarg bis zur Beerdigung im Haus aufgebahrt. Am Abend kam im Haus die katholische Dorfgemeinschaft zusammen und betete den Rosenkranz. In den größeren Orten wurde der Rosenkranz in der Kirche an zwei Abenden gebetet.

Leichenhaus und -wagen

In den Orten, die ein Leichenhaus hatten, wurde der Sarg mit dem Leichenwagen abgeholt. Der Autor kann sich noch der Zeit erinnern, als sein Vater den Leichenwagen in der Nachbarscheune mit den Pferden abholte und so die Toten zum Friedhof fuhr.

Da früher Särge im Dorf nicht vorrätig waren und für jeden Sterbefall vom Schreiner besonders angefertigt werden mussten, so konnte die Einsargung erst kurz vor dem Begräbnis stattfinden. Frühverstorbene Kinder begrub man in einem weißen Sarge, ebenso die Jünglinge und Jungfrauen. Die Erwachsenen dagegen legte man in einen schwarzen Sarg. Heute herrscht bekanntlich die braune Farbe vor.

Im 2. Teil werden wir zu dieser Thematik über die ungetauft verstorbenen Kinder, den Totengräber und über die Veränderungen der Bestattungsgewohnheiten im 21. Jahrhundert berichten.

November

Im Friedhof brennen sich die Lämpchen zu Tode.

Durch das Gebüsch geistert die Treibjagd.

Auf einmal hörst du aus dem Nebel heraus den Totenvogel.

Nein, jetzt noch nicht...

Josef Motschmann

Die Erdbestattung mit einem Sarg wird von Jahr zu Jahr in unserem Landkreis weniger. Foto: Andreas Motschmann