HAUSEN/LICHTENFELS

Mit besonders hohem Erntefaktor

Seit 1933 unter Wasser: die Turbinenanlagen in Hausen.

An 8760 Stunden fließt der Main durch den „Gottesgarten“, durch das nach ihm benannte Tal. An rund 8560 von ihnen ringt ihm der Mensch Energie ab. Die SÜC Energie und H2O GmbH betreibt im Landkreis drei Kraftwerke, zwei von ihnen am Main. Das größte von ihnen findet sich am Fuße des Banzbergs, im kleinen Dörfchen Hausen bei Bad Staffelstein.

Man mag es kaum glauben. „Die Anlage hier wurde ab September 1933 errichtet und ging im September 1934 in Betrieb. Die vier Francis-Turbinen laufen also seit über 80 Jahren“, sagt Diplom-Ingenieur Stefan Schneidawind. Wenn der Main einen Abfluss von 31 Kubikmetern Wasser pro Sekunde hat, ist das Wasserkraftwerk Hausen unter Volllast, erzeugt es 700 Kilowatt Strom. „Dann ist das maximale Schluckvermögen erreicht.“ Das Oberwallenstadter Kraftwerk mit seinen beiden Kaplan-Turbinen bringt es auf einen Idealwert von 480 Kilowatt, weitere 280 Kilowatt liefert das Ausleitungs-Kraftwerk Kirschbaummühle am Mühlbach am Schützenanger in Lichtenfels, das ebenfalls zwei Turbinen hat. Schneidawind rechnet hoch: „Damit kommen wir auf rund 7,5 bis acht Millionen Kilowattstunden im Jahr.“ Genug Strom für 2300 Durchschnittshaushalte.

Schon im Mittelalter

„Das heutige Kraftwerk in Hausen steht da, wo schon im Mittelalter eine Wehranlage stand, wohl aufgrund einer Naturschwelle“, erläutert der Diplom-Ingenieur. Die Banzer Mönche legten mit ihrer Mahl- und Schneidmühle den Grundstein.

Ab 1803 betrieb die Unternehmerfamilie Silbermann eine Wehranlage und nutzte die Wasserkraft, 1914 kaufte das damalige Coburger Überlandwerk das Wasserrecht auf. In den 1930-er Jahren wurde dann mit viel Muskelkraft und einer Dampframme die nunmehr über acht Jahrzehnte der Strömung trotzende Betonstahlmauer in den Main gebaut. Hunderte Männer waren im Einsatz.

„Der Main ist ein Choleriker. Manchmal sieht er lieb und fromm aus, manchmal lässt er seine Muskeln spielen und schwillt an“, zitiert Stefan Schneidawind einen früheren Kraftwerksmeister. Im Hochwasserfall prallt der Main mit 1000 Kubikmetern pro Sekunde auf die Wehranlage, im Jahrhundertsommer waren es gerade einmal vier. Der Main ist wankelmütig. Bei Hochwasser wird das Kraftwerk abgeschaltet. „In Hochwassersituationen machen wir die Schleusen auf. Aber natürlich sind die Kraftwerke hochwassersicher gebaut“, erläutert der Lichtenfelser das Prozedere. Bei nur wenigen Kubikmetern Abfluss im Main wird weiter Energie erzeugt, zwar mit weniger Wasser allerdings mit höherem Gefälle.

„Der Main ist ein Choleriker. Manchmal sieht er lieb und fromm aus, manchmal

lässt er seine Muskeln

spielen und schwillt an.“

Ein Kraftwerksmeister über den Fluss

Auch im Landkreis Lichtenfels gebe es weitere Standorte, die für Wasserkraftwerke interessant wären. Stefan Schneidawind aber winkt ab. „Das ist genehmigungsrechtlich nicht durchsetzbar“, meint er. Es gibt zu viele Belange von Interessenverbänden, die wohl dagegen sprechen würden. Und das, obwohl die Gesellschaft immer energiehungriger wird. „Heute verbrauchen wir 100 Mal mehr elektrische Energie als vor 80 Jahren.“

Dank moderner Technik schafft es die SÜC Energie und H2O GmbH trotzdem, die Kilowattstunden aus Wasserkraft zu erhöhen. „Im Jahr 2007 haben wir in Oberwallenstadt eine neue Turbine eingebaut, die 250 statt 110 Kilowatt leistet“, sagt er. Und am Kraftwerk Kirschbaummühle wurden 2011 und 2013 neue Getriebe eingebaut, die den Geräuschpegel um 18 Dezibel reduzierten. Ein Meilenstein. Die über 80 Jahre alten Maschinen in Hausen laufen zuverlässig. Natürlich werden sie immer wieder gewartet, geölt und geschmiert, in den vergangenen drei Jahren wurden die Generatoren überholt. „Und im Sommer ist die ideale Zeit für Revisionen“, erläutert Schneidawind. Die Unterwasserturbinen werden dann trocken gelegt, werden überprüft und erhalten vielleicht mal einen neuen Anstrich gegen den Rost. Sonst aber sind sie tadellos. Wertarbeit eben.

Eine große Aufgabe aber steht dennoch in den nächsten Jahren an: „Wir müssen die 140 Meter breite Wehranlage nach und nach renovieren.“ Diese wurde übrigens nicht im 90-Grad-Winkel zur Fließrichtung des Mains errichtet, sondern schräg.

Einen Bieber als Nachbarn

Mit 81 bis 82 Dezibel ist es laut im Maschinenraum. Gehörschutzpflicht. „Da aber alles eingehaust ist, ist der Lärmpegel außerhalb nicht höher als an Gewerbestandorten“, sagt Schneidawind. Ganz im Gegenteil: Es ist erstaunlich ruhig, es gibt keinen Schadstoffausstoß. Dass der Bieber ein direkter Nachbar des Hausener Kraftwerks ist, spricht für sich.

800 Kubikmeter „Rechengut“ und diverser Müll werden pro Jahr an den drei Wasserkraftwerken der SÜC angespült. „Das entspricht etwa 35 bis 40 großen Rollmulden“, verdeutlicht der Fachmann. Von Blättern und Ästen, Flaschen, Eimern und Luftmatratzen bis hin zu Zehn-Meter-Baumriesen ist alles dabei.

Zwei Personen, ein Maschinist (Schlosser) und ein Elektriker mit Fachrichtung Betriebstechnik, reichen für den Grundbetrieb der drei Wasserkraftwerke der Die SÜC Energie und H2O GmbH im Landkreis. Hinzu kommt ein Elektromeister, der Kraftwerksmeister, der 30 bis 40 Prozent seiner Arbeitszeit dafür aufwendet. Und Diplom-Ingenieur Stefan Schneidawind, dem als Prokurist vor allem die Vermarktung obliegt. Die Wasserkraft ist eines der ältesten regenerativen Energieformen. Und besonders effektiv. „Erntefaktor“ nennt das der Fachmann. Gemeint ist der Faktor, um dann man mehr Energie aus einem Kraftwerk herausholt, als man hineinsteckt.

„Bei fossilen Brennstoffen ist der Erntefaktor immer kleiner eins oder gleich eins, bei Wasserkraft liegt er bei 200“, verdeutlicht der Diplom-Ingenieur. Die Effizienz ist beeindruckend, ebenso die Kontinuität – Hausen ist ein Paradebeispiel. Photovoltaik in Deutschland schafft es gerade einmal auf 7,5 bis 10, Windkraft immerhin auf 48.

„Es gibt wenige regenerative Energieformen, die so grundlastfähig sind wie die Wasserkraft. Sie liefert kontinuierlich Energie, hat keine Spitzen, die man abfedern muss. Sie ist so etwas wie das Rückgrat der deutschen Energien.“ 15 bis 17 Prozent des erzeugten Stroms in Bayern stammen heute aus der Wasserkraft.

Strom aus dem Main

„Wir nutzen in unseren Wasserkraftwerken nur die potenzielle Energie, also den Höhenunterschied“, erklärt Fachmann Stefan Schneidawind. Am Hausener Laufwasserkraftwerk wird der Main auf eine Höhe von 3,40 Meter gestaut, dann rauscht das Wasser durch den 1,80 Meter großen Läufer in eine der vier Turbinen, treibt die Generator an, in denen wiederum Strom gewonnen wird. Und das so zuverlässig wie bei kaum einer anderen regenerativen Energiequelle.

Am Fuße des Banzbergs: Stefan Schneidawind vor dem SÜC-Laufwasserkraftwerk am Main in Hausen. Foto: MARKUS DROSSEL
Zuverlässig seit über acht Jahrzehnten: Michael Schlücke überprüft einen der Generatoren im Wasserkraftwerk Hausen.