LICHTENFELS

Schüler-Projekt: Wenn Geschichte versöhnt

Betina Judith Kraus, eine der eingeladenen Nachfahren, trifft sich noch ein letztes Mal mit den am Projekt beteiligten Schülerinnen und Schülern sowie Studiendirektor Manfred Brösamle-Lambrecht. Foto: Till mayer

Alles begann Ende 1938, nach der Reichspogromnacht, mit gründlicher deutscher Bürokratie. Die Nazis gehen den nächsten Schritt in der Entmündigung und Entrechtung von Juden. Dieses Mal ziehen sie die Führerscheine ein. Juden dürfen kein Auto mehr fahren. Die nächsten Schritte folgten bald: Enteignungen, Zwangsansiedlung in Gemeinschaftsunterkünften, Zwangsarbeit, Deportation – am Ende stand der Massenmord an Millionen von Menschen. Der Amtsakt „Führerscheinentzug“ am Landratsamt Lichtenfels wirft Schatten bis in das Heute. In der Behörde wird bei der Umstellung auf digitale Akten ein alter Umschlag gefunden: Darin befinden sich 13 eingezogene Führerscheine jüdischer Mitbürger. 80 Jahre später werden die ehemaligen Besitzer der Ausweise endlich als Menschen gesehen. Das ist Landrat Christian Meißner wichtig.

So starten Jugendliche des Meranier-Gymnasiums eine außergewöhnliche Spurensuche (unsere Redaktion berichtete), um die Schicksale der Menschen auf den Führerscheinfotos und ihrer Familie zu erkunden. Zehn Nachfahren sind zu einem Festabend, zur Ausstellungspräsentation und mehreren Aktionen gekommen.

Unfassbar traurig

„Heute lebt in Lichtenfels kein Jude. Das ist unfassbar traurig“, sagt Betina Judith Kraus am Donnerstagmorgen. Es ist der Tag der Abreise, und so nimmt sie Abschied von den jungen Menschen, die Schicksale lebendig werden ließen. Gemeinsam sitzt sie mit den Teenagern in einem Klassenzimmer im Altbau des Gymnasiums, in dem vermutlich schon ihr Vater die Schulbank drückte. Der Abschied fällt Betina Judith Kraus nicht leicht. Auch nicht den Schülerinnen und Schülern, die sich an dem Projekt „13 Führerscheine – 13 Schicksale“ beteiligt haben. Alle in dem Klassenzimmer waren zu einer Zeitreise angetreten. Das hat eine Verbindung aufgebaut, deren emotionale Stärke die Beteiligten vielleicht auch ein wenig überrascht.

Zwei der Vorfahren von Betina Judith Kraus sind in der Ausstellung vertreten: ihre Großmutter Jenny Kraus und Josef Kraus, der Cousin ihres Vaters Willy (Guillermo). Ihre Großmutter und ihr Vater konnten ein neues Leben in Argentinien aufbauen. Josef Kraus überlebte den Holocaust nicht. Vermutlich kam er in dem Lager Sobibor um das Leben.

Das Interview des Journalisten mit der Nachfahrin einer verfolgten jüdischen Familie aus Lichtenfels und den P-Seminaristen des Gymnasiums ist auch ein Resümee des Projekts. Da ist Betina Kraus, 56 Jahre alt, warme braune Augen, dunkle Haare, die die Weltläufigkeit ihrer Heimatstadt Buenos Aires in das nüchterne Klassenzimmer bringt.

„Lichtenfels ist eine besondere Stadt für mich. Eine schöne Stadt. Hier spüre ich auch Heimat“, sagt die Argentinierin in fließendem Deutsch. Die Schüler freuen sich, als sie das hören.

„Lichtenfels ist eine

besondere Stadt für mich. Hier spüre ich auch Heimat.“

Betina Judith Kraus

Bettina Kraus berichtet, was ihr Vater über Lichtenfels erzählt hat. Davon, dass ihr Großvater herzkrank war, und deswegen seine Frau in ihren 50-iger Jahren noch den Führerschein gemacht hat. Vermutlich, um ihren Mann Samuel, einen Viehhändler, zu unterstützen. Carl Kraus, der Vater von Josef, war ein besonders angesehener Bürger. Stadtrat, in vielen Vereinen in leitender Position tätig, Vorsteher der israelitischen Kultusgemeinde. Die Familie Kraus hat Lichtenfels mitgeprägt, bis sie wie ein Baum samt allen Wurzeln herausgerissen wird. „Das Ende allen jüdischen Lebens ist ein Verlust für Lichtenfels. Ich bin ein Mensch, der Vielfalt als Bereicherung sieht“, sagt die 56-Jährige. So sieht sie die Geschichte der ehemaligen Synagoge von Lichtenfels mit zwiespältigen Gefühlen. Freut sich, dass das Gebäude aus seinem Dornröschenschlaf erweckt wurde, dort kulturelles Leben herrscht und auch den Gläubigen von einst Respekt gezollt wird. Andererseits ist es ein Symbol für das Unfassbare, das während der NS-Diktatur geschah. Für etwas schmerzhaft Verlorenes. Die Schüler lernen, was Vergangenheit bedeutet. Auch wenn ein Mensch, der nicht Heimat und jede Sicherheit verloren hat, nur ansatzweise verstehen kann, was das bedeutet.

Die Familie Kraus musste in Argentinien bei Null anfagen. Der Vater, ein Jurist, ackerte als Taglöhner im Hafen. Die jüdische Gemeinde hätte ihn finanziell unterstützt. „Doch er lehnte ab, weil viele Immigranten alte Menschen waren, die das Geld dringender brauchten, sich nicht mehr selber ernähren konnten“, sagt seine Tochter. Das sind Familienschätze, auf die Betina Judith Kraus wohl immer stolz sein wird. Doch ein anderes Erbe hat die Flucht der Familie auch mit sich gebracht. Eines, mit der die nach Kriegsende geborene Jüdin lang zu kämpfen hatte. Die Angst, dass eines Tages wieder nicht genug zum Essen da ist. Die Not wiederkommt. Der weltweite Aufstieg rechter Nationalisten, er bereitet ihr Sorge.

Täter als Nachbarn

Selbst im sicheren Argentinien gab es Judenfeindlichkeit. Das spürte der Vater, als er in einen Sportverein eintrat. Dann flohen die Nazis nach Kriegesende nach Argentinien. Täter waren plötzlich Nachbarn. Es gab eine Militärdiktatur und Wirtschaftskrisen. Betina Judith Kraus kann jungen Menschen viele Gründe nennen, warum es wichtig ist, in einer stabilen Demokratie zu leben. Warum Gerechtigkeit für jeden gelten muss. Das tut Not in dieser Zeit, in der längst überwunden Geglaubtes wiederkehrt. Für Jan Höppel, er hat über Jenny Kraus recherchiert, hat sich durch das Projekt einiges geändert. Weil er gesehen hat, was es bedeutet, Menschen jedes Recht zu nehmen. Welche Folgen das hat, bis ins Heute. „Die Rechte einer ganzen Gruppe von Menschen komplett auszublenden, das geht gar nicht“, sagt der 17-Jährige. Seine Sicht auf die Bedeutung von Geschichte hat sich grundlegend geändert, sagt er.

Eine Familienwiedervereinigung

Victoria Thiel hat noch auf eine ganz andere Weise dazu gewonnen. Sie hatte über die Familie Marx recherchiert. Alfred und Sigmund Marx sind mit Bannern in der Ausstellung vertreten. Gleich sieben Nachfahren kamen aus der USA angereist. Für sie war es nach Jahrzehnten eine kleine Familienwiedervereinigung. Ein klein wenig gehört Victoria Thiel jetzt auch mit dazu. „Das ist ein wunderschönes Gefühlt“, meint die 17-Jährige. Projektleiter und Studiendirektor Manfred Brösamle-Lambrecht nickt zustimmend. Für ihn, wie für seine Schüler, ist das Projekt eine Herzenssache, bei der gerne sehr viel Freizeit gegeben wurde. Die Ausstellung und das über 100-seitige Crap–Book sind eine ungewöhnliche Leistung für ein Schulprojekt. „Ich bin sehr stolz auf euch“, sagt Betina Judith Kraus. „Und ich bin mir ganz sicher, mein Vater wäre ebenfalls sehr, sehr stolz auf euch gewesen“, sagt die 56-Jährige. Und dann geht es nicht anders, es kommen die Tränen.

Aktionen des Erinnerns

Verlegung von „Stolpersteinen“ am Freitag, 9. November. Treffpunkt um 8.30 Uhr im Rathaus I, Marktplatz 1, erstes Obergeschoss; anschließend Verlegung der ersten „Stolpersteine“ an vier Stellen in Lichtenfels mit dem Künstler Gunter Demnig.

„13 Führerscheine – 13 jüdische Schicksale“– Ausstellung in der ehemaligen Synagoge; Öffnungszeiten: Samstag, 10. November, 14 bis 17 Uhr; Sonntag, 11. November, 14 bis 17 Uhr; Dienstag, 13. November, 16 bis 20 Uhr; Donnerstag, 15. November, 14 bis 17 Uhr. Für Schulen und Gruppen: 10. bis 15. November. Anmeldungen für Führungen durch die Sonderausstellung in der ehemaligen Synagoge für Schulklassen und Gruppen nimmt Frau Wittenbauer unter Tel. (09571) 795134 oder stadtarchiv@lichtenfels.de.

Friedensgebet am Freitag, 9. November, 18 Uhr, vor der ehemaligen Synagoge Lichtenfels.

Mahnwache am Samstag, 10. November, 0.45 Uhr, zum Gedenken an die Ereignisse der Pogromnacht in Lichtenfels – vor der ehemaligen Synagoge Lichtenfels.

Betina Judith Kraus vor den Ausstellungswänden, die auch ihren Vorfahren gewidmet sind. Jan Höppel recherchierte viel über die Geschichte der Lichtenfelser Familie jüdischen Glaubens. Foto: Till Mayer