Zuviel Nährstoffe in den Gewässern

Eine Möglichkeit, den ökologischen Zustand eines Fließgewässers zu verbessern, sind Fischaufstiegshilfen, wie hier im Main bei Strössendorf. Foto: Brigitte gorille

Nur jeder vierte See in Deutschland ist ökologisch in gutem Zustand, bei den Fließgewässern sind es sogar nur 13 Prozent. Das geht aus einer Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Grünen hervor, in der es aber nicht um die Badequalität, sondern nur um den Naturschutz geht. Ursächlich für den drastischen Artenschwund seien vor allem zu viel Nitrat und zu viele Herbizide, die aus landwirtschaftlichen Flächen eingespült werden.

Die Folge: das Algenwachstum wird befördert, im Gegenzug nimmt die Artenvielfalt in vielen Gewässern seit Jahren dramatisch ab. Das OT hat beim für den Landkreis zuständigen Wasserwirtschaftsamt in Kronach (WWA) nachgefragt, wie es den hiesigen Gewässern geht. Mehrere Experten der Behörde, darunter Abteilungsleiter Matthias Trau und Gewässerbiologin Dr. Gabriele Trommer, haben geantwortet.

OT: Wie steht es um die Wasserqualität und die Artenvielfalt in den Seen und Fließgewässern im Landkreis?

WWA: Zunächst muss man zwischen den Begriffen „Wasserqualität“ und „Gewässerqualität“, also dem „ökologischen Zustand der Gewässer“, unterscheiden. Mit Letzterem wird beurteilt, in welchem Maße ein Gewässer im Vergleich zum natürlichen biologischen Zustand verändert ist. So wird verglichen, welche Fische oder Pflanzen in einem Gewässer eigentlich vorkommen müssten und welche tatsächlich vorhanden sind. Bewertungsgrundlage bilden insgesamt vier Biokomponenten. Je größer der Unterschied zwischen „Ist“ und „Soll“ ist, desto schlechter ist der ökologische Zustand, wobei für die Gesamtbewertung alleine die schlechteste Bewertung der vier Komponenten relevant ist.

Den Landkreis Lichtenfels durchziehen neun sogenannte Flusswasserkörper - das ist die Zusammenfassung mehrerer Fließgewässer beziehungsweise Fließgewässerabschnitte mit ähnlichem Charakter - von denen sechs in einem mäßigen, zwei in einem unbefriedigendem und einer in einem schlechten ökologischen Zustand sind. Der chemische Zustand ist im Durchschnitt gut, wobei zum Teil Überschreitungen der Orientierungswerte von Ammoniumstickstoff und Phosphor vorliegen. Seen werden unregelmäßig auf chemische Basisparameter untersucht. Hier zeigt sich ebenfalls eine erhöhte Nährstoffverfügbarkeit von Stickstoff und Phosphor, welche saisonal zu erhöhtem Algenwachstum (auch Blaualgen) führen kann.

Seit diesem Jahr gibt es eine neue Düngeverordnung für die Landwirte. Die Zeiten, in denen Gülle ausgebracht werden darf, sind darin strenger reglementiert. Ein Schritt in die richtige Richtung oder nur ein Tropfen auf den heißen Stein?

WWA: Ein Schritt in die richtige Richtung! Durch die Überarbeitung der Düngeverordnung, in der die Zeitspanne, in welcher Gülle auf den Feldern ausgebracht werden darf, eingeschränkt wurde, wird eine Verringerung der Stickstoffbelastung angestrebt, auch wenn sich diese eher in kleineren Dimensionen bewegt und Erfolge erst langfristig messbar sein werden. Dennoch sind viele kleine Schritte zur Verbesserung der Wasserqualität sehr wichtig.

Der Laie wundert sich oftmals, dass Gülle oder Düngemittel direkt neben Gewässern ausgebracht werden. Müssten die Regelungen hier ebenfalls verschärft werden? Welche weiteren Maßnahmen wären nötig?

WWA: Die übermäßige Ausbringung von Gülle- oder Düngemitteln in Gewässernähe hat einen negativen Einfluss auf die Gewässerqualität. Deshalb ist in der Düngeverordnung der einzuhaltende Abstand zu Gewässern bei der Ausbringung von mineralischen und organischen Düngemitteln grundsätzlich geregelt (je nach Hangneigung ein bis 20 Meter). Eine Kontrolle hierfür erfolgt über die Ämter für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten. Ein wirksames Mittel, um den Eintrag von Gülle oder Düngemitteln zu verhindern, ist die Anlage eines Gewässerrandstreifens. Dieser dient als Pufferzone und soll Nährstoffüberschüsse zurückhalten. In Bayern können Gewässerrandstreifen vertraglich über die Kreisverwaltungsbehörde und den Trägern der Gewässerunterhaltung mit den Grundstückseigentümern festgelegt werden. Im nationalen Wasserhaushaltsgesetz wird ein Gewässerrandstreifen von fünf Metern vorgegeben.

„Hohe Wassertemperaturen alleine lösen keine

Algenblüte aus.“

Matthias Trau, Abteilungsleiter
Inwiefern hat sich die Artenvielfalt in den heimischen Gewässern in den vergangenen Jahren geändert – es gibt fast keine Brachsen und Lauben mehr, dafür Dreikantmuscheln in Massen?

WWA: Es ist richtig, dass sich die Artenvielfalt in den Gewässern im Laufe der Jahre geändert hat. Beispielsweise ist der Bestand der Äsche in Oberfranken in den vergangenen Jahren zurückgegangen. Dafür sind Prozesse verantwortlich, die sich über mehrere Jahrzehnte erstrecken und nicht erst vor einigen Jahren ihren Anfang genommen haben. Um dieser Entwicklung entgegenzuwirken, werden Maßnahmen ergriffen, welche die Qualität und Struktur unserer Gewässer verbessern und diese wieder in einen naturnahen Zustand zurückführen sollen, um die Wiederansiedlung von heimischen Arten zu ermöglichen. Beispiele dafür im Landkreis sind die Laufverlängerung des Mains bei Unterbrunn und die Renaturierungen der Rodach bei Redwitz.

Am Main im Landkreis wurden etliche Aufstiegshilfen für Fische errichtet. Hat sich dieser Aufwand gelohnt, sprich, haben sich bestimmte Arten wieder besser ausbreiten können?

WWA: Die Durchwanderbarkeit der Fließgewässer wurde für die Fische durch die Fischaufstiegsanlagen erleichtert beziehungsweise durch diese erst ermöglicht. In welchen Maße die Aufstiegshilfen den Fischen eine bessere Verbreitung ermöglicht, ist längerfristig und über den gesamten Flussverlauf zu betrachten. Generell wurde die Erreichbarkeit der Laichbereiche durch die Fischaufstiegsanlagen vereinfacht und somit eine bessere Verbreitung der Arten ermöglicht.

In den vergangenen Jahren sind im Landkreis etliche Seen „umgekippt“ (Ebensfeld, Hochstadt). Ursächlich hierfür soll eine Algenblüte aufgrund der hohen Temperaturen gewesen sein. Ist dies korrekt oder hat auch hier erst der hohe Nährstoffeintrag überhaupt die Algenblüte ermöglicht?

WWA: Zunächst muss man darauf hinweisen, dass es sich bei den betroffenen Seen um künstliche Gewässer handelt. Diese haben nur eine Tiefe von vier bis fünf Metern. Natürliche Seen weisen im Gegensatz zu Baggerseen im Regelfall in den Sommermonaten eine Schichtung auf, das heißt, es bildet sich eine warme obere und eine kalte Schicht in der Tiefe aus. Hohe Wassertemperaturen alleine lösen keine Algenblüte aus. Entscheidend dafür ist einerseits ein erhöhter Nährstoffeintrag, andererseits spielt die Sonneneinstrahlung eine wichtige Rolle. In den flachen Baggerseen kann die Sonne die gesamte Tiefe mit Licht durchströmen und das Wasser zusätzlich schnell erwärmen. Die Algenproduktion wird damit über die gesamte Tiefe des Sees angekurbelt.

Die von der Algenblüte ausgelöste erhöhte Sauerstoffzehrung in den Nachtstunden (keine Fotosynthese möglich), kann im Extremfall zu einem „Umkippen“ eines stehenden Gewässers führen. Die Fische haben dann in den flachen, warmen Baggerseen keine Möglichkeit, in tiefere, kältere Schichten auszuweichen, die gegebenenfalls einen höheren Sauerstoffgehalt aufweisen.

So geht es den Gewässern am Obermain

Folgend eine Übersicht über den ökologischen Zustand der Flusswasserkörper im Landkreis (Anm: In diese Bewertung fließen vier Biokomponenten ein, unter anderem der chemische Zustand, die Fischfauna und das Phytoplankton, wobei allein die schlechteste Note für die Gesamtbeurteilung maßgeblich ist).

• Mäßiger Zustand: Main vom Zusammenfluss Roter und Weißer Main bis Einmündung Häckergrundbach, Main von Einmündung Häckerbachgrund bis Kloster Banz, Mühlbach bei Michelau, linksseitige Zuflüsse des Mains von Einmündung Weismain bis Einmündung des Weiherbachs, linksseitige Zuflüsse des Mains von Einmündung des Weiherbachs bis Einmündung Güßbach, Rodach von Einmündung der Hasslach bis Mündung in den Main, Steinbach, Zentbach, Motschenbach, Häckergrundbach.

• Unbefriedigender Zustand: Main von Kloster Banz bis Einmündung in die Regnitz.

• Schlechter Zustand: Biberbach, Schneybach, Weiherbach (Grund: allein Komponente „Fische“, übrige Komponenten „gut“ oder „mäßig“).

Quelle: Wasserwirtschaftsamt Kronach. Weitere Infos: www.umweltbundesamt.de