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Kranführer: Dirigent einer tonnenschweren Last

Kranführer: Dirigent einer tonnenschweren Last
Rund zehn Tonnen kann der Oberdreherkran MDT 281 J10 im Höchstlastbereich emporhieven. Damit Wolfgang Zenk den Anhänger wie hier schweben lassen kann und zugleich die Sicherheit gewährleistet ist, bedurfte es im Vorfeld freilich Teamarbeit. Foto: Mario Deller

Drei Tonnen wiegt so eine Filigrandecke, die auf der großen Baustelle in Coburg gerade durch die Lüfte schwebt. Damit die Arbeitskollegen sie mit vereinten Kräften passgenau aufsetzen können, bedarf es zuvor guten Timings. Unaufgeregt, aber hochkonzentriert wirkt der Mann, der die schwere Last am Haken hat und sorgsam mit einer Fernbedienung steuert. Wolfgang Zenk arbeitet als Kranführer für die Firma Raab. Schwer wiegt bei dieser wichtigen Tätigkeit auch die Verantwortung.

Bisweilen stellen sich manche Laien den Kranführer immer noch als jemanden vor, der in luftiger Höhe in seiner Kabine sitzt und dort, abgesehen von der Mittagspause, den ganzen Arbeitstag verweilt. Auf der Baustelle in Coburg, wo zehn Gebäude mit insgesamt rund 170 Miet- und Eigentumswohnungen entstehen, sind die Kabinen der beiden Kräne aber leer. Durch den Fortschritt der Technik ist die Kranführertätigkeit anno 2020 in meisten Fällen nicht mehr so „einsam“ wie ehedem. Dank der heute oft im Einsatz befindlichen Funkfernbedienung lassen sich Kran und der konkrete Lastentransport mittels der am Kranausleger befindlichen „Laufkatze“ von unten aus steuern.

Bei manchen Kränen keine Kabine mehr vorhanden

Und das hat für den Arbeitsablauf ganz handfeste Vorteile, wie Wolfgang Zenk, Kranführer seit 1994, erläutert: „Wer oben in der Kabine sitzt, steht ja unten nicht zur Verfügung. Und hier aus der Nähe kann ich die Arbeit viel besser abstimmen mit den Team und natürlich auch mal selbst mit anpacken.“ Klar, wenn tonnenschwere Teile ins entstehende Bauwerk eingepasst werden müssen, wird unter Umständen jede helfende Hand benötigt. Mittlerweile werden manche Kräne schon von vornherein ohne Kabine gebaut, ergänzt er.

Kranführer: Dirigent einer tonnenschweren Last
Kranführer wie Wolfgang Zenk müssen auf der Baustelle den Überblick behalten und dürfen dabei den Sicherheitsaspekt niem... Foto: Mario Deller

Traglast im Höchstlastbereich zehn Tonnen, Traglast an der Spitze des Auslegers 1,35 Tonnen, maximale Hakenhöhe 55 Meter – so lesen sich die wichtigsten Fakten des Turmkrans MDT 218 J 10 des Herstellers Potain, einer der beiden auf der Coburger Baustelle derzeit eingesetzten Turmdrehkräne. Doch das sind nur die groben Eckdaten.

Denn die Sicherheit gebietet, dass der auf dem Kran prangenden Zahlentabelle strengste Beachtung geschenkt wird. Der Tabelle lässt sich beispielsweise entnehmen, dass die Last maximal 3,4 Tonnen wiegen darf, wenn der Ausleger auf 50 Meter hinausfährt, um die Stabilität des Krans zu gewährleisten. Bei 40 Meter sind es 4,75 Tonnen, bei 30 Metern 6,6 Tonnen.

Das Alarmsignal des Krans funktioniert ähnlich wie eine Einparkhilfe bei Autos, sobald sich die „Katze“ mit der Last dem physikalisch kritischen Punkt nähert:

Kranführer: Dirigent einer tonnenschweren Last
Auch wenn das Hantieren mit teils tonnenschweren Bauteilen ungeachtet dessen nach wie vor höchste Aufmerksamkeit gebiete... Foto: Mario Deller

„Erst gibt es ein gelbes Licht auf der Fernsteuerung und einen leisen Ton. Fährt man die Last am Ausleger noch weiter hinaus, wird das Licht rot und es erschallt ein lauter Dauerton.“

Gespür und Wissen um physikalische Vorgänge sind elementar

Zumindest hierzulande geht dann gar nichts mehr, der Kran sperrt von selbst. „Und das ist natürlich auch gut so“, betont Zenk, der es aufgrund seiner langen Erfahrung erst gar nicht so weit kommen lässt. „Man braucht schon ein gewisses Gespür und Wissen von den physikalischen Vorgängen, das ist ganz elementar bei der Tätigkeit des Kranführers.“ Zenk spricht die wichtige Windfreistellung an, umgangssprachlich auch als „Feierabendstellung“ bezeichnet. Dies bedeutet, dass bei Nichtbetrieb die Schwenkbremse des Krans mechanisch oder elektrisch gelöst werden muss, damit zur Erhöhung der Sicherheit der Ausleger frei im Wind drehen kann.

Sogar „Verkehrsregeln“ hat ein Kranführer zu befolgen, wenn etwa – wie in Coburg derzeit der Fall – zwei Kräne im Einsatz sind, deren Ausleger sich optisch beinahe berühren. „Der tiefere Kran hat dabei immer Vorfahrt, aber das gilt es im Vorfeld eh immer abzusprechen und ist im Normalfall auch von der Berufsgenossenschaft im Abnahmebericht geregelt“, erklärt Zenk hierzu.

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Wolfgang Zenk zeigt den Schaltschrank eines derzeit auf der Baustelle in Coburg eingesetzten Oberdreherkrans, quasi das ... Foto: Mario Deller

Beim Kran, dessen Traglast oben beschrieben wurde, handelt es sich um einen Oberdreherkran. Hier befindet sich der das notwendige Gegengewicht darstellende Ballast am Gegenausleger. Etliche große Betonblöcke sorgen für Standsicherheit. „Jeder davon wiegt etwas mehr als vier Tonnen“, so Zenk.

Zenk öffnet eine Klappe unten am Kran, zeigt die automatische Zentralschmierung, die heute Stand der Technik ist. „Früher musste man als Kranführer schon einmal eine halbe Stunde lang pumpen fürs Nachschmieren, bevor man sich dann wieder seiner eigentlichen Arbeit widmen konnte“, erinnert er sich.

Apropos Technik: Zenk gewährt sogar einen Blick in das „Herz“ des beeindruckenden 55-Meter-Krans, sprich den Schaltschrank.

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Wenn Metalldrähte von unten emporragen, müssen Kranführer Wolfgang Zenk (rechts) und die Arbeitskollegen auf der Bauste... Foto: Mario Deller

"Damit die Elektronik auch jetzt in den kälteren Monaten möglichst immer funktioniert, ist sogar eine eingebaute Heizung vonnöten.“

Dass Helm und Sicherheitsschuhe getragen und alle wichtigen Funktionen des Krans regelmäßig auf Herz und Nieren geprüft werden müssen, versteht sich von selbst. Mittlerweile ist Zenk ein alter „Kranführer-Hase“ und weiß bei aller Technik, die den Kranführer und seine Arbeitskollegen unterstützen: „Den gesunden Menschenverstand darf man niemals ausschalten.“

Augenmaß und Vorsicht sind das A und O

Gerade wenn schwere Teile rangiert und bisweilen zentimetergenau ins Bauwerk eingefädelt müssen, oder wenn aufgrund des bereits bestehenden Baukörpers nur wenig Platz zum Abladen des am Haken hängenden Baumaterials zur Verfügung steht, sind Augenmaß und Vorsicht das A und O. Und dass ein gutes Teamwork einen unerlässlichen Faktor für gutes und gleichermaßen sicheres Vorankommen auf der Baustelle einen Schlüsselfaktor darstellen, kann sich jeder an fünf Fingern abzählen. Doch bis jetzt hat Zenk das Kind immer geschaukelt, liegt sicher auch seiner bei aller beruflichen Beflissenheit umgänglichen Art.

„Wolfgang, wir brauchen dich mal da drüben“, bekommt er mitgeteilt. Am anderen Gebäude gilt es, mit dem dortigen Kran Steine für die Maurer in eines der oberen Stockwerke zu hieven, damit diese ihre Arbeit fortsetzen können. Beobachtet man das Geschehen auf der Großbaustelle in Coburg, so verwundert es nicht, wenn Wolfgang Zenk lachend und mit einem Augenzwinkern meint:

Kranführer: Dirigent einer tonnenschweren Last
Wolfgang Zenk zeigt den Schaltschrank eines derzeit auf der Baustelle in Coburg eingesetzten Oberdreherkrans, quasi das ... Foto: Mario Deller

„Der Kranführer wird ja mitunter als der Dirigent der Baustelle bezeichnet. Das trifft es eigentlich ganz gut.“ Ja, und hin und wieder spielt er auch selbst im Orchester fest anpackend mit. Aber der Kranführer hat eben die Übersicht zu behalten, damit, um im Bild zu bleiben, die Musik nicht ins Stocken gerät.

Wichtigste Schaltstelle auf der Baustelle

An dieser Stelle dürfen wir Wolfgang Schubert-Raab zitieren. Der Geschäftsführer der Baufirma Raab hält große Stücke auf seine Belegschaft insgesamt. Angesichts des Umstands, dass, wie er meint, „die Tätigkeit des Kranführers ein oft unterschätztes Metier“ sei, findet er es gut, diesen Beruf einmal in den Fokus zu rücken. „Der Kranführer ist die wichtigste Schaltstelle auf der Baustelle.

Kranführer: Dirigent einer tonnenschweren Last
Dass die Standsicherheit eines Krans oberste Prämisse sein muss, versteht sich von selbst. Neben anderen eingebauten Sic... Foto: Mario Deller

Schließlich hat jeder Kran nur einen Haken“, drückt er seine Wertschätzung fast poetisch aus. Zehn Kranführer sind derzeit für sein Unternehmen tätig.

„Ich habe wirklich Freude an meinem Beruf. Konzentriert bleiben und sich in keiner Situation aus der Ruhe bringen lassen, darauf kommt es an“, ist den Worten von Wolfgang Zenk echte Zufriedenheit mit der Tätigkeit heraus zu hören. „Kranführer werden gesucht“, kann er jeden Interessenten nur zu diesem beruflichen Schritt ermutigen.

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Hier sehen wir den Schaltschrank eines in Coburg auf der Baustelle eingesetzten Oberdreherkrans, quasi das „elektronisch... Foto: Mario Deller

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