LICHTENFELS

Der Schlüssel für ein besseres Leben

Wichtiges Ziel: „Wir wollen Deutschen lernen“, sagen die Asylbewerber im ehemaligen Altenheim der Maiacher Stiftung. Rit... Foto: Till Mayer

Ein gutes Leben kann über Nacht vorüber sein. Plötzlich muss es dann in einen Koffer passen. Ganz schnell kann das gehen. So schnell, wie ein Artillerieangriff einen ganzen Straßenzug ausradieren kann. Dann bleibt die Flucht, wenn man es überlebt hat. Manchmal dauert es Wochen oder Monate, bis es Eltern nicht mehr schaffen, es nicht mehr aushalten, mit ihren Kindern im Keller darauf zu warten, dass die Bomben nicht über das eigene Haus niedergehen. Bei jedem Einschlag in der Nachbarschaft die Wände wackeln.

Aleppo oder Homs, die beiden Städte stehen für den Bürgerkrieg in Syrien. Rita Schweizer und Martina Hößel kennen sie aus den Nachrichten. Bilder von Ruinen sieht man da zumeist. Für den Arzt Kanjo M. und Ingenieur Sadiddin M. ist es die Heimat, die im Schutt versinkt.

„Und manchmal“, sagt Martina Hößel, „fällt es mir schon schwer, zu verarbeiten, was ich hier zum Glück nur ahnen kann“. Martina Hößl und Rita Schweizer engagieren sich im Rahmen der „Aktiven Bürger“ in der Asylbewerberunterkunft im ehemaligen Altenheim in der Maiacher Stiftung.

Sie geben einmal wöchentlich ehrenamtlich Deutschstunden. „Eigentlich viel zu wenig, die Asylbewerber bräuchten viel mehr. Und wir sind natürlich keine ausgebildeten Lehrer“, meint Rita Schweizer. Sie spricht Kanjo M. und Sadiddin M. aus dem Herzen. „Wir wollen schnell Deutsch lernen“, sagt der Arzt in bedächtigen Worten. Sadiddin M., der Ingenieur aus Homs, wechselt dann schnell ins Englische. Er hatte in Syrien für ein kanadisches Unternehmen gearbeitet, als Spezialist für Ölbohrungen. Er spricht ein fließendes Akademikerenglisch.

„Manchmal fällt es mir schon schwer, zu verarbeiten, was

ich hier zum Glück

nur ahnen kann“.

Martina Hößel

In einer schönen Fünf-Zimmer-Wohnung hatte seine vierköpfige Familie gelebt, erzählt er. Jetzt teilen sie sich einen Raum. Dem Familienvater fällt es immer schwerer, seine Unruhe vor den Kindern zu verbergen. „In meinem Kopf arbeitet es dauernd. Was wird aus meiner Familie? Was bringt die Zukunft? Müssen wir zurück? Wir wissen gar nicht, was in der Heimat passiert. Wenn wir wenigstens Internet hätten.“ Sadiddin M. sieht müde aus. Und seine Kinder: Nachts kriechen sie in das Bett der Eltern, weil sie sonst nicht mehr einschlafen können. Früher, da war das anders, da schliefen sie fest im eigenen Zimmer.

„Das ist furchtbar für die Flüchtlinge. Die Ungewissheit, die Tatenlosigkeit, zu der sie hier verurteilt sind. Viele sind durch Krieg und Flucht traumatisiert. Sie bräuchten psychologische Hilfe“, berichtet Rita Schweizer. Beide würden sich über Unterstützung für ihre Deutschstunden durch Freiwillige freuen.

Dolama F., die Frau von Sadiddin M., hat in ihrer Heimat bewiesen, dass sie ein Mensch ist, der hilft. Dafür bereit ist, viel zu wagen. Sie engagierte sich beim Syrischen Arabischen Roten Halbmond, der Schwesterorganisation des Roten Kreuzes. Eine Organisation, die im Konflikt viele ihrer Helfer verloren hat: Dutzende Rote Halbmond-Mitarbeiter starben bisher bei ihrem Einsatz. Jetzt wünscht sich Dolama F. einen Kindergartenplatz für ihren Jüngsten, vier Jahre ist der Kleine alt. Sein siebenjähriger Bruder ist in der Schule. Eine gewaltige Herausforderung für das Kind nach der Flucht aus dem Kriegsgebiet. Ein fremdes Land, eine fremde Sprache, eine fremde Kultur. „Doch mein Sohn ist tapfer und freut sich, dass er in die Schule kann. Unter Kindern lernt er am schnellsten die Sprache.“ Martina Hößel lächelt: „Das sind hier schon sehr tapfere Menschen“, sagt die Ethnologin. Für die 49-Jährige war es eine Selbstverständlichkeit, sich für Menschen auf der Flucht einzusetzen. „Ich bekomme sehr viel zurück. Ein einfaches Dankeschön ist einfach ein wunderschöner Moment für mich. Da kann ich es gar nicht glauben, dass es zu Brandanschlägen wie in Vorra kommen kann“, sagt die 49-Jährige.

Von Vorra haben die Asylbewerber in dem ehemaligen Altenheim gar nichts mitbekommen. Auch nicht von den Pegida-Demonstrationen: Ohne Internet und Fernsehen sind sie ahnungslos.

Neulich gab es einen traurigen Moment, der den beiden „Aktiven Bürgerinnen“ schwer zu schaffen machte. „Der Asylantrag einer Familie aus Bosnien wurde abgelehnt. Das bedeutete die Rückkehr“, berichtet Rita Schweizer. Für Sadiddin M., für jeden der Flüchtlinge im ehemaligen Altenheim, war sie wieder da: die Furcht, zurück in Krieg und Elend zu müssen.

Für Helfer und Interessenten

Info: Im ehemaligen Altenheim der Maiacher Stiftung leben 55 Asylbewerber, im Landkreis sind es insgesamt 292 (Stand 18. Dezember 2014). Wer sich für ein Engagement bei den Aktiven Bürgern interessiert, kann sich an das Beratungsbüro Lichtenfels, Judengasse 14, wenden (Öffnungszeiten: nach den Weihnachtsferien ab 2. Januar wieder geöffnet mittwochs von 10 bis 13 Uhr und freitags von 13 bis 17 Uhr). Informationen gibt es auch unter Tel. (09571) 1699330, E-Mail: info@aktive-buerger-lichtenfels.de. Das Bayerische Fernsehen berichtet über das Engagement von Martina Hößel am 22. Dezember um 20.15 Uhr im Rahmen der Sendung „Jetzt mal ehrlich“. Der Titel lautet: „Flüchtlingsnot in Bayern, ein Land muss anpacken“.

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