BAD STAFFELSTEIN

Reinhard und Niklas Derra: Corona mal die Flex gezeigt

Der weltweite Corona-Stillstand brachte manchem Schrauber Zeit: Vater Reinhard und Sohn Niklas Derra haben sich etwas gemeinsam erarbeitet. Foto: Markus Häggberg

Vater und Sohn haben sich präpariert. Sie tragen die gleichen T-Shirts, sitzen in einem sehr schön gestalteten Garten am Tisch und blicken gespannt dem kommenden Gespräch entgegen. Wobei … bei dem Sohn kann man das nicht immer so genau sagen, der 17-Jährige hat derzeit wohl eine Sonnenbrillenphase. Über viele Wochen hinweg hatten die beiden ein Rezept gegen Coronabetrübnis. Es wirkte so gut, dass man von einer neuen gemeinsamen Herausforderung träumt. Die beiden Männer sind Oldtimerfreunde, mit Lust und Leidenschaft und Disziplin.

Zwei Schätze in der Garage

Es ist einer der schon erstaunlich sonnigen Septembertage. Reinhard Derra (61) sitzt am Kopfende eines Tisches, zu seiner Rechten sein Sohn Niklas. Wohl keine zehn Meter entfernt gibt es eine Garage, die zwei Schätze beherbergt. Einen älteren und einen jüngst neu entstandenen. Der Name des jüngeren Schatzes: Eicher ED 16/ II. Das Traktorenlexikon sagt, dass das Ding ein Dieselschlepper ist, ein Eigengewicht von bis zu 1420 Kilo besitzt, einen Wenderadius von drei Metern hat, einer rahmenlosen Blockbauweise zugehörig ist und zwischen 1950 bis 1957 fabriziert wurde. 19 PS und 20 Stundenkilometer Höchstgeschwindigkeit stehen weiter im Steckbrief. Als Vater und Sohn später den Eicher aus der Garage schieben und somit aus der Nachbarschaft zu einem alten Porsche-Traktor entfernen, fällt Sonnenlicht auf seine Schönheit.

Doch so schön war der Traktor vor Monaten nicht anzusehen. Er war eine Baustelle. 2018 erwarb ihn der Vater in Mistelfeld im „Originalzustand, aber verschlissen“. Eine lange Weile passierte gar nichts, dann kam Corona. Dabei fällt Vater Reinhard eine Frotzelei ein, die er sich innerhalb der Interessensgemeinschaft Oldtimerfreunde, der er als Vorsitzender angehört, vor Jahren anhören durfte. Sie lautete: „Du willst jetzt Vorstand machen und hast keinen Eicher?“ Offenbar ein Unding im westlichen Landkreis, denn „(Bad) Staffelstein ist Eicher-Hochburg!“

So ein Traktor hat ein Innenleben, das verstanden sein will. Foto: Markus Häggberg

1000. So viele Stunden nennt Reinhard Derra, als er im Kopf den geleisteten Vater-Sohn-Arbeitsaufwand überschlägt. Begonnen habe der zwar schon 2019, aber die arbeitsintensivste Zeit begann relativ bald nach dem Lockdown. Dass es letztlich so viele Stunden würden, hätte man anfangs nicht so leicht abschätzen können.

Jede Menge Baustellen gemeistert

Dabei zählt der Mann all die Baustellen auf, die es am Eicher gab. Eine Kurzauswahl: die Kupplung komplett neu sowie die Bremsbeläge, die Erneuerung der gesamten elektrischen Anlage – von Licht über Leitungen, die Reparatur der eingerissenen Kotflügelbleche, die Reinigung des Dieseltanks, die Erneuerung der hydraulischen Anlage, die neuen Lagerschalen für die Kurbelwelle, Arbeiten an der Vorderachse zur Erleichterung der Lenkung. Und so weiter und so fort.

In einem Moment des Aufzählens schaut Reinhard Derra zu seinem Sohn hinüber und wirkt stolz. Denn die Erneuerung der elektrischen Anlage „hat der Sohn gemacht, ganz alleine. Der hat (anfangs) zwar Muffen gehabt, aber ich habe ihm Mut zugesprochen. Ich habe ihm gesagt, wir machen das Stück für Stück, und wenn wir was wissen wollen, gehen wir zum Fachmann“. Wie der Vater so erzählt, fällt in der Nähe des Wortes Fachmann auch das Wort Papst. Einen „Eicher-Papst“ gibt es also auch. Und der Name dieses Papstes sei Erwin Zahner. Auch er vom Obermain und mit gar fünf „fahrbereit-restaurierten“ Eicher.

„Zu Lockdown-Zeiten haben wir jedes Wochenende am Eicher gearbeitet“, erklärt der Vater. Dann erklärt auch sein Sohn etwas. „Ich habe die Hausaufgaben sofort gemacht, nie erst am Wochenende, damit das für die Arbeit frei bleibt“, so der Realschüler. Dabei zeichnen Vater und Sohn auch ein kurioses Bild beim gemeinsamen Zu-Tisch-Sitzen mit der Frau beziehungsweise Mutter. Vor allem wurde bei Tisch viel gefachsimpelt. „Da hat sich die Frau schon beschwert“, sagt Reinhard Derra. Jedenfalls sei es zur Üblichkeit geworden, dass die beiden Männer unter der Woche zum Gesprächsthema schon die Pläne für das Wochenende hatten, denn man habe bestellen müssen, was Samstag und Sonntag geschliffen und geflext gehörte.

„Wir hatten auch detailliert ausgefeilte Pläne mit Schreiblisten zu dem, was zu tun ist“, fügt der Vater noch an. Vor allem aber roch man „nach Öl, nach Farben und Reinigungsmitteln“. Wie sie das alles gedanklich Revue passieren lassen, haben die beiden „Jungs“ merklich gute Laune.

Von Kindsbeinen an in die Technik vernarrt

„Wir sind grundsätzlich technikvernarrt“, lässt der Papa wissen. Eine Neigung, die durch die Sache mit der Interessengemeinschaft der Oldtimerfreunde noch Aufwind erfuhr. „Durch einen Bekannten haben wir die IG (Interessengemeinschaft) gut gefunden und durch die IG die Traktoren.“ Dann erzählt der Papa gerne eine Anekdote. Als Niklas acht Jahre alt war, habe die Maschine ihren Geist aufgegeben. Doch der Sohn hatte noch eine Frage: „Vater, kann ich die auseinanderlegen?“ Dazu hatte der Papa dann eine Überlegung: „Na gut, ob ich die jetzt im Ganzen wegfahre oder in Trümmern ...“ Auch Siphons habe der Knirps schon in Arbeit gehabt.

Eine Garage mit zwei Traktoren drin. Vater und Sohn lugen durch das halb geöffnete Tor. Foto: Markus Häggberg

„Ich habe immer mitgeholfen und hatte Spaß an der Arbeit.“ Zur Arbeit an sich hat der 16-Jährige eine Art Lebenseinstellung gewonnen, die schon sehr nach Einsichten klingt. Er sagt: „Wenn man so was nicht mit Freude und Elan macht, dann bringt das nichts.“ Aber der Elan, das gibt der Teenager zu, war auch nicht permanent da. Manchmal musste man sich motivieren. „Wenn ich mal keine Lust hatte, hast du mir Gas gegeben“, sagt der Sohn mit Blick zum Vater. Auf jeden Fall, da ist sich Reinhard Derra sicher, habe man über diesem Projekt Corona fast ein bisschen vergessen. Irgendwann im Mai war man fertig mit der Arbeit. Besitzerstolz kam auf und die Idee, den Traktor zur ersten Ausfahrt den „Kollegen von der IG vorzustellen“. Und zum Veitsberg fuhr man die Vater-Sohn-Kiste auch. Wohl achtmal habe man seitdem den Traktor bewegt und auch Nachbarschaftsbesuche bei Vereinen mit ähnlichen Interessenschwerpunkten gemacht.

Das Projekt schweißte zusammen

„Das Projekt schweißte auf jeden Fall zusammen“, befinden Vater und Sohn und erinnern daran, wie oft bei ihnen die Flex oder der Drahtbürstenaufsatz lief, angetrieben von einer Bohrmaschine. Aber „die Nachbarschaft hat Verständnis gezeigt“. Dieses Verständnis wird sie vielleicht bald wieder aufbringen müssen. Nach dem Projekt ist vor dem Projekt und die beiden Männer schauen sich schon nach etwas Neuem um. Ein Unimog, das wär's.

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