LICHTENFELS

Wenn Übergewicht das Leben bedroht

Dr. Bernd Greger ist Ärztlicher Direktor des Klinikums Lichtenfels. Foto: Red

Der Kampf mit den Speckröllchen und dem kneifenden Hosenbund – wer kennt ihn nicht? Eine steigende Anzahl von Menschen jedoch leidet besonders darunter, denn deren Gewicht steigt scheinbar unaufhaltsam in manchmal schwindelerregende Höhen. So hoch, dass eine Operation notwendig wird.

Informationen über mögliche operative Verfahren bietet am Dienstag, 19. Juli, ab 19 Uhr im Lichtenfelser Stadtschloss eine Vortragsveranstaltung der Selbsthilfegruppe Adipositas, die zusammen mit dem Helmut-G.-Walther-Klinikum Lichtenfels veranstaltet wird.

Über die teilweise erheblichen Unterschiede bei den Zulassungsverfahren dafür berichtet H. Prof. Dr. Hüttl aus München. Seit 2005 erhalten stark übergewichtige Menschen dort kompetente Hilfe durch Rat und Tat. Als drittes Klinikum neben Forchheim und Würzburg wurde es von der AOK Bayern als Zentrum für Adipositas-Chirurgie anerkannt.

Ausgeprägte Fettsucht ist von der Weltgesundheitsorganisation seit Langem als Krankheit anerkannt, erklärt der Ärztliche Direktor des Lichtenfelser Helmut-G.-Walther-Klinikums, PD Dr. Dr. Bernd Greger.

Obermain-Tagblatt: Wann gilt man eigentlich als „zu dick“ also als „adipös“?

Bernd Greger: Als krankhaft fettsüchtig gilt man schon ab einem Body-Mass-Index (BMI) von 30 Kilogramm pro Quadratmeter. Der BMI ist eine Maßeinheit für die Bewertung des Körpergewichts in Relation zur Körpergröße. Man kann diesen leicht ausrechnen, indem man das Gewicht zweimal durch die Körpergröße in Metern teilt.

Drei Schweregrade werden eingeteilt: Grad I: Body-Mass-Index (BMI) 30-35, Grad II: BMI 35-40, Grad III: BMI über 40. Ein BMI von 30 liegt zum Beispiel bei einer Körpergröße von 1,60 Meter und 76 Kilogramm vor, genauso bei Jemandem, der 1,90 Meter groß und 106 Kilogramm schwer ist.

Ein BMI von 40 entspräche dann z.B. einem Menschen mit 1,60 Metern Körpergröße und 100 Kilogramm oder 1,90 Metern und 142 Kilogramm.

„Mit dem

Magenbypass

kann man eine mittlere

Übergewichtsreduzierung von 62 Prozent nach zwei Jahren erreichen, auch führt das

Verfahren in fast 90 Prozent der Fälle zu einer Normalisierung einer

Diabetes“

Dr. Dr. Bernd Greger, Ärztlicher Direktor
Aber es gibt doch Menschen, deren Gewicht zwar hoch ist, die aber trotzdem nicht „dick“ wirken. Gibt es die berühmten „schweren Knochen“?

Greger: Die „schweren Knochen“ in dieser Form gibt es nicht. Auch Muskulatur hat Gewicht und natürlich kommt es auch auf die Fettverteilung an, wie jemand aussieht. Hier hat sich zusätzlich zum BMI übrigens der Index zwischen Hüfte und Bauch als Marker für das im Bauch versteckte Fett bewährt.

Warum ist „dick“ denn eigentlich so schlimm? Nicht jeder füllige Mensch ist krank, oder? Und nicht jeder scheinbar fitte, schlanke Mensch ist gesund.

Greger: Tatsächlich ist es so, dass das Risiko für die Entwicklung von Begleitkrankheiten erst bei einem BMI über Grad II deutlich steigt. Hier haben fast alle Patienten dann Hochdruckprobleme, es kommen Diabetes, Schlafapnoe, Rückflusskrankheit und vor allem vielfältige Gelenkprobleme hinzu. All das macht wieder unbeweglicher und hilft damit, weiter zuzunehmen. Letztlich wird die Lebenserwartung deutlich verkürzt.

Anders ausgedrückt: Es gibt eine sehr gute Studie, bei der man 6000 deutlich übergewichtige Patienten mit Operation mit 6000 Patienten ohne Operation verglichen hat. Nach zehn Jahren waren in der nicht-operierten Gruppe 40 Prozent mehr verstorben, meist an Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

Es heißt ja „Sitzen ist das neue Rauchen“. Ist Bewegungsmangel der einzige Grund für krankhaftes Übergewicht oder: Warum wird man dick?

Greger: Kurz gesagt: Fehlernährung mit Bewegungsmangel, und das von Kindesbeinen an. Oft wird auch das Fehlverhalten der Eltern übernommen. Vorbeugende Maßnahmen wie Ernährungsausbildung in der Schule oder mehr Sport sieht man leider nur in Ansätzen. Hier sind andere Länder weiter.

Wie muss ich mir die Behandlung im Klinikum vorstellen?

Greger: Wir bieten jedem eine ambulante Beratung an. Hier kann zunächst das Problem beziehungsweise die Probleme identifiziert werden. Dann muss man – und das ist von Patient zu Patient sehr unterschiedlich – sehen, wo man nach Abklärung der Begleiterkrankungen zunächst ansetzt: Das reicht von der Vermittlung in eine Selbsthilfegruppe bis hin zu einem Multimodalen Konzept zur Gewichtsreduktion, oder eben zur Operation.

In Lichtenfels werden neben dem Magenband für leichtere Fälle vor allem zwei Formen der Magenverkleinerung angeboten. Mit dem Magenbypass kann man eine mittlere Übergewichtsreduzierung von 62 Prozent nach zwei Jahren erreichen, auch führt das Verfahren in fast 90 Prozent der Fälle zu einer Normalisierung einer Diabetes.

Bei der Schlauchmagenbildung wird der Magen zu einer dünnen Röhre umgeformt, wodurch auch eine Abnahme des Übergewichts um 60 Prozent gelingen kann. Alle diese Operationen können nach einer sehr ausgiebigen Vorbereitung und bei Vorliegen der entsprechenden Voraussetzungen auf Antrag vom Medizinischen Dienst der Krankenkassen genehmigt werden.

Was waren die bislang spektakulärsten Erfolge?

Greger: Am spektakulärsten ist für praktisch alle Patienten der unglaubliche Gewinn an Lebensqualität und das Wiedergewinnen normaler Bewegungsmuster.

Rund 60 Prozent des Übergewichtes verliert man durch die Operation, der Rest ist Arbeit. Hier haben wir natürlich – vor allem bei den Jüngeren – sehr schöne Erfolge. Wenn dann richtig Sport getrieben wird, kann Idealgewicht erreicht werden.

Wie sieht die Nachbetreuung aus?

Greger: Die Patienten werden regelmäßig nachgesorgt. Bei uns sind Wiedervorstellungen nach sechs Wochen, nach einem viertel Jahr, nach einem halben Jahr und dann jährlich Pflicht.

Bleibt man nach einer solchen OP automatisch schlank?

Greger: Jein. Erstens werden die Patienten neben der Operation auch ernährungstechnisch und bewegungstechnisch geschult und motiviert. Wer das nicht durchhält, kann ganz langsam wieder zunehmen, er wird sein Ausgangsgewicht aber kaum je wieder erreichen.

Fachleute informieren

Die Adipositas-Veranstaltung des Helmut-G.-Walther-Klinikums findet am Dienstag, 19. Juli, um 19 Uhr im Stadtschloss Lichtenfels statt. Einlass ist ab 18 Uhr.

Das Vortrags-Programm:

• Internistische Probleme durch Adipositas (Privat-Dozentin Dr. Sigrun Merger, Klinikum Coburg),

• Chirurgische Lösungsansätze (Privat-Dozent Dr. Dr. Bernd Greger, Klinikum Lichtenfels),

• Vergleich der Genehmigungsmodalitäten in den verschiedenen Bundesländern (Prof. Dr. Thomas Hüttl, München).

Die Moderation übernimmt Dr. Bernd Greger.

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