KUTZENBERG

Muss die ehemalige Direktorenvilla in Kutzenberg weichen?

Der Bezirk will die unter Denkmalschutz stehende ehemalige Direktorenvilla in Kutzenberg im Zuge des Klinikneubaus abreißen. Die Entscheidung darüber fällt bei der Unteren Denkmalschutzbehörde im Landratsamt. Foto: Markus Drossel

Zugegeben, ihre Glanzzeiten hat die ehemalige Direktorenvilla in Kutzenberg hinter sich. Kein Wunder, denn das 1912 fertiggestellte Gebäude steht seit etwa zwei Jahrzehnten leer. Doch ist der Zustand des denkmalgeschützen Hauses, das zur Gesamtanlage „Ehememalige Oberfränkische Heil- und Pflegeanstalt“ gehört und ein wesentlicher Bestandteil des im Pavillonsystem bebauten und parkartig gestalteten Geländes ist, so schlecht, dass sich eine Renovierung nicht mehr lohnt?

Dieser Ansicht ist zumindest der Bezirk Oberfranken, der als Eigentümer des Gebäudes und Betreiber des Bezirksklinikums Kutzenberg beim Lichtenfelser Landratsamt als unterer Denkmalschutzbehörde einen Antrag auf Abriss der Direktorenvilla gestellt hat. Der „hohe finanzielle Aufwand einer Sanierung, der Vorrang eines effizienten Klinikneubaus und eine bedingte Wertigkeit des Einzeldenkmals“ würden als Gründe angeführt, so das Landratsamt auf Nachfrage dieser Redaktion.

„Wir können doch nicht sagen, dass wir unsere Denkmäler abreißen, von Privatleuten dagegen verlangen, ihre zu erhalten.“
Bernhard Storath, Bürgermeister Ebensfeld
Der Treppenbereich der ehemaligen Direktorenvilla wird im Kommunalen Denkmalkonzept als besonders erhaltenswert bezeichn... Foto: Memvier

„Die Direktorenvilla [...] wurde vor etlichen Jahrzehnten baulich stark überformt. Sie ist also längst nicht mehr im ursprünglichen Zustand. Sie trotzdem stehen zu lassen, würde die Chance zunichtemachen, direkt vor dem neuen Klinikgebäude einen ansprechenden, einladenden Platz mit einer Sichtachse zum historischen [...] ehemaligen Verwaltungsgebäude zu gestalten“, heißt es in einer Stellungnahme des Bezirks, in der besonders auf die großen Investitionen im dreistelligen Millionenbereich in Kutzenberg hingewiesen wird.

Genannt wird hier „die Non-Compliance-Station für TBC-Kranke aus dem ganzen Bundesgebiet“, mit der zahlreiche Arbeitsplätze geschaffen würden und die es ermögliche, die pneumologische Abteilung des Klinikums langfristig zu sichern. „Dies kommt insbesondere den einheimischen Lungenkranken zugute“, heißt es weiter.

Des Weiteren sei ein Pflegeheim für Senioren mit erhöhtem psychiatrischen Betreuungsbedarf mit 90 Plätzen in Planung, dessen Bau bald starten solle. „Und vor allem wird in absehbarer Zukunft ein neues Klinikgebäude entstehen, das sämtliche Stationen aufnimmt und sich dennoch gut in die Landschaft einbettet“, so der Bezirk weiter.

Muss die ehemalige Direktorenvilla in Kutzenberg weichen?
Die Direktorenvilla in Kutzenberg. Foto: Markus Drossel

„Alle diese bedeutenden Entscheidungen wurden in den zuständigen Gremien einmütig, ohne Gegenstimme, gefasst“, betont Bezirkstagspräsident Henry Schramm. Die Anstrengungen, den Standort Kutzenberg langfristig zu erhalten und modern auszubauen, sieht Schramm jedoch nicht ausreichend gewürdigt, stattdessen würden Einzelmaßnahmen öffentlich diskutiert.

Damit spielt der Bezirkstagspräsident in seiner Stellungnahme auf den Bericht „Grüne bezeichnen Denkmalschutz in Kutzenberg als Trauerspiel“ an (siehe OT von Donnerstag, 13. Januar, Seite 6). Darin kritisiert die Kreistagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen den geplanten Abriss der früheren Direktorenvilla und das gefängnisgleiche Erscheinungsbild des Tuberkolosezentrums. Anstatt die bestehenden Gebäude zu erhalten, würde neu gebaut und damit auch der Klimaschutz vernachlässigt.

Besonders ärgerlich für die Grünen: Die ehemalige Direktorenvilla stellt für sie einen Täterort aus der Zeit der Nazi-Diktatur dar, in dem der Mord an 446 Bewohnern der einstigen „Kreisirrenanstalt“ vorbereitet worden ist. Auch das „Sichtachsenargument“ ließen die Grünen nicht gelten, dazu Fraktionsvorsitzende Susann Freiburg: „Durch die neue Klinik wird das grandiose Panorama auf den Gottesgarten unwiederbringlich verbaut werden.“ Das Argument von Kutzenberg als Täterort sieht Bezirksheimatpfleger Professor Günter Dippolt dagegen nicht. „Der Chefarzt und Klinikdirektor Dr. Josef Lothar Entres galt als Nazigegner, konnte aber den Abtransport der ihm anvertrauten Menschen nicht verhindern. Seine Dienstwohnung kann also schwerlich als ,Täterort‘ gelten“, wird er in der Stellungnahme des Bezirks zitiert.

Bezirk Oberfranken will Kunstwettbewerb ausloben

Überhaupt ist es laut Bezirkstagspräsident Schramm für den Bezirk eine Verpflichtung, an die in den Jahren 1940 und 1941 weit über 400 ermordeten Patientinnen und Patienten zu erinnern: „Der Bezirk wird 2022 einen Kunstwettbewerb ausloben, um ein Mahnmal zur Erinnerung an dieses furchtbare Kapitel der Geschichte zu schaffen.“ Auch ein Informationsort werde im Zuge der bevorstehenden Investitionen entstehen. Zu diesem Zweck sei auch eine Zusammenarbeit mit der künftigen Gedenkstätte für die ermordeten Patienten in Erlangen bereits eingeleitet.

Muss die ehemalige Direktorenvilla in Kutzenberg weichen?
Die Kreistagsfraktion von Bündnis90/Die Grünen moniert ein „gefängnisgleiches Erscheinungsbild“ des neuen Tuberkolosezen... Foto: Red

Den Grünen wäre ein Gedenkort in der ehemaligen Direktorenvilla lieber, so Susann Freiburg gegenüber dieser Redaktion. Doch wie geht es mit dem Gebäude überhaupt weiter? Das letzte Wort hat die untere Denkmalschutzbehörde. Und die „geht nach derzeitigem Kenntnisstand davon aus, dass eine Sanierung möglich ist“, so das Landratsamt Lichtenfels. Zwar werde das Gebäude seit Längerem nicht mehr genutzt und sei deswegen dementsprechend sanierungsbedürftig. „Grundsätzlich befindet es sich aber in einem baulich soliden Zustand und es wären verschiedenste Nutzungen denkbar“, sagt Pressesprecher Andreas Grosch.

Darüber hinaus werde im kommunalen Denkmalkonzept, das im Auftrag von Bezirk, Landratsamt, der Gemeinde Ebensfeld und des Landesamtes für Denkmalschutz erstellt worden ist, der Erhalt des Gebäudes empfohlen. Zur Frage, unter welchen Umständen ein unter Denkmalschutz stehendes Gebäude abgerissen werden dürfe, antwortete das Landratsamt: „Dies ist einzelfallabhängig zu beurteilen. Zu berücksichtigen sind beispielsweise der Umfang der Schäden an der Bausubstanz, Auswirkungen einer Sanierung auf die Denkmaleigenschaft oder der finanzielle Aufwand einer Sanierung.“

Ebensfelds Bürgermeister Bernhard Storath, in dessen Gemeindegebiet sich das Bezirksklinikum befindet, ist grundsätzlich für den Erhalt der ehemaligen Villa. „Wir können doch nicht sagen, dass wir unsere Denkmäler abreißen, von Privatleuten dagegen verlangen, ihre zu erhalten“, sagt das Gemeindeoberhaupt. Storath räumt aber ein, dass die Entscheidung über einen Abriss letztlich beim Landratsamt liege und die Gemeinde keinerlei Handhabe besitze.

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