OBERLEITERBACH

Pestizidbelastung: Es liegt was in der Luft ...

Von wegen reine Landluft: Die Messergebnisse einer deutschlandweiten, unabhängigen Studie haben ergeben, dass in der Atemluft so einige bedenkliche Stoffe zu finden sind. Foto: M. Drossel

Das, was Harald Hümmer den Mitgliedern des Gartenbauvereins da vorstellte, machte betroffen, ja: fassungslos: Die vermeintlich gute Landluft in Oberleiterbach ist alles andere als rein und gesund. Im Rahmen der bundesweiten Studie „Pestizid-Belastung in der Luft“ hatte das unabhängige Forschungsinstitut TIEM bayernweit Daten gesammelt. Auch im Garten des früheren Schulhauses stand ein Passivsammler. Und brachte teils kritische Ergebnisse.

Ganz oben auf der Liste, weil deutlich in der Luft nachweisbar: Das chemisch-synthetisches Herbizid Glyphosat. „Seit 2021 ist dessen Einsatz in Deutschland deutlich eingeschränkt. Ziel der Bundesregierung ist es, Glyphosat bis Ende 2023 vom Markt zu nehmen“, so Hümmer. Mit 82,3 Nanogramm pro Sample war Glyphosat mit Abstand am besorgniserregend stark vertreten. An allen Teststandorten der Studie konnte das Herbizid nachgewiesen werden, selbst in Innenstädten. Es gilt als krebserregend.

Teils hoch giftig, krebserregend oder schon lange verboten

Noch besorgniserregender aber, dass Chlorflurenol, ein bereits seit 2004 in der gesamten Europäischen Union verbotener Auxintransport-Hemmer, mit 138,7 Nanogramm (ng) je Probe in der Luft nachweisbar war. Das hoch giftige und wohl krebserregende Chlorthaloril, seit 2021 in der Schweiz als Pflanzenschutzmittel verboten, ließ sich mit 87,3 Nanogramm je Probe nachweisen.

So ein Passivsammler stand auch im Garten des Neuen Schulhauses in Oberleiterbach. Foto: Umweltinstitut München / Christof Stache

Darüber hinaus ist auch Ampa in der Oberleiterbacher Luft vorhanden, ein Abbauprodukt von Glyphosat, ebenso in teils nicht unerheblichen Mengen Flufenacet, Dimethenamid, Pendimethalin, Prosulfocarb, Terbuthylazin und Metolachlor, was jeweils auch in der konventionellen Landwirtschaft eingesetzt wird. Famphur (11,5 ng/Probe) besitzt eine neurotoxische Wirkung, welche zu irreparablen, verzögerten Schäden auch bei den Nachkommen führen kann. Die Pestizide Flufenacet (38 ng/Probe), Pendimethalin (124 ng/Probe) und Prosulfocarb (15,4 ng/Probe) können in der Umwelt ihre Gifte für sehr lange Zeit entfalten. Pendimethalin und Prosulfocarb können aufgrund ihrer Bioakkumulation in der Umwelt in hoher Konzentration bis weit in die Nahrungskette vordringen und nicht getestete Lebewesen schädigen.

Deutschlandweit wurden Proben gesammelt und ausgewertet

Bei Terbuthylazin, Prosulfocarb, Pendimethalin, Metolachlor und Glyphosat fordern das Umweltinstitut München und das Bündnis für eine enkeltaugliche Landwirtschaft beispielsweise ein Sofortverbot, aufgrund der schädlichen Auswirkungen auf den Menschen. Neun von 15 gefundenen Pestiziden sind bei Greenpeace in der schwarzen Liste aufgeführt, also mit als sehr gefährlich identifizierten Eigenschaften. Sechs von 15 gefunden Stoffen sind in einer grauen Liste zu finden. Greenpeace sieht auch sie als kritisch.

Über die Wahl des Pächters der Flächen haben die Verpächter auch Einflussmöglichkeiten auf die Verwendung der Pflanzensc... Foto: m. Drossel

Durch Studie „Pestizid-Belastung der Luft“ konnte erstmals ein umfassendes Bild der Pestizidbelastung der Luft in ganz Deutschland gezeichnet werden. Die Ergebnisse zeigen, dass sich Ackergifte in besorgniserregendem Ausmaß über die Luft verbreiten und auch weit entfernt vom eigentlichen Einsatzort landen. „Die Ergebnisse der deutschlandweiten, unabhängigen Studie sind durchaus erschreckend“, fasste Harald Hümmer die Ergebnisse der Forschenden in Worte. „Vor allem auch, dass wir so eine Pestizidbelastung in der Luft in Oberleiterbach haben. Es sind Stoffe dabei, die krankheitsgefährdend sind und wahrscheinlich krebserregend.“

Dabei sind 30 Prozent der gefundenen Wirkstoffe in Deutschland gar nicht (mehr) zugelassen. Insgesamt wurden an 163 Standorten 138 verschiedene Pestizid-Wirkstoffe nachgewiesen. An allen Standorten konnte das Herbizid Glyphosat gefunden werden, dass von der Krebsforschungsagentur der Weltgesundheitsorganisation 2015 als wahrscheinlich krebserregend eingestuft wurde. Genau deswegen will der Gartenbauverein auch unter neuer Führung weiter auf Umweltschutzmaßnahmen hinweisen und selbst mit gutem Beispiel vorangehen.

„Wir müssen an dem ein oder anderem Thema auf jeden Fall weiter dranbleiben“, formulierte es Harald Hümmer. Und die neue Vorsitzende Angela Hennemann pflichtete ihm bei. „Jeder sollte beim Einsatz von Pestiziden darauf achten welche Stoffe er der Umwelt aussetzt“, so Hümmer. „Jeder Verpächter sollte sich Gedanken machen, zu welcher landwirtschaftlichen Nutzung er seine Flächen weitergibt.“ Genau zu diesem Thema hatte der Gartenbauverein schon einmal einen Vortrag beziehungsweise Workshop initiiert. Doch natürlich ist das Thema Pestizide in der Luft keines, das nur Oberleiterbach betrifft „Warum greift die Politik die Ergebnisse nicht auf?“, stand als Frage im Raum. Oder „warum thematisiert der Markt Zapfendorf die Ergebnisse der Studie nicht, um notwendige Schlussfolgerungen zu treffen?“ und „warum kommen Pestizide zum Einsatz und Jahre später werden diese aufgrund von Langzeitfolgen wieder verboten?“ Diese Fragen aber blieben an diesem Abend unbeantwortet.

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