SESSLACH

Sagenhafte Orte: Das „Irrglöcklein” von Seßlach

Der Hattersdorfer Torturm ist das höchste der drei Stadttore des malerischen Städtchens Seßlach. Foto: M. Drossel

Unsere Serie „Sagenhafte Orte in unserer Heimat“ führt uns nach Seßlach – die Stadt gehörte bis 1972 zum Landkreis Staffelstein. Im Buch: „Der Landkreis Staffelstein in Geschichte und Geschichten“ von E. und K. Radunz finden wir das Friedrich Rückert-Gedicht: „Das Irrglöcklein von Seßlach“ auf der letzten Seite.

Der Dichter und Orientalist, der als Sohn eines Seßlacher Amtmannes etliche Jahre in der Stadt verbrachte, hat als Zwanzigjähriger die örtliche Sage vom „Irrglöckchen“ in eine wunderschöne Ballade mit zwölf Strophen geformt. Seßlach erinnert heute noch an den Dichter mit dem „Rückert-Gärtchen“ im Aufgang zum Schloss Geyersberg und einer Gedenktafel am Amtshaus am Maximiliansplatz.

Das Rathaus der Stadt Seßlach, im 16. Jahrhundert erbaut, zählt seit der jüngsten Renovierung im Jahre 2019 als Hingucker in der Seßlacher Altstadt. Auf dem Dach des Rathauses befindet sich in einem Dachreiter ein kleines Türmchen, das sogenannte Irrglöcklein.

Friedrich Rückert schrieb ein Gedicht mit zwölf Strophen

Der Inhalt der Erzählung: Vor langer Zeit verirrte sich ein Fräulein von Lichtenstein in dem wilden Gehölz der „Tiereller“. Nachdem sie stundenlang voller Angst im Wald umhergeirrt war, ertönte das liebliche Abendgeläut der Seßlacher Kirche vertraut durch den Wald. Das Fräulein folgte dem Glockenton und kam so wieder auf den rechten Weg.

Voll Dankbarkeit schenkte sie der Seßlacher Gemeinde eine große Summe Geld, mit der Bestimmung, dass jeden Abend ein von ihr gestiftetes Glöckchen geläutet werde. In einer anderen Fassung wird erzählt, dass der Vater an der Stelle der Rettung eine Kapelle errichten ließ.

Irrglöckchen spiegelt die Urängste der Menschen beim Verlaufen wider

Dieses Sagenmotiv vom Irrglöckchen ist weit verbreitet. Immer wird berichtet von Menschen, die sich verlaufen haben und nur durch das Läuten einer Glocke wieder zurückfinden. Es spiegelt die Urängste der Menschen wider, die sich in vergangenen Jahrhunderten verlaufen hatten. Das war früher, vor allem in waldreichen Gebieten, öfters der Fall. Viele hatten solche Erfahrungen. Männer verlaufen sich in Irrglöckchen-Geschichten nie: Ausschließlich von jungen Frauen, besonders von Edelfräuleins, wird berichtet. Sie haben auch das Geld, aus Dankbarkeit eine Glocke zu stiften.

Welche Ängste beim Verlaufen entstehen können, erfahren heute bei den ausgebauten Flur- und Waldwegen immer weniger Menschen. Gut gekennzeichnete Wanderwege führen uns zum gewünschten Ort.

Der Autor dieser Zeilen kann sich lebhaft an das Verlaufen als kleiner Bub beim Blaubeerensammeln mit seinen Verwandten erinnern. Plötzlich hörte und sah er keine Person mehr. Nach mehrmaligem Rufen bekam er es mit der Angst zu tun. In Panik kam er beim schnellen Laufen immer weiter vom Weg ab. Nach einiger Zeit traf er einen Förster. Der wusste, wo die Verwandten ihren Waldabschnitt hatten; er führte den Jungen wohlbehalten zurück.

„Irrglöcklein” von St. Gangolf in Hollfeld

Nadine Stenglein schrieb den Krimi „Der Klang des Irrglöckleins”. Foto: red

Es verwundert nicht, dass auch an anderen Orten in Franken die Geschichte vom Irrglöcklein zu finden ist. Im oberfränkischen Hollfeld ist es das „Irrglöcklein” von St. Gangolf. Täglich abends um Viertel vor 10 Uhr hört man das Glöcklein von Sankt Gangolf über die Dächer der Stadt bis ins Hollfelder Land hinein.

Dies hat folgende Bewandtnis: Das Irrglöcklein half drei im Wald verirrten Schwestern, wieder nach Hause zu finden. Bereits seit über 300 Jahren wird das Läuten des Irrglöckchens auf dem Gangolfsturm erwähnt. Hoch oben in der Stadt Hollfeld liegt die ehemalige Kirche St. Gangolf. Wer die 98 Stufen erklimmt, dem bietet sich ein wunderbarer Ausblick über die Region. Auch die ehemalige Türmerwohnung kann besichtigt werden.

Eine Irrglöcklein-Geschichte gibt es in der Stadt Leutershausen im mittelfränkischen Landkreis Ansbach. Aus Dank stiftete das Fräulein die Glocke mit der Bitte, sie solle während der dunklen Zeit des Jahres alle Abende geläutet werden: Ihr Schall diene Verirrten als Wegweiser. Eine ähnliche Geschichte finden wir im unterfränkischen Volkach.

Regionalkrimi: 17-jährige Marie nach verbotenem Date verschwunden

Schloss Geyersberg. Foto: M. Drossel

Dieses Sagenmotiv wurde vor zwei Jahren in einem oberfränkischen Regionalkrimi aktuell übertragen: Nadine Stenglein schrieb den Krimi „Der Klang des Irrglöckleins”. Ein weiß gekleidetes Mädchen im vom Mondschein erhellten Wald ist auf der Titelseite zu sehen. Die Autorin hat das Sagenmotiv aufgegriffen. In der Geschichte ist es kein Edelfräulein, sondern die 17-jährige Marie, die nach einem verbotenen Date mit ihrem Lehrer Tom verschwunden ist.

Ihre beste Freundin stellt heimlich Nachforschungen an und kommt dem wahren Mörder gefährlich nahe. Eine Privatdetektivin und die Polizei mit riesigem Aufgebot tappen im Dunkeln.

Die beiden letzten Strophen des Friedrich Rückert-Gedichtes

Und bei des Abends erstem Stern

schlägt hoch im Turm das Glöcklein an,

durchhallt des Waldes weite Fernen

und ruft den irren Wandersmann!

Er folgt getrost mit sicheren Schritten

dem Rufe zu des Weilers Hütten.

Das Glöcklein hängt in der Kapelle

dreihundert Jahr und drüber schon

und immer klingt es klar und helle

und immer heller wird sein Ton.

Es heißt in seiner Stiftung Kunde

Irrglöcklein bis auf diese Stunde.

Sagen auf dem Staffelberg

Am Sonntag, den 5. Juni ab 16 Uhr gibt

es die Möglichkeit, live Sagen und Geschichten direkt auf dem Staffelberg zu lauschen. Erik Berkenkamp aus Bamberg stellt neben Sagen zum Johannistag auch das Irrglöcklein von Seßlach vor. Der „Erzählbaum“ steht hinter der Adelgundiskapelle. Ein Sitzkissen mitzubringen ist hilfreich. Weitere Erzähltermine sind: 3. Juli, 7. August und 4. September. www.BamBerk.de

 

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