LICHTENFELS

Am Rande der Gesellschaft

Problemkind: Phillie (Benjamin Jorns) will das Kind von Denise (Silvia Steger) notfalls mit Gewalt holen. Foto: Gerda Völk

Ein schäbiges, heruntergekommenes Motel am Rande einer amerikanischen Stadt. In einem der trostlosen Zimmer verharrt seit Wochen ein junges Paar in der Hoffnung darauf, dass ihnen das Jugendamt die vor Monaten entzogene Tochter wieder zurückgibt.

Mit der schwarzen Komödie „Problemkind“ des kanadischen Erfolgsautors George F. Walker präsentierte das Fränkische Theater Schloss Maßbach zur Spielzeiteröffnung am Montagabend spannende Gegenwartsdramatik. „Problemkind“ erzählt die Geschichte eines Pärchens, das am Rande der Gesellschaft den Kampf gegen Bürokratie und Staat aufnimmt. Da ist die ehemals drogenabhängige Denise (Silvia Steger), die ihre kleine Tochter Lilly in fremde Obhut geben musste, und ihr Lebensgefährte R.J. (Nilz Bessel), der erst vor einiger Zeit aus dem Gefängnis entlassen wurde.

Beide haben sich in einer Kleinstadt eine bescheidene Existenz aufgebaut. Die staatliche Gewalt wird durch die Sozialarbeiterin Helen (Iris Faber) repräsentiert. Nachdem das Familiengericht grundsätzlich der Rückgabe an die Eltern zugestimmt hatte, hängt es nun von ihrer Beurteilung ab, ob die Eltern ihr Kind zurückbekommen oder nicht. Statt gemeinsam mit Lebensgefährtin Denise um ihre Tochter zu kämpfen, nimmt R.J. mehr Anteil an den Reality-Shows im Fernsehen. „Das Leben ist genauso wie die Show“, sagt er. „Da werden die Leute fertiggemacht.“ Im realen Leben meint R.J. nichts ändern zu können. In der Welt der Reality-Shows kann er denn Sender anrufen oder ihn in einen Brief auffordern mit den Leuten nicht so umzuspringen. Ansonsten fügt sich R.J. den Behörden und hofft durch Wohlverhalten sein Ziel zu erreichen. Um die Sozialarbeiterin zu beeindrucken, ist er sogar in die Kirche eingetreten. Denise verfolgt nur ein Ziel, ihr Kind so schnell wie möglich wieder zurück zu erhalten. Aufgrund ihrer Prostitutions- und Drogenvergangenheit räumt ihr Helen keine großen Chancen ein. „Eine Prostituierte ist nicht in der Lage ein Kind zu erziehen“, lautet ihre festgefahrene Meinung. Die Hintergründe, weshalb die Tochter in Obhut genommen wurde, interessieren die Sozialarbeiterin nicht. Denises Mutter war es, die mit ihrer Anzeige die Staatsgewalt in Gang setzte.

Das erste Treffen zwischen der nüchternen Repräsentantin des Sozialsystems und dem gesellschaftlich entgleisten Paar verläuft anders als erwartet. Statt der erhofften Rückgabe hält sich die Sozialarbeiterin streng an ihre Vorgaben. Während R.J. weiterhin mehr Anteil an den Reality-Shows im Fernsehen nimmt, verfolgt Denise immer verbissener ihren Plan. Im Motelangestellten Phillie (Benjamin Jorns) findet Denise einen Verbündeten, der ihr auch hilft eine vermeintliche Leiche zu beseitigen, da auch das zweite Treffen mit der Sozialarbeiterin anders als geplant verläuft. Für Phillie, der selbst massive Probleme im Leben hat, ist die Sache eigentlich ganz einfach. Denise muss ihr Kind wieder zurückbekommen, wenn nötig mit Gewalt. Nur so kann der Gerechtigkeit zu ihrem Recht verholfen werden. Doch plötzlich steht Helen wieder auf der Bildfläche.

Auch wenn das Rollenspektrum stereotyp zu sein scheint, kommt in der schwarzen Komödie „Problemkind“ die Vielschichtigkeit der Charaktere zum Tragen und regt zum Nachdenken an. Es sind keine Heldenrollen, die sich die Maßbacher diesmal ausgesucht haben. Unterschicht-Eltern, bei denen von vornherein der Verdacht besteht, dass ihre Kinder verwahrlosen könnten und eine Sozialarbeiterin, die ihre Macht zu missbrauchen scheint. Zumindestens aber bis an die Grenze des Erträglichen ausschöpft. Das Bühnenbild von Robert Pflanz spiegelt diese Mischung aus Wut, Verzweiflung, Ohnmacht und Hoffnung wieder, in dem sich der Blickwinkel je nach Szene verändert. Für ihre schauspielerische Leistung erhalten die Maßbacher einen minutenlangen Applaus.

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