MITWITZ

Edith Memmel: Eine Kämpferin für Menschlichkeit

Gärtnerstolz: Edith Memmel, die Direktkandidatin für den Landtag von Bündnis 90/Die Grünen, vor ihrer blühenden Mondwinde. Foto: Markus Drossel

Als Edith Memmel ganz selbstbewusst 1987 ihre Tochter Anna-Lena mit zu den Sitzungen im Landtag brachte, sorgte sie für großen Wirbel – und einen bleibenden Eindruck. Memmel ist eine „Grüne“ der ersten Stunde. Die heute 67-Jährige gründete den Kreisverband Kronach, zog schon in den 1970-ern mit Joschka Fischer in Frankfurt am Main um die Häuser und saß von 1986 bis 1990 im Maximilianeum, als Mitglied der ersten „grünen“ Fraktion in der Geschichte des Freistaats. Nun will sie, als Direktkandidatin des Wahlkreises Kronach-Lichtenfels, an alte Wirkungsstätte zurückkehren.

Selbstbewusst ist Memmel auch, was ihre Oberfranken betrifft. „Wir brauchen uns in Bayern nicht verstecken. Was es hier an Innovationen und führenden Unternehmen gibt, wird in Bayern oftmals verkannt“, sagt sie mit etwas Stolz und nennt als Beispiele „Valeo“ Neuses mit seinem selbstfahrenden Auto und den 3D-Metalldruckpionier Concept Laser in Lichtenfels.

Heimische Landwirtschaft stärken

Memmel schätzt Oberfrankens Kulturlandschaften, seine kleinen Dörfer und so wichtigen landwirtschaftlichen Betriebe. Gerade für die Bauern macht sie sich auf lokaler Ebene stark und will es auch auf Landesebene tun. „Lebensmittel müssen wieder etwas Wert sein“, fordert sie und wirbt für mehr regionale Vermarktung. Außerdem steht sie dafür ein, dass die Zentren der Dörfer nicht aussterben. „Um den Altbestand aktiv zu halten, brauchen wir finanzielle Anreize. Beispielsweise, um Häuser auch seniorengerecht umzubauen. Und auch, um Mobilität im Alter zu fördern.“ Darüber hinaus müssten zwingend die Schulen in den Dörfern erhalten bleiben. Bildung liegt der belesenen Politikerin sowieso sehr am Herzen.

„Grundwerte wie Strom, Wasser, Wohnen und Gesundheit dürfen nicht in privater Hand sein, jeder muss den gleichen Zugang haben.“
Edith Memmel, Bündnis 90/Die Grünen

Edith Memmel kämpft für eine gerechte Arbeitswelt, in der auch Familien und Frauen gleiche Chancen haben. Dass das nicht nur eine Wahlkampffloskel ist, beweist sie seit fast vier Jahrzehnten selbst: Die 67-jährige Landesinnungsmeisterin für Keramik hat in ihren Werkstätten im Mitwitzer Ortsteil Burgstall sowie in Sassnitz auf Rügen über 35 Töpferinnen und Töpfer ausgebildet. Sie erhielt für ihren besonders familien- und frauenfreundlichen Betrieb eine Auszeichnung des Bayerischen Sozialministeriums. Außerdem ist sie Trägerin der Bayerischen Verdienstmedaille in Silber.

Bei der Feuerwehr engagiert

Seit über 25 Jahren sitzt Edith Memmel im Kronacher Kreistag, ist zudem, mit Unterbrechung, insgesamt 16 Jahre im Mitwitzer Gemeinderat. Als gestandene Frau war sie lange Jahren in der Freiwilligen Feuerwehr aktiv. Außerdem gründete sie den Asylarbeitskreis mit, um Geflüchteten beim Einleben in Deutschland zu helfen.

Als politische Idole nennt Edith Memmel keinen ihrer „grünen“ Kollegen. „Meine Vorbilder sind Nelson Mandela und die alte Dame der FDP, Hildegard Hamm-Brücher“, sagt sie. „Trotz aller Verschiedenheiten kannte sie keine Parteigrenzen und hat immer den Dialog gesucht.“ Auch Memmel tauscht sich gerne aus, sucht das Miteinander, um gemeinsam voran zu kommen. „In der Politik muss man immer Kompromisse machen können, ohne jedoch Grundprinzipien aufzugeben.“

Kompetenzen nicht abgeben

Mit „grüner“ Politik setzt die eloquente 67-Jährige sich gerne kritisch auseinander. „Warum ich beispielsweise mit den Grünen auf Bundesebene hadere, ist die Tatsache, dass sie sich nicht vehement gegen die Privatisierung im Gesundheitssystem eingesetzt haben“, sagt sie. „Grundwerte wie Strom, Wasser, Wohnen und Gesundheit dürfen nicht in privater Hand sein, jeder muss den gleichen Zugang haben.“

Als Kreisrätin kämpft sie seit vielen Jahren dafür, dass das Trinkwasser in kommunaler Hand bleibt, bislang, mit einer Ausnahme, immer mit Erfolg. Beim Erhalt des Kreiskrankenhauses ist das allerdings nicht gelungen, ein Bürgerbegehren zum Anschluss an den Regiomed-Verbund scheiterte knapp – und mittlerweile ist die Gesundheitseinrichtung des Kronacher Kreises veräußert.

Gleiches Recht für Alle

Apropos Wohnen: „In der Bayerischen Verfassung steht, dass der Staat dafür sorgen muss, dass alle Bürger eine angemessene Wohnung haben. Allgemein ist die Bayerische Verfassung eine der fortschrittlichsten – es wird sich nur nicht daran gehalten.“

Toleranz gehört für Edith Memmel zu den Grundprinzipien, an denen nicht gerüttelt werden darf. Umso mehr ärgert sie sich, dass Alltagsrassismus wieder salonfähig geworden ist. Entschieden arbeitet sie dagegen. „Wichtig ist, die Leute zu sensibilisieren, dass sie sich gegen den wachsenden Hass im Land stellen“, fordert sie. Dafür will sie auch im Landtag eintreten: „Für ein weltoffenes Bayern, ein offenes Europa – und mehr Menschlichkeit.“

Es war ihr Vater, der bei ihr – wohl eher unbewusst – die politischen Grundlagen legte. „Mein Vater war in Stalingrad, konnte erst viele Jahre nicht über die vielen schrecklichen Ereignisse reden“, erinnert sie sich. Als er dann nach Jahren zu erzählen begann, stand für seine Tochter fest: Krieg darf es nie wieder geben.

Lehre in der Landwirtschaft

Geboren wurde Memmel in Unterfranken, doch schon als Vorschulkind kam sie in den Landkreis Kronach. Da ihr Vater das Gut Birkach bewirtschaftete, ließ auch sie sich zunächst zur Landwirtschaftsgesellin ausbilden, ehe sie das Fachabitur machte und sich dann doch für eine Handwerkslehre im Töpferhandwerk in Nürnberg entschied.

In Nürnberg (und später in Frankfurt) stieß sie zur „68-er-Bewegung“. Sie begann, sich stark zu politisieren, wurde, wie Ex-Außenminister Joschka Fischer, Teil den Außerparlamentarischen Opposition (APO) und schloss sich der Frauenbewegung an. Später war sie Teil der ersten Landkommune Oberfrankens auf dem Wildberg bei Tettau. Heute lebt die Mutter zweier Töchter im kleinen Dörfchen Burgstall bei Mitwitz mit ihrem Mann Peter auf einem umgestalteten Bauernhof. Dort betreibt sie eine Keramikwerkstatt, in der übrigens auch „die kleinste Vase der Welt“ entstand. Waldemar Backert ummantelte die Vase mit Korb, sie ist im Deutschen Korbmuseum Michelau zu sehen.

Zum Ausspannen im „Gottesgarten“

Wer nun denkt, die Mitwitzerin habe mit dem Landkreis Lichtenfels nichts oder nicht viel am Hut, der irrt: Wann immer es ihre Zeit erlaubt, geht Memmel im „Gottesgarten“ wandern und genießen. Vor allem die Wallfahrtsbasilika Vierzehnheiligen, ein Meisterwerk der Kirchenbaukunst, sowie der Panoramablick vom Ansberg, die Mainradwege und die vielen kleinen Gaststätten im Lautergrund haben es ihr angetan. „Hier tanke ich Kraft, so bekomme ich meinen Kopf frei“, sagt sie. Ebenso wie bei den Arbeiten an ihrer Töpferscheibe.

Edith Memmel

Geboren: 1951 in Pfändhausen

Beruf: Keramikmeisterin

Partei: zirka seit 1976 aktiv bei Bündnis 90/Die Grünen

Ämter: von1980 bis 1990 und von 2016 bis 2020 Gemeinderätin; seit 1994 Kreisrätin.