LICHTENFELS

Wort zur Besinnung: Mit Jesus für heute lernen

Wort zur Besinnung

Pessimisten, liebe Leserinnen und Leser, befürchten, wir Menschen können das nicht. Ich bin im Blick auf die Lehre Jesu optimistischer und meine:

Wir müssen nicht die gleichen Fehler zweimal tun. Mit dem gestrigen 9. November zum Beispiel verbinden sich in Deutschland mehrere Ereignisse: Zunächst die zwei mit negativen Auswirkungen:

1918, also vor 100 Jahren, kapitulierte Deutschland. Mit dieser Niederlage wollten sich viele Deutsche nicht abfinden.

1871 hatten die besiegten Franzosen nach einem kurzen Krieg große Reparationen an Deutschland gezahlt. Nun mussten die besiegten Deutschen nach vier Jahren Krieg samt riesigen Zerstörungen in Frankreich und Belgien gewaltige Reparationen zahlen.

Zugleich wurden andere Völker – bisher unter deutscher Vorherrschaft – selbstständig; in einigen Gebieten kamen Deutsche unter fremde Oberherrschaft. Unzählige litten Not.

Der Keim für eine Revanche-Politik und einen noch aggressiveren Nationalismus wurde gelegt. „Selig, die Frieden stiften“ sagt Jesus. Krieg führt nie zu einem dauerhaften Frieden. Ob Gläubige, religiös Gleichgültige oder Atheisten - wir sollten gemeinsam dem Frieden dienen:

militärisch, politisch, wirtschaftlich, gesellschaftlich, persönlich zwischenmenschlich.

1938, also vor 80 Jahren, war Hitler schon fünf Jahre lang an der Macht und standen bereits KZ, als der Ver-Führer deutschlandweit die Reichs-Pogrom- Nacht (verniedlichend „Reichs-Kristall- Nacht“ genannt) befahl.

Hunderte Synagogen wurden unter dem Beifall oder Wegschauen der Bevölkerung angezündet und zerstört, tausende Juden inhaftiert, erschlagen oder in den Selbst-Mord getrieben.

„Selig, die keine Gewalt anwenden“ sagt Jesus. Dennoch haben nur wenige Christen offen protestiert. Dass wir nicht gleichgültig zu-sehen, wenn heute schon wieder „andere“ kollektiv zu Sündenböcken gemacht werden. Zum Wohl aller und somit auch zu Wohl unseres eigenen Volkes.

Nun zwei Beispiele mit positiven Auswirkungen:

1989. 29 Jahre schon – 29 Jahre erst – ist es her, dass nach den Montags-Demonstrationen in der DDR die Berliner Mauer fiel.

Für Millionen Deutsche (und ähnlich für Millionen im ehem. Ostblock) begann die Freiheit, freilich oft auch eine neue Unsicherheit.

„Selig, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit“ sagt Jesus. Lasst uns auf Andersdenkende offen zugehen und die Freiheit nicht aufs Spiel setzen.

Morgen am 11. November, gedenken nicht nur Kinder des heiligen Martin. Teilen ist nicht leicht und fällt oft nicht leicht, ist oft aber buchstäblich not-wendig.

„Was ihr dem Geringsten meiner Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“ Ich empfinde es als ermutigend, dass die Haltung des heiligen Martin (teilen, abgeben, nicht nur an sich selbst denken, ein Auge, ein Herz und eine Hand für die Not anderer haben) auch vielen Menschen heute ein Vorbild ist und nicht als „lächerliches Gutmenschentum“ verunglimpft wird.

Mit Jesus aus der Vergangenheit für heute lernen. Manche meinen, wir können das nicht. Jesus lehrt uns: Es geht. Und es tut gut. Uns allen.

Udo Zettelmaier,

Pfarrer im Ruhestand,

Ebensfeld