KLEINZIEGENFELD

Seit 1905 hält Claudius wacht

Claudius, der radelnde Urfranke mit Hut und Schnauzbartist ein Wahrteiczhen von Kleinziegnefeld. FOTO: Adriane Lochner Foto: Adriane Lochner

Er ist ein Ur-Franke mit Schnauzbart und Trachtenjacke. Seit mehr als 100 Jahren thront der Radfahrer auf seinem Felsen bei Kleinziegenfeld. „Claudius ist unser Wahrzeichen“, sagt Tanja Betz, Vorsitzende des Vereins Naturfreunde Kleinziegenfeld. Alle fünf Jahre, zum Fest am 1. Mai schnappen sich die Vereinsmitglieder Leiter und Trage und ziehen hinauf zum Felsen.

Auf der Trage wird Claudius ins Dorf transportiert - von weitem sieht das aus wie eine Rettungsaktion der Bergwacht. Claudius muss verarztet werden. Wind und Wetter haben sein Holzgestell morsch gemacht, ein Schreiner tauscht es aus. Auch Füllmaterial und Garderobe werden erneuert.

Kleidung wird gespendet

„Die Kleidung wird gespendet“, erklärt Betz, für die nächste Aktion, voraussichtlich 2017, sei bereits ein neuer Satz da: Lederhose, Wanderjacke, handgestrickte Socken, Wanderstiefel und Hut. „Das Outfit passt richtig gut zu unserer Gegend, besser als Zylinder und Frack “, sagt Silvia Tempel, stellvertretende Vorsitzende der Naturfreunde Kleinziegenfeld. Denn es gab bereits Überlegungen, Claudius wieder mit seinen ursprünglichen Accessoires auszustatten: vornehmer Zwirn und historisches Hochrad.

„Der erste Radfahrer wurde wahrscheinlich am Pfingstsamstag 1905 aufgestellt“, schreibt der Heimatforscher Josef Urban in seinem Bericht über die Geschichte des ehemaligen Fürstbistums Bamberg. Das verwendete Hochrad war das erste Fahrrad im Dorf und befand sich im Besitz der Familie Ammon. Die Idee stammte von Georg Ammon, ein Professor in Regensburg, der die Ferien bei seinem Bruder Wilhelm in Kleinziegenfeld verbrachte.

Begleitet von Liedern und Musik zog die Dorfjugend mit der ersten Holzfigur hinauf - ein festliches Ereignis, zu dessen Anlass Wilhelm Ammon eine Rede hielt und den Radfahrer auf den Namen „Claudius“ taufte. Der hat seither einiges mitgemacht. 1909 riss ein Sturm ihn mitsamt Fahrrad vom Felsen. Danach musste Claudius für die Späße der Dorfjugend herhalten, über Nacht tauchte er an den unmöglichsten Stellen auf, etwa in einem „Häuschen mit Herz“.

Um die Wiederaufstellung des Claudius im Jahr 1930 kümmerte sich der damals neu gegründete Gesangverein. Eigens zu diesem Anlass dichtete der Kleinziegenfelder Franz Deinhardt das Claudiuslied. Darin heißt es „Ihr Touristen nah und fern, habt auch unseren Claudius gern“... „Haltet diesen Mann in Ehren, denn er kann euch mal erzählen. Er spricht: Ich halte aus bei Sturm und Braus und Ihr sitzt fein zu Haus.“

Während des Zweiten Weltkriegs verbannte das Militär Claudius von seinem Felsen. 1952 wurde auf Initiative von Georg Kauppert, Wirt des „Gasthauses zur Weismainquelle“ der dritte Claudius aufgestellt. Tochter Lucia Böhm, heute 60 Jahre alt, erinnert sich: „Mein Vater hat ihn jeden Herbst geholt und den Winter über im Kohlenkeller gelagert. Das war gruselig, als Kinder hatten wir immer Angst beim Kohleholen.“

Zur Begrüßung der Gäste

Warum genau Claudius da ist, kann keiner so richtig beantworten. „Zur Begrüßung der Gäste“ lautet eine Theorie. Es scheint, als sei der Radfahrer den Dorfbewohnern ans Herz gewachsen, sich um ihn zu kümmern ist zur Tradition geworden.

Vor zwei Jahren wurde sogar eine Solarzelle mit LED-Scheinwerfern installiert, um Claudius auch nachts ins richtige Licht zu setzen.

Ein wenig ironisch ist es, dass gerade ein Radfahrer zum Wahrzeichen Kleinziegenfelds wurde, denn Radwege gibt es dort kaum, die Gegend ist Naturschutzgebiet. „Nach Weismain muss man auf der Straße fahren. Das geht an einem normalen Sonntag gar nicht, zu viele Motorräder und Autos sind unterwegs“, berichtet Silvia Tempel. Vor einigen Jahren habe es beim Faschingsumzug in Weismain einen Wagen gegeben mit dem Motto: „Claudius zieht nach Bad Staffelstein, weil es da so viele schöne Radwege gibt.“

Info: Seit 1977 sind es die Naturfreunde Kleinziegenfeld, die sich um Claudius kümmern. 115 Mitglieder hat der Verein, eine beachtliche Zahl wenn man bedenkt, dass ganz Kleinziegenfeld nur knapp 200 Einwohner hat.