BAD STAFFELSTEIN

Menosgada oder Menostada: Das ist die Frage

War auf dem Staffelberg einst Menosgada oder Menostada? Diese Frage geht Joachim Andraschke nach. Foto: j. AndraSChKe

Joachim Andraschke ist Namensforscher. Zu dem Namen der Keltensiedlung, die sich einst auf dem Staffelberg befand, hat er eine eigene Theorie entwickelt, die erstaunt.

„Bereits im Jahr 1849 liegt uns der erste Versuch vor, den antik überlieferten Ort Menosgada zu lokalisieren. Diesen Versuch unternahm Andreas Neubig, der den Namen allerdings aus dem Slawischen herleitete und als „Zusammenfluss“ ausdeutete. Demnach habe der Ort am Zusammenfluss von rotem und weißem Main gelegen. Man nahm es damals scheinbar noch nicht so genau mit den historischen und sprachlichen Bedingungen, denn die Slawen haben erst rund 800 Jahre später ihre Füße in die obermainfränkischen Gefilde gesetzt.

Mehrere Versuche, den richtigen Ort zu finden

Eine rekonstruierte Befestigungmauer auf dem Staffelberg. Foto: j. aNDRASCHKE

Es gab nun mehrere Versuche den antiken Ort zu verorten, unter anderem in Kulmbach oder dem Fichtelgebirgsraum. Man richtete sich jedenfalls rasch danach aus, dass der Ort am Main gelegen haben müsse, wofür man den ersten Namenbestandteil in Meno-sgada in Anschlag brachte. Der letzte seriöse Versuch einer Lokalisation des Ortes und einer Namendeutung stammte aus der Feder von Dorothea Fastnacht, die den Ortsnamen als germanisch Menos-gata auffasste und als Maingasse übersetzte. Sie identifizierte diesen Namen mit einer Flur der Gemarkung Rattelsdorf. So sehr dieser Versuch durch fachliche Kompetenz besticht, auch diese Zuordnung passt leider nicht.

Der Archäologe Paul Reinecke lokalisierte schließlich 1952 das antike Menosgada mit dem Staffelberg, so dass bis heute eine schier unüberbrückbare Fixierung auf diese Örtlichkeit eingetreten ist, die seitens der Archäologie bis dato hält. Die Verbindung des Namens mit dem Main und der Nachweis eines keltischen Oppidums auf dem Staffelberg mit weitreichenden Handelsverbindungen unter anderem nach Kleinasien schien dies plausibel zu machen.

Dr. Joachim Andraschke Foto: red

Doch kann diese Zuordnung stimmen und was sagt die Überlieferung dazu aus? Damit wollen wir uns hier einmal beschäftigen. Der Kosmograph Ptolemäus, dem wir die Nennung zu verdanken haben, war der erste, der eine Weltkarte auf der Grundlage der Erdkugel verfasste und dabei sogar Koordinaten für die darin genannten Orte bot. Er schrieb diese Weltkarte um 150 nach Christus und benutzte dabei unter anderem auch zwei Vorlagen, nämlich ein sogenanntes Itinerar, eine Art Handelsroutenbeschreibung um 75 nach Christus und eine Vorlage einer römischen Landvermessung des Militärs aus augusteischer Zeit, also um Christi Geburt.

Diese Ortsangaben dienten den Römern als Orientierungspunkte, denn Rom versuchte Germanien bis zur Weichsel und bis nach Böhmen hinein zu erobern. Die Niederlage des römischen Generals Varus gegen seinen Widerstreiter Arminius im Jahre 9 nach Christus, die als Hermannsschlacht in die Geschichte einging, vereitelte dieses Vorhaben. Da die Germanen zu jener Zeit nicht in Städten lebten, waren diese der Orientierung dienenden Örtlichkeiten entweder Plätze an wichtigen Furten oder größere Talsiedlungen mit Marktcharakter.

Ein solcher germanischer Zentralort mit vielleicht 200 bis 400 Einwohnern ist also nicht mit einem keltischen Oppidum zu vergleichen, das mehreren tausend Menschen eine Zuflucht und Heimstatt bot.

Kelten verließen die Region

Da aber die Kelten zwischen 80 und etwa 50 vor Christus den fränkischen und bayerischen Raum vollständig verließen, ist eine Übernahme eines Oppidumnamens am Obermain nicht möglich. Es gab zwar in augusteischer Zeit eine erste germanische Talsiedlung bei Staffelstein, doch da hatten die Kelten das Land und insbesondere den Staffelberg längst verlassen. Erst einige hundert Jahre später wurde der Staffelberg wieder besiedelt, als man auf dem Hochplateau eine germanische Höhenbefestigung errichtete.

Warum also sollte Ptolemäus seinen Lesern einen Namen überliefern, der zu seiner Zeit schon seit 200 Jahren vergessen war und der keinerlei Bezugspunkt im Gelände mehr hatte? Das war ja schon bei den von ihm benutzten Vorlagen längst nicht mehr der Fall! Und tatsächlich lautet der überlieferte Ort nicht Menosgada, sondern Menostada und bezieht sich auf Hallstadt bei Bamberg. Wir wissen das, weil vor einigen Jahren die antiken Koordinaten dechiffriert wurden. Es ist dies ein Durchbruch in der wissenschaftlichen Diskussion um die Lage dieses antiken Ortes. Es handelt sich dabei auch ganz klar um einen germanischen Ortsnamen; diese Einschätzung setzt sich derzeit auch als Konsens innerhalb der deutungsbefähigten Fachrichtung durch. Ein neuer Deutungsansatz aus dem Germanischen wird zudem vom Verfasser demnächst in einer Fachzeitschrift erscheinen.

Hallstadt war ein zentraler Ort

Hallstadt war in augusteischer Zeit mit hoher Wahrscheinlichkeit ein Zentralort, worauf mehrere älterkaiserzeitliche Funde des Stadt- und Gemarkungsgebietes hinweisen. Der Ort liegt außerdem verkehrsgünstig an einem Altstraßenknotenpunkt und im Einzugsgebiet zweier Flusssysteme.

Es sind dies die allerbesten Voraussetzungen für eine Lokalisation von Menostada mit Hallstadt, die andere archäologisch nachgewiesenen Orte jener Zeit wie etwa Eggolsheim oder Scheßlitz eben nicht haben.

Wir müssen somit festhalten, dass der Name des keltischen Oppidums auf dem Staffelberg nicht überliefert ist. Das keltische Erbe auf dem Staffelberg, das mit lobenswertem Eifer und Energie zutage gefördert wird, ist ein keltisches Erbe und ein Erbe der Menschheit. Ein speziell eigenes Erbe der Oberfranken aber ist es nicht.

Denn sonst könnte man das materielle Erbe der indigenen Prärieindianer Nordamerikas genauso als Erbe der eingewanderten weißen Pioniere und ihrer Nachkommen betrachten. Deren Herkunft und Kultur lag aber in Europa und unterschied sich wesentlich davon. Es muss dieser Vergleich gezogen werden, da sich allmählich die falsche Einsicht und Suggestivmeinung in der Bevölkerung breit macht, die Kelten seien unsere Vorfahren und ihre Hinterlassenschaften unser gemeinsames Erbe.

Da die Kelten das Land vollständig räumten, gibt es aber keine Kontinuität zu den ersten nachrückenden Germanen aus dem thüringisch-mitteldeutschen Bereich, zumal auch diese wieder abwanderten. Das eigentliche Wurzelvolk der Oberfranken aber sind die ostgermanischen Burgunder, die sich seit dem 3./4. Jahrhundert hier ansiedelten. Sie sind die eigentlichen Vorfahren der Oberfranken aus älterer Zeit!

„Wissenschaft“ muss Wahrheit verpflichtet sein

Das muss zur Einordnung gesagt sein, auch wenn dies dem Leser jetzt neu und befremdlich erscheinen mag. Der Wahrheit aber über die frühe Besiedlungsgeschichte muss der Wissenschaftler verpflichtet sein, und nicht der Umschreibung der Abstammungsgeschichte.

Dies sei lediglich zur richtigen Einordnung der Erkenntnisse dem Leser mitgeteilt, keinesfalls soll damit eine Herabwürdigung der wichtigen Anstrengungen um die Geschichte der Kelten in Oberfranken erzielt werden.

Doch wie hieß nun das keltische Oppidum auf dem Staffelberg?

Der Namen wird vielleicht nie gefunden

Die, Staffelbergquerkel', die sich um 50 vor Christus bei Wiesen auf Nimmerwiedersehen über den Main übersetzen ließen: Sie waren die letzten, die den Namen des Oppidums kannten. Sie haben ihr Wissen mit in die Fremde genommen. Und so wird es bleiben, denn ein Ortsschild wird man wohl nicht mehr ausgraben.

Und so könnte heute eine moderne Sage lauten: ,Einzig der murmelnde Main erlauschte den Namen des Oppidums, als die Querkele ihn auf der Fähre wehmütig winkend als letzten Gruß gen ihrem Stammsitz hinüberraunten. Nur einem untadeligen und bar der Sünde lebenden Sonntagskind wird alle hundert Jahre die Ehre zuteil den Namen aus den wispernden Wellen des Mains zu erfahren. Da es heute aber nur noch Sündtagskinder gibt, wird der Main das Geheimnis wohl niemals preisgegeben.'“

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