LICHTENFELS

„aviationscouts“: auf Höhenflug mit Flugzeugsitzen

Thomas Bulirsch ist Chef einer der weltweit führenden Internetplattformen für gebrauchte Flugzeugsitze. Foto: Markus Drossel

Als die russische Charterfluggesellschaft „I-Fly“ sechs Flugzeuge für die Weltmeisterschaft umrüstete, um ungezählte Fußballfans in die russischen Stadien zu befördern, da wandte sie sich an Spezialisten in der Lichtenfelser Wendenstraße. Auch wenn eine asiatische Fluglinie vor der muslimischen Pilgersaison Hadsch Maschinen mit möglichst vielen Sitzgelegenheiten ausstatten möchte, greift sie auf den Fundus in der Deutschen Korbstadt zurück. Thomas Bulirsch hat mit „aviationscouts“ eine Marktlücke für sich entdeckt. Mittlerweile betreibt seine Firma eine der weltweit größten Internetplattformen für gebrauchte Flugzeugsitze – und das seit 20 Jahren von der fränkischen Provinz aus.

„Brauchen uns nicht verstecken“

„Ach, so schlecht ist die Infrastruktur hier gar nicht. Wir brauchen uns in Lichtenfels nicht zu verstecken“: Thomas Bulirsch lehnt sich in seinem Sessel zurück. Auf „sein“ Lichtenfels und die so oft bejammerte Provinz lässt der 47-Jährige nichts kommen.

Schließlich ist er selbst ein gutes Beispiel dafür, was mit Ehrgeiz, unternehmerischem Mut und Kreativität erreicht werden kann. Sein Unternehmen „aviationscouts“ ist heute dort zuhause, wo früher ein Einkaufsgroßmarkt war. Wo einst Konservenstapel und Konsumartikel das Bild prägten, sind es nun „Ship Sets“, also die Sitzreihen eines kompletten Linienflugzeugs. Bis zu 27 „Flugzeugladungen“ finden im Hangar Wendenstraße Platz.

„Wir können bis zu 15 000 Passagierplätze einlagern.“
Thomas Bulirsch, Geschäftsführer

Begonnen hat bei Thomas Bulirsch alles klein, die Geschichte erinnert in den Anfängen etwas an Microsoft und dessen Gründer Bill Gates, denn auch Bulirsch begann sein Unternehmen (damals unter dem Namen „Global Aerotrade“) in einer Garage. Vor 20 Jahren absolvierte der damalige BWL-Student ein Auslandspraktikum in den USA, arbeitete dort drei Monate in der Luftfahrt und eröffnete, zurück in Deutschland, für eben jene Firma ein Einkaufsbüro für Ersatzteile für Flugzeuge. Wohlgemerkt noch während des Studiums.

Der heute 47-Jährige baute sich ein Netzwerk auf, gleichermaßen in Europa und den USA. Bald schon waren die Räumlichkeiten zu klein. Vom Home Office im Bürgerweg („Ich musste sämtliche Kisten immer bis in den ersten Stock schleppen“) ging es ins Schneyer Industriegebiet.

Dann allerdings kam der Terroranschlag am 11. September. „Ein halbes Jahr standen die Telefone still“, erinnert sich der Lichtenfelser mit Schaudern. Doch während viele Mitbewerber das Handtuch werfen mussten, meisterten er und sein damals dreiköpfiges Team die Durststrecke. Um danach mit frischem Mut anzugreifen.

Weitere Umzüge folgten. Die Firma wurde immer größer und entwickelte sich vom Einkaufsbüro immer weiter in Richtung Handelsagentur. Dann kam die Idee auf, Flugzeugsitze auf Provisionsbasis zu vermitteln. Später die, diese für Kunden einzulagern und mittlerweile auch, sie in Schulterschluss mit einer Spezialfirma aus München zusammen generalzuüberholen. „Die großen Fluglinien tauschen ihre Ship Sets alle sechs bis acht Jahre aus“, so der Diplom-Betriebswirt. „Wir kaufen sie auf, reinigen und reparieren sie und bringen sie wieder auf den Markt.“

Meist kleinere Fluggesellschaften

Als „aviationscouts“ in die Wendenstraße zog, dachte Bulirsch noch, dass er nun jede Menge Platz hätte. „Innerhalb von zwei Monaten aber war alles voll mit Sitzen. Wir können bis zu 15000 Passagierplätze einlagern“, sagt er und schmunzelt. Der Blick von den Büroräumen auf die Lager- und Instandsetzungsflächen im Erdgeschoss ist eindruckend.

Es sind meist die kleineren Fluggesellschaften, die zu den Kunden der Lichtenfelser Spezialisten zählen, aber auch Scandinavian Airlines, KLM Royal Dutch Airlines und Swiss Air. Die Liste ist lang und beinhaltet Fluglinien auf der ganzen Welt. „In den vergangenen zehn Jahren hat sich die Zahl der Flugzeuge verdoppelt“, führt der 47-Jährige aus. „In den nächsten 15 Jahren soll sich die Zahl erneut verdoppeln.“ Der Firma „aviationscouts“ dürfte also die Arbeit nicht ausgehen.

3,5 Millionen Euro Jahresumsatz

Schon heute bringt es das Unternehmen auf 3,5 Millionen Euro Jahresumsatz, Tendenz steigend, bei zwölf Mitarbeitern. „Pro Jahr verlassen 8000 bis 10 000 Passierflugzeugplätze Lichtenfels.“ Zum Vergleich: Ein Lufthansa-Airbus A 320 zählt 168 Sitze, die in zwei große 40-Fuß-Großraumbehälter passen. Rund 300 Laster nehmen mittlerweile pro Jahr Kurs auf die Wendenstraße.

Ideen hat Thomas Bulirsch noch viele. Nach und nach will sich „aviationscouts“ auch als weltweiter Luftfahrtlieferant anerkennen und mittelfristig als Wartungsfirma/Fertigungsbetrieb zertifizieren lassen, um irgendwann die Sitze selbst umbauen und aufwerten zu können. Das ist nämlich nur einer Hand voll Spezialfirmen vorbehalten. Und er hat bereits Erweiterungspläne. Doch aus Lichtenfels weggehen, das will er eigentlich nicht. „Wir liegen in der Mitte Deutschlands, in der Mitte Europas und haben hier eine faire Kostenstruktur“, zählt der Diplom-Betriebswirt die Vorteile auf.

„Eine gewisse Begeisterung für Luftfahrt war bei mir immer da“, sagt Thomas Bulirsch rückblickend. Dabei stapelt er tief: Die Fliegerei hat ihn schon immer hochgradig fasziniert. Und so traf seine Frau mit dem jüngsten Geburtstagsgeschenk voll ins Schwarze, als sie ihm einen Gutschein für einen Segelflug über den „Gottesgarten“ schenkte. So sehr sich Bulirsch auch darauf freut, die Zeit hat der Geschäftsmann dafür noch nicht gefunden. Ebenso wenig für seinen großen Traum: „Irgendwann mache ich den Flugschein!“

Säuberlich aufgereiht: Bis zu 15 000 Passagierplätze haben in der Wendenstraße Platz. Foto: Markus Drossel
Spezialisten reinigen und reparieren die Sitze in der Wendenstraße. Foto: Markus Drossel

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