LICHTENFELS

Vorrang für Bürgergenossenschaften

Diskussionsrunde unter Regenschirmen: Harald Schramm, Bernhard Christoph, Jens Backert, Stephanie Dittrich, Valentin Mot... Foto: Andreas Welz

Die Diskussion des Grünen-Kreisverbandes auf dem Säumarkt mit der Landesvorsitzenden Sigrid Hagl am Korbmarktsonntag fiel buchstäblich ins Wasser. Nur Unentwegte bildeten kleine Inseln unter den großen Regenschirmen. Die Band „Wart’a Moll“ bearbeitete fröhlich und lautstark ihre Instrumente, verhinderte allerdings eine verständnisvolle Konversation. Die Kreisvorsitzenden Valentin Motschmann und Jens Backert dirigierten kurz entschlossen ihr grünes Völkchen zu einem trockenen Platz außerhalb der Geräuschkulisse.

Die Mandatsträger des Kreistages, der Stadtparlamente und Mitglieder des Kreisverbandes stellten dem Gast aus Landshut eine lange Liste regionaler Probleme vor. Für Sigi Hagl kein unbekanntes Terrain, sieht sie sich doch auch als Fraktionsvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen im Stadtrat von Landshut mit ähnliche Themen konfrontiert. Zum Beispiel mit einem Klimaschutzkonzept, das auch im Landkreis Lichtenfels derzeit wieder diskutiert wird. Empfehlenswert sei die Installation von Solaranlagen auf öffentlichen Gebäuden. Aufsichtsratsvorsitzender Backert bedauerte, dass seiner Genossenschaft „Neue Energien Obermain“ das Dach des Lichtenfelser Feuerwehrhauses für eine Photovoltaikanlage nicht zur Verfügung stehe. Das gleiche gelte für das Dach der Realschule in Burgkunstadt, der Landkreis verweigere die Zustimmung.

Landesvorsitzende Hagl rief zu einer Rückbesinnung auf grüne Kernthemen auf. Die Grünen müssten die Ärmel hochkrempeln und selbstbewusst für grüne Politik kämpfen. „Klimaschutz und Energiewende geht nur grün“, sagte sie. In Sachen Windenergie machte sie deutlich, dass den Bürgergenossenschaften Vorrang eingeräumt werden müsse. Dachflächen oder andere Solarstandorte dürften nicht an Meistbietende vergeben werden.

Der Asylpolitik widmeten die Lichtenfelser Grünen einen breiten Raum. Unter dem Eindruck der starken Zuwanderung in den Landkreis machte Bernhard Christoph der Bundespolitik einen großen Vorwurf: „Die Kommunen werden mit dem Problem allein gelassen“, sagte er. Das Aufnahmelager in Zirndorf laufe mit Wissen der Bundesregierung über. „Wir halten das Gesetz zur Asylrechtsreform für falsch, respektieren aber die Eigenständigkeit der Länder“, sagte die Landesvorsitzende in Hinblick auf das Votum des grünen baden-württembergischen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann, der sich bei der Abstimmung im Bundesrat am vergangenen Freitag auf die Seite der Berliner Regierungspragmatiker schlug. „Es ist beschämend, dass die schwarz-rote Bundesregierung angesichts der Not von vielen Menschen nicht bereit zu einer menschenwürdigen Flüchtlingspolitik war, sondern durch das Gesetz auf Ausgrenzung setzt“, kommentierte Hagl die Abstimmung.

Der Wildwuchs von Mobilfunkmasten war ein weiteres Thema der Gesprächsrunde. In Altenkunstadt hätte sich eine Bürgerinitiative gegründet, die die Änderung des Flächennutzungsplanes erreichen wolle, berichte Gemeinderätin Stephanie Dittrich. Es solle vorgeschrieben werden, wo Mobilfunkantennen aufgestellt werden dürfen. Sie sprach sich nicht nur für einen Stopp des Antennenwildwuchses aus, sondern forderte einen alsbaldigen Abbau der baurechtswidrigen Antennen auf dem Wohnhochhaus in der Woffendorfer Straße 42.

Der Lichtenfelser Stadtrat Mathias Söllner machte sich für die Integration von jungen Asylbewerbern stark, die ohne Begleitung nach Deutschland kommen. „Wir müssen jungen Menschen eine Ausbildung bei uns ermöglichen“, sagte der Kreishandwerksmeister. Die Landesvorsitzende bat er, sich für inhabergeführte Metzgereien und Bäckereien einzusetzen, die dringend qualifizierten Nachwuchs brauchen. Harald Schramm plädierte erneut für Lärmschutz in der Innenstadt. Die Coburger Straße solle auf 30 Stundenkilometer beschränkt und die verkehrsberuhigten Zonen erweitert werden. Damit konnte er bei der Landesvorsitzenden punkten, die sich gegen Lärmbelästigung stark machte. „Die Lebens- und Wohnqualität einer Stadt hängt von der Belebung mit Menschen ab, nicht mit Autos“, sagte sie.

Auch der Anschluss an den Verkehrsverbund Großraum Nürnberg wurde diskutiert. Der Teufel stecke dabei im Detail, wurde befürchtet. Dass die Lichtenfelser jetzt verstärkt in Nürnberg einkaufen werden, wurde bezweifelt. „Ebenso können jetzt mehr Großstädter zu uns kommen“, sagte Bernhard Christoph. Er empfahl eine Überarbeitung des Nahverkehrskonzepts. Er wünschte sich auch, die Stadtbuslinien über die Stadtgrenze hinaus auszuweiten. Er erinnerte daran, dass der Schützenfest-Express seinerzeit auf Antrag der Grünen ins Leben gerufen wurde und seither erfolgreich ist.

Sigi Hagl betonte, dass Mobilität insbesondere für ältere Menschen wichtig sei. Ein attraktives Liniennetz sei dafür Voraussetzung. Diese Mobilität könne zusätzlichen Verkehr erzeugen - mehr Mobilität hieße aber nicht automatisch mehr Verkehr. Die in der Tendenz ansteigende Verkehrsleistung dürfe nicht im Stillstand enden. Die begrenzte Ausbaufähigkeit des vorhandenen Straßennetzes einerseits und die Bewahrung der Umwelt- und Lebensqualität andererseits verlangen einen intelligenten Umgang mit dem Verkehr.