GÖßMITZ

Doch nicht aus der Zeit gefallen

In der elften Generation Müller: Andreas Ultsch in seinem Gößmitzer Familienbetrieb. Foto: Till Mayer

Es ist die Zeit stolzer Ritter, gnadenloser Armut und brutaler Knechtschaft. Die Bauern und Leibeigenen, die ihre Ernte zum Mahlen bringen, kennen oft genug den schmerzenden Hunger. Missernten sind todbringende Katastrophen, die in jener Zeit ganze Landstriche in Armut versinken lassen. Doch selbst in schlimmster Not bleibt die Mühle ein Versprechen auf bessere Tage. Hier wird aus Korn das Mehl fürs tägliche Brot gemacht. Jeder weiß, jeder hofft, es kommt die Zeit, da wieder viel Getreide zwischen den schweren Mühlsteinen ist.

„Die Mühle war immer ein lebenswichtiges Zentrum für das ganze Dorf.“
Andreas Ultsch, Junior-Chef der Mühle

1255 erfolgt die erste urkundliche Erwähnung der Mühle von Gößmitz. „Die Mühle war immer ein lebenswichtiges Zentrum für das ganze Dorf“, sagt Andreas Ultsch. Er steht für die elfte Müllergeneration in seiner Familie und ist sich seines stolzen Erbes wohl bewusst. Seit 1693 hielten seine Vorfahren die Mühle am Laufen. Eine Tradition, die die Gößmitzer „Müller-Dynastie“ in jüngerer Vergangenheit nur erhalten konnte, weil sie bereit war und ist, neue Wege zu gehen.

Andreas Ultsch steht gerade in seinem Mühlenladen. „Schon in den 1950-er Jahren begann das Mühlensterben. Fast jedes Dorf hatte damals in unserer Region noch eine Mühle. 20 Jahre später war fast keine mehr übrig“, sagt der Junior-Chef, der zusammen mit seinem Vater Ludwig, das Familienunternehmen führt. „Heute gibt es im Landkreis nur noch die Hopfenmühle in Bad Staffelstein und die Serkendorfer Mühlenbäckerei“, erklärt Ultsch Junior.

Damit die Gößmitzer Mühle weiter Zukunft hat, wurde aus einem ehemaligen Wohnzimmer der alten Mühle ein Laden. Fein säuberlich stehen die Packungen in den Regalen aufgereiht: Mehle aus Roggen, Dinkel und Mais, die unterschiedlichsten Getreidearten, Müslis, Backzutaten und Gewürze. Alles stammt aus der Region. Der 31-jährige Ultsch engagiert sich auch als 2. Vorsitzender im Verein „Main Jura Natur“, der auf regionale Wertschöpfung setzt.

„Der Laden läuft gut“, sagt der Jungmüller. Jetzt soll noch ein Internetshop dazukommen. Aber ohne den Landhandel, der vom Saatgut bis zum Siliermittel alles für den Landwirt bietet, würde es die Mühle nicht mehr geben. Den Handel hat Ludwig Ultsch kontinuierlich ausgebaut. Sein Sohn setzt nun zusätzlich auf den Mühlenladen und das Internet. Er baut den Internetshop auf. Dort bestellen mehr und mehr Kunden, die den Mühlenladen als Touristen besucht und schätzen gelernt haben.

Ohne moderne Technik kommt auch die alte Mühle nicht aus. Sogar ein eigenes Computerprogramm hat der Jungmüller entwickelt. Im Labor gibt es High-Tech-Messgeräte, die zum Beispiel die Feuchtigkeit des Getreides bestimmen. Sonst bleibt ein Abstecher in das Herz der Mühle eine Zeitreise. In dem Bau aus dem 19. Jahrhundert rotieren vier Metallwalzen, die seit dem Jahr 1927 das Mehl mahlen.

Riemen treiben Maschinen an

Wie in alten Tagen treiben Riemen die Maschinen an. Die Kraft des angrenzenden Bachs dient als Energiequelle. Ist der Wasserstand zu niedrig, springt der Elektormotor an.

In Stuttgart und in der Schweiz hat Andreas Ultsch die Meister- und Technikerschule absolviert, sich fit gemacht für eine Zukunft im heimischen Döbertengrund. „Das Surren der Riemen sollen auch noch die nächsten Generationen hören“, sagt auch der 59-jährige Senior-Chef. Der Sohn nickt. Die Mühle und seine Zukunft, das soll zusammen gehören.

Dabei ist die Mühle allein durch ihre Größe ein Anachronismus, scheinbar nicht mehr in die moderne Zeit passend. Selbst wenn die Mühle rund um die Uhr laufen würde, wäre das gemahlene Mehl nicht mehr als 1,5 Tonnen am Tag. Das ist lächerlich wenig im Vergleich zu den heutigen Großmühlen, die locker das Hundertfache und mehr schaffen. Angeliefert wird dort von Großbauern und Agrarbetrieben teilweise aus ganz Europa.

Anachronisten sind oft die Menschen, die das Getreide in Gößmitz anliefern. Nicht selten Nebenerwerbslandwirte, die ihren Hof nicht um des Geldes willen betreiben, sondern der Tradition geschuldet. „Für unsere heimischen Bauern sind wir sehr wichtig. Wir ersparen ihnen lange Anfahrtswege, die sich oft bei ihren Getreidemengen gar nicht mehr lohnen.“

Lebensart bewahren

Und die Menschen, die im Mühlenladen einkaufen? Sie unterstützen gern eine Mühle, die Lebensart bewahrt. In all der Hast, der Industrialisierung und des Optimierungswahns ist sie eine Insel, die zeigt, dass es eben auch anders geht. „Das wissen mehr und mehr Leute zu schätzen“, sagt Andreas Ultsch. Die Mühle ist eben doch nicht aus der Zeit gefallen.

Vater Ludwig Ultsch mit Sohn Andreas: Beide sind stolz auf ihre Familientradition.
In der Mühle treiben immer noch surrend Riemen die Maschinen an.

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