LICHTENFELS/BIRKACH

Die „Schwarzkittel“ sind auf dem Vormarsch

KINA - Baller-Automat soll Wildschweine vertreiben
Ein Wildschwein. FOTO: Fredrik von Erichsen Foto: Fredrik von Erichsen (dpa)

Landwirtssohn Jochen Finkel (29) traut seinen Augen nicht. Auf der Landstraße direkt vor dem Hof der Familie, dem Gut Ummersberg bei Birkach, traben am helllichten Tag Wildschweine – landläufig auch „Schwarzkittel“ genannt – über die Straße. Nicht ein Tier, oder zwei oder drei: Es sind etwa 20 Tiere, aufgereiht wie an einer Perlenschnur. Jochen Finkel sitzt im Auto. Er hält an und zückt sein Smartphone. Bei dem Spektakel kann er nur eines tun, Beweisfotos knipsen.

Vater Jürgen Finkel (55) ist nicht überrascht. Zwei große Rotten Wildschweine beobachtet er immer wieder in der Nähe seines Hofs. „Die kommen bis zu 50 Meter an die Stallanlagen heran und durchwühlen die angesäten Äcker.“ Früher hätten ein paar wenige Wildschweine im Vorbeigehen ab und zu die Nase in den Boden gestupst.

Die immer größer werdenden Rotten wühlen heute flächendeckend, bis zu 50 Quadratmeter am Stück werden durchgeackert. Finkel sagt: „In den vergangenen Jahren habe ich nie Wildschaden angemeldet. Doch, wenn es zu extrem wird, muss man darüber nachdenken.“

Für die vom Wild verursachten Schäden auf den Feldern können Landwirte von der Jagdgenossenschaft, beziehungsweise von den Jägern, Schadensersatz verlangen. Das heimische Landratsamt stellt zunehmend Schäden in der Landwirtschaft durch Wildschweine fest, „die immer öfter im vierstelligen Bereich liegen.“

Was sind die Ursachen für den Siegeszug der Wildschweine? Der Schwarzwildreferent des Bayerischen Jagdverbands, Max-Peter Graf von Montgelas, meint, dass die Schwarzkittel heutzutage ideale Lebensbedingungen vorfinden. Viele Faktoren seien beteiligt, unter anderem mildere Winter, eine bessere Ernährungs- und Lebensraumsituation etwa durch Waldumbau oder Sturmkatastrophen, geringere Frischlingssterblichkeit, erschwerte Bejagung sowie intensive Landwirtschaft.

Schnell geschlechtsreif

Der Lichtenfelser Kreisjagdberater Wolfgang Jakob sieht im Klimawandel einen wichtigen Faktor. Vor Jahrzehnten herrschte tiefster Winter. Das Schwarzwild hat nur einmal im Jahr Nachwuchs bekommen.

Durch die Klimaveränderung passiert das mittlerweile zweimal.“ Pro Bache und pro Wurf kommen zwei bis acht Junge auf die Welt. Allgemein bei Schwarzwild rechnen die Experten mit einer Zuwachsrate von 300 Prozent. Bei mehreren Würfen im Jahr läge diese Quote noch höher.

Weibliche Jungtiere können bereits nach acht bis zehn Monaten geschlechtsreif werden, manchmal auch früher. Einer der Gründe dafür ist das üppige Nahrungsangebot. Die Klimaveränderung führt auch dazu, dass gute Buchen- und Eichenmastjahre immer häufiger werden. Zwar sind Wildschweine Allesfresser, die den Boden nach essbaren Wurzeln, Würmern, Schnecken sowie Pilzen durchsuchen und auch Aas und Abfälle nicht verschmähen. Doch machen Eicheln und Bucheckern noch immer einen großen Teil ihrer Nahrung aus.

„Vor Jahrzehnten herrschte tiefster Winter. Das Schwarzwild hat nur einmal im Jahr Nachwuchs bekommen. Durch die Klimaveränderung passiert das mittlerweile zweimal.“
Wolfgang Jakob, Kreisjagdberater

Angesichts der rasant wachsenden Schwarzwildbestände und den damit verbundenen Schwierigkeiten sieht Landrat Christian Meißner Handlungsbedarf. Kürzlich traf er sich mit Fachvertretern aus Jägerschaft, Jagdgenossenschaft, Land- und Forstwirtschaft sowie Jagd- und Veterinärwesen zu einem gemeinsamen Gespräch im Landgasthof Karolinenhöhe.

Unter anderem ging es um die Entwicklung eines den örtlichen Verhältnissen angepassten Bejagungskonzepts, das dann in allen 111 Revieren des Landkreises umgesetzt werden soll.

Künftig mit Nachtsichttechnik?

Mit dem Klima ändern sich auch die Jagdbedingungen. Der ausbleibende Schneefall begünstigt nicht nur die Vermehrung der Schwarzkittel, sondern macht auch die Bejagung schwieriger. Kreisjagdberater Jakob erklärt: „Eine übliche Jagdmethode war früher, im Schnee nach Spuren zu suchen.“

So habe man gewusst, wo die Wildschweine sich versteckten und konnte weitere Jäger zur Hilfe holen, die das Waldstück dann umstellen. Eine weitere gängige Methode sei die Einzeljagd an der Kirrung, bei der man die Tiere mit Futter an einen bestimmten Platz lockt, um das Wild dort zu erlegen. „Das funktioniert aber nur an wenigen Tagen im Monat,“ sagt Jakob weiter. Nur bei Vollmond sehe man genug, um die hauptsächlich nachtaktiven Tiere ins Visier zu bekommen. Nachtsichttechnik sei jagd- und waffenrechtlich verboten.

Landrat Meißner schließt nicht aus, dass auf Antrag des Revierinhabers den Einsatz von Nachtsichttechnik zuzulassen. Möglich seien solche Ausnahmegenehmigungen aufgrund einer Absprache des Bayerischen Staatsministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten mit den zuständigen Bundesbehörden. Revierübergreifende Drückjagden sollen landesweit ausgeweitet werden, so Jakob. Dabei seien insbesondere die Revierinhaber gefordert, problembezogen zu kommunizieren und sich entsprechend jagdlich abzustimmen. Für die Organisatoren solcher Gesellschaftsjagden bedeute dies einen enormen Aufwand.

Reiner Fleischmann ist einer von drei Jagdpächtern im Revier Birkach bei Bad Staffelstein. An diesem Samstag findet dort die erste Drückjagd dieses Ausmaßes statt. Auf insgesamt mehr als 4000 Hektar wollen die Revierinhaber von Birkach, Oberbrunn-Unterbrunn, Draisdorf, Messenfeld, Döringstadt, Eggenbach, Nedensdorf und Wiesen sowie Medlitz und Busendorf im Landkreis Bamberg den Sauen auf den Kittel rücken. Mehr als 220 Personen sind beteiligt, neben zahlreichen Schützen auch etwa 70 Treiber und Hundeführer mit 25 Hunden. Fleischmann: „Ein einzelnes Revier kann das nicht leisten.“ Er geht davon aus, dass sich zwei bis drei Rotten mit zehn bis 20 Tieren in dem Gebiet befinden.

Fleischmann zufolge ist das noch keine Garantie für Jagderfolg, denn Wildschweine seien enorm lernfähig und wüssten oft, wie sie den Jägern entgehen können.

Rehe führen Wildunfallstatistik an

Zur aufwendigsten Drückjagdvorbereitung gehört die Verkehrssicherung. Derzeit führt in der Statistik der Wildunfälle im Landkreis noch immer das Rehwild, das 266 Zusammenstöße verursacht hat. Nur 31 Wildschweine waren vergangenes Jahr in Verkehrsunfälle verwickelt. Diese Zahl im Landkreis seit 2007 beinahe konstant geblieben, so die Auskunft der Polizeiinspektion Lichtenfels.

Damit großflächige Drückjagden die Wildunfallstatistik nicht erhöhen, müssten sich die Organisatoren um die Verkehrssicherung kümmern. Karl Hagel, einer der drei Revierpächter in Birkach, ist seit zwei Wochen damit beschäftigt.

Er sagt: „Die Logistik ist Wahnsinn. Wir haben insgesamt etwa zwölf Tonnen Gummifüße hinausgefahren und etwa 200 Verkehrsschilder aufgestellt.“ Kreisjagdberater Jakob wird ebenfalls an der Drückjagd teilnehmen. Für ihn ist die Aktion ein Mittel, die Wildschwein-Population einzudämmen.

Hinweis: Zur eigenen Sicherheit und der der Jagdhunde bitten die Jäger die Bevölkerung am Samstag die Freizeitnutzung in dem betroffenen Gebiet einzuschränken und sich beim Autofahren besonders vorsichtig zu verhalten. Info: www.wildtierportal.bayern.de

Zahl der erlegten Wildschweine

2016 wurden in Bayern 85 436 Wildschweine von Jägerinnen und Jägern erlegt. Vor 30 Jahren lag die Zahl im Freistaat noch bei nur 10 000 Tieren. Die Population hat sich rasant entwickelt. Auch im Landkreis Lichtenfels ist die Zahl der erlegten Wildschweine gestiegen: von 133 Tieren im Jahr 1994 auf 704 im Jahr 2016, also um mehr als das Fünffache.