BURGKUNSTADT

Seite an Seite mit den Peinigern

Zeitzeugen- Ausstellung an der Deutschen Schule in La Paz. Eine Oberstufen-Klasse stellte bei der Ausstellungseröffnung ... Foto: Andreas Motschamnn

„Von Bamberg nach Quito“ lautet der Titel des Tagebuchs von Erika Löbl. Das jüdische Mädchen beschrieb darin ihre Gefühle kurz vor der Flucht am 12. Juni 1939. Der Abschied von der Heimat stimmte sie sehr nachdenklich. Sie schrieb: „Wie lieb, wie unsagbar teuer war mir mein geliebtes Bamberg.“ Die Zeilen las Andreas Motschmann vor, im Rahmen seines Vortrags „Südamerika – Fluchtkontinent für Opfer und Täter des Nationalsozialismus“, einer Veranstaltung des Colloquium Historicum Wirsbergense (CHW).

An dem Thema herrschte reges Interesse, der Kultursaal der ehemaligen Synagoge fasste kaum die große Menge an Zuhörern.

Lukratives Visa-Geschäft

Motschmann zufolge gelang insgesamt etwa 250 000 Juden die Flucht aus Nazi-Deutschland, geschätzte 100 000 davon emigrierten nach Lateinamerika. Argentinien und Kolumbien waren im Jahr 1938 die wichtigsten Länder für jüdische Flüchtlinge - heute leben in Argentinien etwa eine Viertel Million Juden. Die jüdische Gemeinde in der Hauptstadt Buenos Aires gilt weltweit als die zweitgrößte außerhalb Israels, gefolgt von New York.

„Ich wusste damals über Bolivien so gut Bescheid, wie ihr heute über den Nordpol.“
Jüdische Zeitzeugin

1939 wurde die Einwanderung nach Kolumbien gesperrt, in Argentinien wurde sie reduziert, die Aufnahmezahlen in Brasilien und Chile stiegen. Paraguay vergab nur Transitvisa für die Weiterreise in andere Länder. Venezuela, Kolumbien und Brasilien verlangten im Gegenzug für die Einreisegenehmigung die katholische Taufe. Motschmanns Wahlheimat Bolivien war für ein Jahr lang, nämlich von Sommer 1938 bis Sommer 1939 das einzige Land weltweit, in das jüdische Flüchtlinge ohne größere Schwierigkeiten einreisen konnten. Der Grund: Die Wirtschaft war am Boden, Politiker erhofften sich von der Ansiedlung hoch qualifizierter, vermögender Einwanderer, sie wieder anzukurbeln.

Allein das Geschäft mit den Visa war ein lukratives. Sie kosteten 250 US-Dollar pro Person, damals eine hohe Summe. Manche nutzten die Notlage der Menschen aus, um sich zu bereichern, so etwa der bolivianische Generalkonsul in Paris, der pro Visum 1500 US-Dollar verlangte.

Die Einwanderer waren auf das Leben in Bolivien nicht vorbereitet. Sie sprachen kein Spanisch, wussten nichts über Geschichte, Politik oder Gesellschaft des Landes, kannten weder die Kultur der Weißen noch die der Indios. In ihrer Heimat hatten sie Berufe erlernt, insbesondere im akademischen Bereich, die sie nicht selbstständig ausüben durften. Oder für die es kaum Verwendung gab, wie etwa Industriekaufleute oder Verwaltungsfachleute. „Wir wären auch auf den Mond ausgewandert“, erinnerte sich ein Zeitzeuge. Eine andere Jüdin sagte: „Ich wusste damals über Bolivien so gut Bescheid, wie ihr heute über den Nordpol.“

Aus Heinz wird Enrique

Die Juden versuchten sich im südamerikanischen Ambiente zu etablieren, viele warteten auf eine Gelegenheit weiterzureisen. Deshalb wählte der deutschstämmige Jude Leon Bieber für sein Buch den Titel „Hotel Bolivia“. Darin rekonstruierte er anhand von Tonbandmaterial, Einreisedokumenten und Zeitungsausschnitten aus dem bolivianischen Staatsarchiv die Geschichte der jüdischen Einwanderung. Sein Vater Heinz Bieber wurde heimisch und nannte sich fortan Enrique.

An einem nach ihm benannten Sportzentrum brachte er 1982 eine Erinnerungstafel an, auf der geschrieben steht: „Danke, Bolivien. Herrliches Land, weil es mich vor den Nazimördern gerettet hat.“

„Danke, Bolivien. Herrliches Land, weil es mich vor den Nazimördern gerettet hat.“

Heinz Bieber,

Erinnerungstafel an Sporthalle

Doch die Nazis ließen nicht lange auf sich warten. Denn ab dem Jahr 1945 wendete sich das Blatt. Durch die Nürnberger Prozesse wurden die Verfolger zu Verfolgten. Viele Nazi-Massenmörder wurden von der „Organisation der ehemaligen SS-Angehörigen“ nach Südamerika gebracht, via Italien auf so genannten Rattenlinien, unterstützt von US-Geheimdiensten und auch vom Vatikan.

Barbie ließ Indios für sich arbeiten

Unter diesen Flüchtigen waren beispielsweise Josef Mengele, der „Todesengel von Auschwitz“. In Paraguay lebte er bis zu seinem Tod im Jahr 1979, ohne jemals vor ein Gericht gestellt zu werden. Ein anderer Nazi-Verbrecher, der in Bolivien lebte wie die Made im Speck, war der Gestapo-Offizier und Folterexperte Klaus Barbie, auch genannt der „Schlächter von Lyon“. „Geschmeidig und anpassungsfähig“ sei Barbie gewesen, so Motschmann. Unter dem Decknamen Klaus Altmann tauchte er ab und betrieb ein Sägewerk im bolivianischen Tiefland. „Dort herrschte er über die Indios, die er für sich arbeiten ließ“, berichtete Motschmann.

„Für die Bolivianer war es

unerklärlich, dass sich

diese Einwanderer

untereinander nicht vertrugen, waren sie doch aus

deren Sicht alle Deutsche.“

Andreas Motschmann, Referent

Barbie strengte sich nicht an, seine Nazivergangenheit zu verleugnen. Im Deutschen Club in der bolivianischen Stadt La Paz pöbelte er herum und grüßte den deutschen Botschafter sogar mit „Heil Hitler“. Das sorgte für Ärgernis vor allem unter den jüdischen Emigranten. Dass sie mit den Nazis nun wieder Seite an Seite leben mussten, war keine Seltenheit.

„Ganz besonders interessant ist die Geschichte des Ortes Chulumani, der versteckt in den fast unzugänglichen Yugas-Wäldern im Tiefland liegt“, sagte Motschmann. In der abgeschiedenen Bergwelt suchten nicht nur deutsche Juden Schutz, sondern später auch hochrangige Nazis. Zeitweise lebten Klaus Barbie, angeblich auch Adolf Eichmann und Josef Mengele, im gleichen Ort wie die Juden, die vor ihnen geflohen waren.

„Für die Bolivianer war es unerklärlich, dass sich diese Einwanderer untereinander nicht vertrugen, waren sie doch aus deren Sicht alle Deutsche“, sagte Motschmann. Von gewalttätigen Auseinandersetzungen sei nichts bekannt. meist hätten die Juden lediglich einen Verdacht gehabt, keine Gewissheit.

Ähnlich wie in Burgkunstadt gibt es auch in La Paz einen jüdischen Friedhof mit derzeit 1100 Gräbern. Motschmann berichtet: „Am Volkstrauertag im November gedenken wir, die Deutsche Kulturgemeinschaft, die Deutsche Botschaft, die Evangelische und die Katholische Gemeinde deutscher Sprache und die jüdische Gemeinde jedes Jahr den Opfern von Krieg und Gewaltherrschaft sowie den Opfern des Holocaust.“ Die jüdische Gemeinde in Bolivien sei geschrumpft, von annäherend 1500 Mitgliedern in den 1970-er Jahren auf heute maximal 400, die Mehrheit im Pensionsalter.

Zeitzeugen-Austellung

Besonders spannend fand Jutta Löbling, Vorsitzende der CHW-Bezirksgruppe Burgkunstadt/Altenkunstadt, dass sich im weit entfernten La Paz eine jüdische Gemeinde entwickelt hat wie hier in Burgkunstadt. An beiden Orten bemüht man sich, die jüdischen Wurzeln nicht zu vergessen. Im vergangenen Jahr gab es beispielsweise eine Zeitzeugen-Ausstellung an Motschmanns Arbeitsplatz, der deutschen Schule in La Paz. Die Informationen dafür wurden von den Schülern selbst recherchiert und zusammengestellt.

Ein Brief kam von Bayreuth nach Bolivien. Denn nach dem Kriegsende entstanden in Franken viele kleine Kibbuzim. Diese wurden erst um 1948 wieder aufgelöst, als die verbliebenen Juden in andere Länder ausreisen konnten. Foto: Andreas Motschamnn
Auf dem Jüdischen Friedhof in La Paz. Jedes Jahr besucht die Deutsche Kulturgemeinschaft mit dem Deutschen Botschafter den „Guten Ort“ auf 3500 Meter Höhe.FOTOS: Andreas Motschamnn Foto: Andreas Motschmann