LICHTENFELS

Petra Korzybski erzählt von Fluchtversuch, Gefängnis und Stasi

Als es am 9. November 1989 hieß, die Grenze sei offen, konnte sie es nicht glauben. „Ich hab' alle für verrückt erklärt“, erinnert sich Petra Korzybski. Einen Tag später aber hielt sie es auch nicht mehr aus. Als ihr Jüngster aus dem Hort heimkam in ihre Ostberliner Wohnung und damit alle drei Kinder zuhause waren, empfing sie ihn mit einer klaren Anweisung: „Ausziehen, umziehen, wir gehen in den Westen.“

Beim Grenzübergang Bornholmer Straße haben sie und ihre Kinder es versucht. Die Volkspolizisten, die sonst schon von Weitem abgewehrt haben, haben sie einfach durchgewunken. Also sind sie rüber auf die Westberliner Seite. „Da stand ein Mann, der hat auf mich gewartet. Der ist auf mich zugestürzt und hat mich umarmt. Dabei kannte ich den nicht“, erzählt Petra Korzybski. Wildfremde, die sich in den Armen lagen. Die vielen Leute auf den Straßen. S- und U-Bahnen, die sie kostenlos zu ihren Zielen brachten. „Ich krieg' heute noch Gänsehaut, wenn ich daran denke.“

1989 fiel die Mauer. Ein Jahr später folgte die Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten. 30 Jahre ist das jetzt her, 30 Jahre, in denen viel passiert ist. Petra Korzybski ist 1994 nach Lichtenfels gezogen, hat geheiratet, wurde Witwe, hat 13 Jahre später wieder geheiratet. Sie hat noch viele Kontakte nach Berlin, aber mittlerweile gehört sie fest hierher. Nach Lichtenfels, wo sie sich beim Bayerischen Roten Kreuz engagiert und als Betreuerin für Häftlinge im Kronacher Gefängnis, wo sie beim Obermain-Tagblatt Korrektur liest, wo ihr Mann und ihre Familie leben.

Und doch. Wenn jetzt die Bilder von damals im Fernsehen gezeigt werden, dann kommt die Erinnerung wieder hoch, auch an den Bruder, den sie damals in Westberlin besucht haben. Er war 1983 ausgewiesen worden, nachdem er seine zweijährige Gefängnisstrafe fast vollständig abgesessen hatte. In Karl-Marx-Stadt, heute Chemnitz. Wegen versuchter Republikflucht.

Wo genau er und sein Freund über die Grenze wollten, kann Petra Korzybski nicht sagen. „Sie sind irgendwie im Kreis gelaufen und in Tschechien gelandet“, erklärt sie. Dort wurden sie festgenommen.

Geschniegelt und gebügelt

Sie weiß noch genau, wie der Mitarbeiter der Staatssicherheit, der Stasi, bei ihr klingelte. „Das war am 2. Januar 1981, ich war schwanger mit meinem Jüngsten. Da stand so'n geschniegelter, gebügelter Herr vor meiner Tür, der fragte, ,haben Sie da und da Zeit?‘ ,Wenn Sie so fragen, muss ich ja wohl Zeit haben‘, hab' ich geantwortet.“ So wurde sie zum Verhör in der Magdalenenstraße einbestellt, die Straße, die in Ostberlin für die Stasi-Zentrale stand – heute Gedenkstätte und Museum.

Die mittlerweile 64-Jährige erinnert sich, wie sie versuchte, sich zu wappnen: „Man wusste ja, dass die da so Fangfragen stellen.“ Und wie ihr während des Gesprächs schlecht wurde. „Ich hab' aber auch übertrieben, um da rauszukommen.“ Später hat sie erfahren, dass sich schon zuvor Männer nach ihr erkundigt hätten. Aber nicht wegen ihres Bruders, sondern wegen eines gemeinsamen Bekannten, eines Genossen. „Der hat meinen Bruder in der Verhandlung noch verteidigt. Und dann wurde er selbst hops genommen, wegen Spionage.“

Zu jeder Tages- und Nachtzeit

Diese Verhandlung. Petra Korzybski ist überzeugt davon, dass ihr Bruder nur zu eineinhalb Jahren Gefängnis verurteilt worden wäre, wenn er sich vor Gericht anders verhalten hätte. Aber er hat sich noch einen Spaß daraus gemacht, die Sprache des DDR-Regimes zu parodieren. Sie zitiert, wie er seine Flucht beschrieb: „Wir haben uns eine Kneifzange aus der Produktion der Deutschen Demokratischen Republik gekauft. Mit dieser Kneifzange aus der Produktion der Deutschen Demokratischen Republik haben wir versucht, einen Bierdeckel zu durchtrennen. Schon beim zweiten Versuch mit dieser Kneifzange...“ Petra Korzybski schüttelt den Kopf. „Ich hätte ihm am liebsten eine gescheuert.“

Warum er flüchten wollte, darüber haben sie nie gesprochen. „Ihm war alles zu eng“, erklärt sie es sich. „Freiheit war bei ihm das große Wort.“ Schon einmal hatte er zuvor zwei Wochen im Gefängnis gesessen, weil er bei einer Protestaktion nicht schnell genug wegkam, als die Polizei den Platz räumte. „Danach hätten die zu jeder Tag- und Nachtzeit unangekündigt bei ihm in die Wohnung gekonnt.“

So landete er im Gefängnis in Karl-Marx-Stadt. Dort hat er so manche Misshandlung ertragen müssen. „Da fehlte öfter mal ein Zahn, wenn ich kam“, erinnert sich die Schwester. Die Besuche nahm sie auch noch auf sich, als sie hochschwanger war. Halbe Weltreisen waren das von Berlin aus, dreieinhalb Stunden mit dem Zug, noch eine Stunde mit dem Bus – und das alles für eine Stunde Besuchszeit, die oft noch gekürzt wurde. Und sie hütete seine Berliner Wohnung. „Er hat seine zwei Jahre abgesessen bis auf drei Wochen. Als dann so 'ne bunte Postkarte kam, wusste ich Bescheid“: Ihr Bruder hatte in den Westen ausreisen dürfen. Zurück durfte er so schnell nicht mehr.

Es folgten Jahre der Trennung. Immer wieder schrieb sie an Erich Honecker, den Generalsekretär des SED-Zentralkomitees. Und immer war die Antwort die selbe: „Ihrem Antrag kann nicht stattgegeben werden.“ Auch ihr Wunsch, ihren Bruder zu seinem 30. Geburtstag im Westen zu besuchen, wurde ihr abgeschlagen. „Das können wir nicht machen, jetzt nicht. Vielleicht in 20, 30 Jahren mal“, wurde ihr beschieden. Sie schmunzelt. Es ging dann doch schneller.

„Ihm war alles zu eng. Freiheit war bei ihm das große Wort.“
Petra Korzybski, über ihren Bruder

Petra Korzybski weiß, dass die Stasi auch über sie eine Akte angelegt hat. Irgendwann, das hat sie sich vorgenommen, will sie sich mal danach erkundigen. Mittlerweile weiß sie auch, dass ihr Nachbar für die Stasi arbeitete. Sie fand seinen Namen Jahre später in einer Liste von Inoffiziellen Mitarbeitern in einer bekannten Boulevard-Zeitung. Sie hat sie aufgehoben. Genauso wie die Sonderausgaben zur Wiedervereinigung.

Petra Korzybskis Geschichte enthält alles, was Westdeutsche mit der DDR verbinden: die Stasi, Spionage, Fluchtversuch, Gefängnis. Und trotzdem hat sie an den Arbeiter- und Bauernstaat nicht nur negative Erinnerungen: „Ich kann nicht sagen, dass es uns schlecht ging, wirklich nicht. Man durfte den Mund halt nicht aufmachen.“ Mit drei Kindern galt sie als kinderreich und genoss einige Vergünstigungen: Sie zahlte nur wenig Miete, konnte jedes Jahr Urlaub machen in einem der staatseigenen Ferienheime.

Tatsächlich hat sie eher die Wende-Zeit als schwierig in Erinnerung. Vor allem die Währungsunion zum 1. Juli 1990, nach der die Preise für alles stark stiegen, die Löhne aber nicht. „Ich hab' mich ziemlich schnell arrangiert“, bilanziert sie heute. Aber die DDR-Preise von damals, die hat sie immer noch im Kopf: Salz – 25 Pfennig, Milch – 70 Pfennig.

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