BAD STAFFELSTEIN

Mit dem Rolli auf Testfahrt in Bad Staffelstein

Auf geht es zum kleinen Rundgang mit zwei Rolli-Fahrern Sven Baum und Monika Schütz sowie (stehend) Andreas Poth (li.) und Walter Mackert (re.), Behindertenbeauftragter der Stadt Bad Staffelstein. Foto: Red

Von Inklusions-Aktivisten halte er nicht viel. Von Typen in Oberlehrermanier mit erhobenem Finger auch nichts. Sven Baum sagt da klare Worte. Er sitzt im Rollstuhl, hat eine spastische Lähmung der Beine mit Störung der Feinmotorik in den Händen. „Also zum Bomben entschärfen bin ich nicht zu gebrauchen“, scherzt der 40-Jährige. Dann wird er ernst.

Seit 2013 ist er bei seinen Urlauben Stammgast in Bad Staffelstein, nächtigt in einem rollstuhlgerechten Gästezimmer im Kurhotel. Hier erholt er sich nicht nur von seinem Hauptberuf im Zollamt, den er in seiner Heimatstadt Erfurt ausübt. Sven Baum ist auch Model für Inklusion. „Das ist mein Nebenberuf“, sagt er.

Die Unterführung beim Bahnhof ist zu eng. Der Rolli-Fahrer muss auf die Straße ausweichen. Foto: Monika Schütz

In vielen deutschen Städten war er schon unterwegs und hat versucht, den Umgang der Menschen ohne mit denen mit Behinderung positiver werden zu lassen. Vieles ist ihm dabei auch schon gelungen: „Wir Menschen mit Behinderung haben schon ein Teilziel erreicht, wenn bei einem Hotel oder Gasthof nicht im allerletzten Satz steht: barrierefrei! Seltener ist leider die Formulierung „Rollstuhlgerecht“.

Das sollte mittlerweile selbstverständlich sein. Nicht nur Rollstuhlfahrer würden davon profitieren. „Sehen Sie sich um“, sagte er beim Spaziergang in Bad Staffelstein, „wie viel mehr Gäste und Einheimische mit einem Rollator als mit einem Kinderwagen unterwegs sind“. Dem demographischen Wandel müsse Rechnung getragen werden.

Sven Baum gibt ein dickes Lob: Der Gehsteig im Kur-Bad-Bereich ist super gemacht! Foto: Monika Schütz

Der Spaziergang, der am Best Western Kurhotel begann, führte zunächst Richtung nahe gelegener Therme. Hier lobte Sven Baum die deutlichen Markierungen an den Gehsteigen und die Überquerungsstellen, an denen der Bordsteig deutlich abgeflacht war. „Hier hat die Stadt alles richtig gemacht“, nickt er anerkennend. Auch die Geschwindigkeitsbegrenzung auf 30 Stundenkilometer sei gut und wichtig. Es ging weiter durch die Unterführung, dann zur Straße „Zur Herrgottsmühle“.

Mit dem Rolli über das Pflaster

Sven Baum fuhr seinen Rollstuhl selbst, er war geübt im Umgang mit Ankippen, Bremsen, Drehen und schwierigem Straßen- und Gehweg-Belag. Nicht so Reporterin Monika Schütz, die bei der einstündigen Tour vom Seniorenbeauftragten Walter Mackert in einem ausgeliehenen Rollstuhl sitzend „geschoben“ wurde. Das Kopfsteinpflaster sah zwar ansprechend aus, rüttelte aber ordentlich den Körper durch. Fast versucht man, bei der steilen kurzen Abfahrt bis nahe der Bahngleise nach einem Anschnallgurt zu fragen.

Sven Baum: „Der Bahnhof der Adam - Riese-Stadt hat schon mit Ihnen gerechnet - aber nicht, dass Sie im Rollstuhl anreise... Foto: Monika Schütz

Nächste Station: Baustellen bedingt konnte der Ausflug, an dem auch Hoteldirektor Andreas Poth teilnahm, nicht bis zur Innenstadt gemacht werden. Er führte am Bahnhof vorbei und dann durch die Auto-Unterführung wieder zurück in den Kurbereich. Das Problem: In der Unterführung gibt es keinen Gehsteig. Zumindest mag man den Randstreifen links und rechts der Fahrbahn nicht als solchen bezeichnen: Er ist schmäler als jeder Rollstuhl, Kinderwagen oder Rollator. Selbst ein Fußgänger müsste sehr schmal sein.

Doch der Fußgänger könnte auch die Treppenunterführung direkt beim Bahnhof nutzen. Ein Rolli-Fahrer nicht. Walter Mackert hatte hier eine gute und eine schlechte Nachricht. Die gute sei, in die Treppenunterführung würde im Rahmen ihres Sonderprogramms ein Aufzug kommen, so hätte es die Deutsche Bahn der Stadt versprochen. Die schlechte Nachricht war: Das würde noch bis 2023 dauern. Dennoch freut sich der Senioren- und Behindertenbeauftragte Mackert über die anstehende Maßnahme.

Gehwege mit Neigung sind eine Herausfordung

Dass die Gehsteige, von denen es natürlich auch breite und gut ausgebaute gibt, aus technischen Gründen leicht abfallend zur Fahrbahn angelegt sind, nahm Sven Baum zur Kenntnis. Es sei anstrengend, auf einem leicht geneigten Gehweg fahren zu müssen. Dennoch versteht er, dass hier die Verkehrssicherheit höher wiege. Regenwasser müsse gefahrlos abfließen können.

Ein Gräuel sind dem Mann, der seit seiner Geburt gehandicapt ist und seit 1993 völlig auf Rollstuhl angewiesen, der Straßenbelag in Städten, die Wert auf einen mittelalterlichen Stadtkern legten.

Sein Nebenjob als Model für Inklusion verlangt von Sven Baum aber nicht nur, dass er zu den verschiedensten Anlässen Videos und Fotoaufnahmen als Rollstuhlfahrer von sich anfertigen lässt. Er gibt auch regelmäßig Kurse und Workshops zu dem Thema Inklusion. „Als Mensch mit Handicap hat man in Deutschland eigentlich ein sehr bequemes Leben: Ich bin an einem Tag 25 mal gefragt worden Brauchen Sie Hilfe?“, erzählt der 40-Jährige.

USA, Europa, Asien: Sven Baum ist als Sportler weltweit erfolgreich in der Rolli-Disziplin Karate/Kata. Foto: Monika ScHütz

Doch viele möchten so unabhängig wie möglich sein. Deshalb sei es wichtig, in einer Tourismusregion, in der Behinderte und Nichtbehinderte gleichermaßen zum Urlaub machen kommen, die Mitarbeiter im Service und im gesamten Gaststätten- und Hotelbereich im Umgang mit diesen Gästen zu sensibilisieren.

Wenn es unnötig eng zugeht

Katja Brade ist im Quartiersmanagement von „In der Heimat wohnen“ tätig. Die Aussagen von Sven Baum könne sie nur zustimmen, hauptsächlich was die Schrägen auf den Gehsteigen betreffe: „Man muss ständig die Spur halten, das ist anstrengend!“ Auch ihr sind die viel zu schmalen Gehsteige aufgefallen, samt der Tatsache, dass der Mensch im Rollstuhl oder mit dem Rollator dann lieber auf die Fahrbahn wechselt und den Autoverkehr in Kauf nimmt. Bauweise bedingt seien manche Sachen im Altbestand leider nicht zu ändern. Doch sie wünscht sich eines: Gerade im schon fertigen Bauabschnitt Bahnhofstraße seien die Flächen großzügig und breit genug angelegt. Jeder Rolli würde da durchkommen - wenn nicht genau da viele Geschäfte und Läden ihre Aufsteller mitten auf den Gehweg stellen würden. „Es geht dann sehr eng zu“, bedauert Katja Brade.

Bei ihr im Büro von „In der Heimat wohnen“ kann man sich auch den aktuellen Ratgeber holen, welche Geschäfte, Praxen und Apotheken, öffentliche Toiletten, Banken und vieles mehr auch wirklich rollstuhlgerecht seien, oder „nur“ barrierefrei.

Sven Baum plant derweil sein nächstes Projekt: Nach der erfolgreichen Teilnahme bei der Europameisterschaft in Kroatien (Bronzemedaille in der Disziplin Karate/Kata Rollstuhl) wird er im November bei der Weltmeisterschaft in Dubai teilnehmen. Das größte Ziel, eine Teilnahme bei den Paralympics, könnte knapp werden: Baum ist schließlich schon 40.

 

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