WEISMAIN/MAINECK

Künstlerin Heidemarie Schellwanich-Fries: die Sprache der Farben

Gefühle im Betrachter wecken will Heidemarie Schellwanich-Fries mit ihren Bildern. Dazu setzt sie auf leuchtende Farben. Foto: Gerhard Herrmann

Mit sorgfältigen Strichen der Spachtel verteilt Heidemarie Schellwanich-Fries Acrylfarbe auf der Leinwand. Kräftiges Krapprot arrangiert sie in horizontalen Streifen über vertikalen Schattierungen aus leuchtendem Gelb, Grün und Hellrot. Fröhlich wirken die Farben auf den Betrachter. Zugleich vermitteln die Überlagerungen der Farbschichten dem Bild eine fast magische Tiefe und laden zum näheren Hinschauen ein. Strukturen wie bei einem Geflecht entstehen, zusätzlich gebrochen durch feine Schattierungen, die beim Auftragen mit der Spachtel entstanden sind.

Nicht einfach Emotionen sollen verbildlicht werden. Vielmehr sucht die Künstlerin aus Maineck mit ihren Werken den Ausdruck einer inneren Stimmigkeit, ein Gleichgewicht von Spannung und Entspannung. Stimmt in ihrer Wahrnehmung die in sich ruhende Lebendigkeit, ist das Bild fertig.

Erstmals zeigt sie ihre Werke in einer Ausstellung vom 13. Juli bis 30. September im NordJura-Museum im Weismainer Kastenhof. „Begegnung“ heißt die Werkschau, in der die abstrakten Gemälde und Skulpturen von Heidemarie Schellwanich-Fries den naturalistischen Zeichnungen von Ulrike Baumgartl aus Schwyz in der Schweiz gegenüber gestellt werden. Eine Begegnung zweier befreundeter Künstlerinnen, die nicht nur den Wohnort Schwyz teilen, wo die in Maineck geborene Heidemarie Schellwanich-Fries seit vielen Jahren lebt, sondern auch die Freude am künstlerischen Dialog.

„Was geschieht mit mir, wenn ich das Bild anschaue – was empfinde ich dabei?“
Heidemarie Schellwanich-Fries, Künstlerin und Therapeutin

Die Begegnung von gegenständlicher Kunst mit abstrakten Kompositionen rege zum Austausch an, meint Schellwanich-Fries. Daher versteht sie ihre Ausstellung auch als Einladung an alle Interessenten, mit ihr und anderen über ihre Werke zu diskutieren. Damit will die Künstlerin, die nach Jahren in der Schweiz mit ihrem Mann Benno Fries das 300 Jahre alte Bauernhaus ihrer Eltern in Maineck wiederbelebt, mit den Menschen ihres neuen Lebensumfelds ins Gespräch kommen. Ein bisschen Lampenfieber habe sie schon, angesichts der ersten Ausstellung in der alten und neuen Heimat.

Dass abstrakte Kunst nicht jedermanns Sache ist, ist der 64-Jährigen bewusst. Besucher, die meinen „Das könnte ich auch“, lädt sie gerne zu ihren Kursen für kreative Persönlichkeitsentfaltung ein. Dabei habe schon so mancher festgestellt, dass es nicht so einfach ist, seiner gegenwärtigen Befindlichkeit mit den drei Grundfarben so Ausdruck zu verleihen, dass das Bild eine stimmige Struktur bekommt. Doch gerade diese Auseinandersetzung und die Energie, die in der Reibung freigesetzt wird, reizt die Künstlerin.

Weil sie es nicht so wichtig findet, ihre Bilder zu erklären, gibt sie vielen keine Titel. „Wichtig ist doch: Was geschieht mit mir, wenn ich das Bild anschaue – was empfinde ich dabei?“ So steht die Farbe Rot in ihren Werken meist für Energie und Kraft, wie bei einem Gemälde, dessen oberes Drittel von kräftigen roten Querbalken bestimmt wird. Darüber schwebt ein kleines dunkelblaues Rechteck als Symbol für den Kosmos, und darunter sind gelbe und grüne Farbstreifen über einem rosa schimmernden Grund angeordnet – sie könnten Symbole sein „für das, was sonst noch so im Leben passiert“, wie die Künstlerin mit einem Lächeln dem Betrachter erklärt. Der meint, in der roten Struktur eine Maske erkannt zu haben – der typisch männliche Ansatz, den Dingen einen Namen zu geben.

Kunst hat Heidemarie Schellwanich-Fries schon früh interessiert. Als 14-Jährige richtete sie zusammen mit einer Freundin ein kleines Atelier im Elternhaus in Maineck ein und erkundete die Welt der Farben. Auf Wunsch der Eltern, „etwas Vernünftiges“ zu lernen, absolvierte sie eine Ausbildung als biodynamische Körpertherapeutin und gestaltende Therapeutin und betrieb die Kunst als Hobby. Nachdem sie lange in Sucht – und sozialpsychiatrischen Therapieeinrichtungen gearbeitet hatte, absolvierte sie mit 45 Jahren ein Kunststudium. Seitdem bietet sie in ihrem Atelier in Schwyz Kurse für freies Gestalten, Modellieren und Malen.

Berührend war für sie die Entdeckung der Nanas von Nici de Saint Phalle, von denen sie als 17-Jährige zwei in einer Ausstellung in der Nürnberger Kunsthalle sah. „Beeindruckt hat mich, wie sie sich mit ihren Skulpturen über das einengende Frauenbild ihrer Zeit hinweggesetzt hat“, strahlt Schellwanich-Fries. Auch Josef Beuys mit seinem erweiterten Kunstbegriff und der Bereitschaft, sich für die Kunst selbst zu verbrauchen, hat ihr Denken beeinflusst. Zurzeit beschäftigt sie sich mit der Konzept- und Visualisierungskünstlerin Bilbo Calves. Bereichernd findet sie deren Arbeiten zum Thema der Verwandlung und des Übergangs, die in der Aussage „Ich komme aus der Zukunft“, gipfeln.

Momente der kreativen Entgrenzung

Der Moment der Entgrenzung, wenn Farbe die Räume weitet und Empfindungen freisetzt, zeigt der Künstlerin den Weg in ihre Arbeit. Hier verbindet sie ihre Ausbildung als Therapeutin mit ihrem kreativen Anspruch. Denn Kunst könne die Einschränkungen, die der Mensch schon früh, etwa in der Schule, durch die Reduzierung auf das Rationale erfahre, aufbrechen. „Kreativität verlangt waches Geschehenlassen, dessen was kommen will“, sagt sie. In jedem Menschen wirkten kraftvolle Impulse. „Diesen Impulsen vertrauen, sie ernst nehmen, ihnen Raum und Entwicklung zugestehen ist Ziel meiner Arbeit“, sagt die Künstlerin.

Etwa in den Kleinskulpturen, der Serie „Prägungen“, mit denen sie Einflüssen, die die menschliche Existenz im Laufe eines Lebens prägen, Ausdruck verleiht. Weibliche Formen zeigen die drei bis fünf Zentimeter hohen Figuren, die auf kleinen Bleiwürfeln aus einer alten Druckerei installiert sind. Die Spannbreite reicht von Madonnen über Engel zu archaischen Symbolen der Weiblichkeit. Schablonenhaft bleiben dabei die Gesichter, so dass der Blick auf den Ausdruck der Gestalt gelenkt wird und Raum für eigene Gedanken bleibt.

Die Ausstellung

Die Ausstellung „Begegnung – Abstrakte und realistische Kunst begegnen sich“ ist vom 13. Juli bis 30. September im NordJura Museum in Weismain zu sehen. Vernissage ist am Freitag, 13. Juli, um 18 Uhr. Gezeigt werden Bilder von Heidemarie Schellwanich-Fries aus Maineck und Ulrike Baumgartl aus Schwyz.

Heidemarie Schellwanich-Fries wurde 1954 geboren und wuchs in Maineck auf. Nach einer Ausbildung zur biodynamischen Körpertherapie und gestaltender Therapie studierte sie Kunst. Seit 35 Jahren lebt sie im schweizerischen Schwyz, wo sie ein Atelier für kreative Persönlichkeitsentfaltung betreibt. Jetzt belebt sie ihr Elternhaus in Maineck wieder.

Prägungen lautet der Titel einer Serie von Kleinskulpturen, die Heidemarie Schellwanich-Fries geschaffen hat. Foto: Gerhard Herrmann