KLOSTER BANZ

KIS-Exkursion im Banzer Wald: Zwischen Pimpernuss und Adel

KIS-Exkursion im Banzer Wald: Zwischen Pimpernuss und Adel
"Faszination alte Bäume" hieß der Titel von Hermann Hackers (l.) Veranstaltung. Dazu gehörte mitunter auch das Berühren. Zu sehen ist hier Anton Reinhardt (Bund Naturschutz/Lichtenfels) auf dem Weg zur Inaugenscheinnahme der Plakette in zwei Meter Höhe. Foto: Markus Häggberg

Eigentlich wäre es überlegenswert, Hermann Hackers Exkursion in den Wald im Feuilleton zu besprechen. Nicht deshalb, weil „Faszination alte Bäume“ eine Veranstaltung der Kultur Initiative Staffelstein (KIS) ist und der Mann diesem Kunstverein vorsitzt, sondern weil er entlang von nur wenigen hundert Metern Strecke einen Teppich aus Wissenswertem, Unterhaltsamem und Philosophischem auslegt. Am Sonntag geschah die sechste Auflage dieses schon traditionellen Rundgangs.

Es ist kurz nach 14 Uhr und Hermann Hacker nimmt einen zweiten Begrüßungsanlauf. Es windet nämlich und weht ihm die Worte ungehört davon. Dann wird der Mann vernehmlicher, heißt auf dem Wanderparkplatz die Teilnehmer willkommen und führt den 20 Personen zählenden Tross nach Süden. Über die Straße und in einen Forst, der den Wittelsbachern gehört. Etwas ist hier anders als in den umliegenden Wäldern. Das Grün wirkt grüner, die Bäume wirken höher und mit den sie umschlingenden Ranken mehr nach Urwald. Zuvor stimmte Hacker schon auf das Kommende ein: „Es ist das letzte Stück Natur“, sagt der pensionierte Förster und er betont das wie eine Fangfrage.

Heutezutage ist gar nix natürlich

„An den Wäldern heute ist gar nix natürlich“, schiebt er sogleich hinterher und lächelt ein wenig in sich hinein. Das hat erst einmal gesessen und die Aufmerksamkeit ist ihm gewiss. Zeit also, den Zuhörern den Urauslöser für Forstwirtschaft zu erklären oder zumindest die eigene Sicht darauf. Der Mensch komme aus Ostafrika, dort gibt es Steppen und Savannen und in ihnen versteckt sitzende Löwen. Feinde also. „Die Menschen haben noch den Drang, sich freie Sicht zu verschaffen.“ So könnte das alles womöglich zusammenhängen.

KIS-Exkursion im Banzer Wald: Zwischen Pimpernuss und Adel
Manchmal geriet man über schweres Geläuf an die faszinierenden Bäume. Aber in ihrer Nähe ließ sich trefflich philosophie... Foto: Markus Häggberg

Er wäre gerne Biologe geworden, erklärt Hacker während einer Rast bei einem Riesen. Es ist einer dieser Bäume hier mit vielleicht 250 Jahren auf dem Buckel bzw. der Rinde. Als er noch kniehoch war, entdeckte James Cook mit seiner Endeavour Australien und Friedrich Hölderlin dürfte gerade gelernt haben, aufs Töpfchen zu gehen. Carl von Linné hatte jetzt noch gut acht Jahre zu leben und eben von diesem schwedischen Naturforscher erzählte Hacker auch. Dabei deutete er auf die Abbildung von Schmetterlingsarten, die zu dessen Zeit noch in unseren Breiten existierten.

Kollateralschaden durch Forstwirtschaft

Doch durch die Bewirtschaftung des Waldes hätte der Tierbestand zehn Prozent eingebüßt. Kollateralschaden durch Forstwirtschaft, quasi. Dann verwies der Pensionär auf das Alter vieler der Bäume hier und formulierte den Unterschied zu üblichen Wäldern, wo keine Wittelsbacher schützend die Hand über alte Bestände legen. Nach 60 Jahren sei woanders und im Regelfall ein Baum hiebsreif. Lange vor seiner Zeit, lange bevor er ausgewachsen ist. „Da geht' s Bäumen wie den Hähnchen“,

witzelt Hacker und hat bald ein ernstes experimentelles Anliegen: „Wir wollen mal wirken lassen wie das ist, wenn man alten Bäumen gegenübersteht.“

Der Tross zieht mit ihm zu einem besonders beeindruckenden Riesen und dann bekommt er eine Frage vorgesetzt: „Spürt ein Baum, wenn wir ihn anfassen? Hat ein Baum Sinnesorgane?“ Die Menschen blicken sich an, blicken zu Boden, schauen zum Himmel, zum Baum, fassen sich nachdenklich ans Kinn. Die Fragen weiß niemand so recht zu beantworten, aber sie sind reizvoll. Der einstige Förster, der insektenkundig ist und davon redet, gerne Biologe geworden zu sein, ist jetzt ganz Advokat der Natur.

Dennoch: Alles wurde künstlich angepflanzt

„Es ist kein natürlicher Wald, alles wurde künstlich angepflanzt“, lässt Hacker während des Rundgangs zur Umgebung wissen. Dann geht er in der Geschichte zurück ins Jahr 1870, erzählt davon, dass es schon damals im Bayerischen Wald eine Borkenkäferplage gab und 40 000 Arbeiter damit beschäftigt gewesen sind, Holz auszuschlagen. Und überhaupt gebe es in „ganz Deutschland keine Fläche mehr, die der Mensch nicht schon umgemodelt“ hätte. Hier, in diesem Forst, modelt sich die Natur selbst um. Die Waldbesitzer bekommen eine Prämie dafür, dass sie Bäume nicht umhauen.

Woher weiß der Baum die Temperatur?

Doch woher wissen Bäume, wann es acht Grad hat? Noch so eine Frage, mit welcher die Mitwandernden an diesem Nachmittag konfrontiert werden. Ab acht Grad Celsius nämlich, das lernt man nun, treiben hier manche Bäume aus. „Also muss er doch ein Organ haben, das feststellt: Jetzt ist es acht Grad.“ Hacker erzählt davon, dass Eiben kaum noch vorhanden sind, weil aus ihnen im Mittelalter Bögen gebaut wurden, er führt zu einem Baum, an dessen Fuß sich ein kleiner See gebildet hat, der von 20 bestimmten Insektenarten bevölkert wird.

Der Ursprung des Hangrutsches von 1911

KIS-Exkursion im Banzer Wald: Zwischen Pimpernuss und Adel
Das Sehenswerte war überall - mitunter auch oben. Foto: Markus Häggberg

Die Wandernden werfen Blicke darauf, vergnügen sich an der Vorstellung, dass hier Insekten sind, die so und in dieser Zusammenstellung sonst nicht Nachbarschaft pflegen. Sie erfahren auch, wie wichtig das für den Wald ist, was beim Regenwurm hinten rauskommt. Auch eine Abbruchkante wird besichtigt, von der aus 1911 eine Nachricht ihren Anfang nahm. Dass das darunter liegende Hausen teilweise verschüttet wurde, ging damals durch die Gazetten.

Wissenswertes zwischen Pimpernuss und Adel mit Verantwortung, zwischen Sensibilität von Bäumen, Hiebsreife, natürlichen und künstlichen Wäldern kamen für eineinhalb Stunden zur Sprache. Aber auch Hacker selbst hatte seine Freude am Ereignis, auch wenn coronabedingt nicht wie sonst bis zu 50 Personen gekommen waren. Doch was ihn am allermeisten an den Plaudereien zur Waldwirtschaft freute, formulierte er gegenüber den Zuhörern so: „Wissen Sie, was schön ist? Dass noch keiner von Ihnen gefragt hat, wie viel Festmeter hat denn der Baum.“

 

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