LICHTENFELS/BAMBERG

Jüdische Friedhöfe erzählen von verlorener Vielfalt

Jüdische Friedhöfe erzählen von verlorener Vielfalt
Auf dem Zeckendorfer Friedhof ist sehr deutlich zu sehen, dass sich im 19. Jahrhundert ein stilistischer Wandel der Grabsteine vollzog. Waren die Steine vorher in der Regel niedrig und von halbrunder oder eckiger Form, so kam im 19. Jahrhundert eine architektonische Gestaltung au... Foto: Gerd Klemenz

Seit 1700 Jahren leben Jüdinnen und Juden auf dem Gebiet des heutigen Deutschland – nachweislich seit dem 11. Dezember 321, als ein Edikt Kaiser Konstantins die Berufung von Juden in Ämter der Stadtverwaltung von Köln gestattete. Dieser erste urkundliche Beleg für die Existenz einer jüdischen Gemeinde auf deutschem Boden steht am Anfang einer wechselvollen Geschichte.

In diesem Jahr wird in der gesamten Bundesrepublik dieses besondere Jubiläum „1700 Jahre Jüdisches Leben in Deutschland“ gefeiert. Die Existenz jüdischer Gemeinden hat das Land und unsere Orte reicher und vielfältiger gemacht. Der Geschichtsverein Colloquium Historicum Wirsbergense (CHW) lud kürzlich zu einem Online-Vortag über Jüdische Friedhöfe im Landkreis Bamberg ein. Vorsitzender Professor Dr. Günter Dippold konnte die Kreisheimatpflegerin des Landkreises Bamberg, Annette Schäfer, zu diesem fesselnden Vortrag gewinnen. Im Internet verfolgten rund 100 Teilnehmer ihren Vortrag, und im Anschluss konnte man mit der Referentin ins Gespräch kommen.

93 jüdische Friedhöfe in Franken

Jüdische Friedhöfe erzählen von verlorener Vielfalt
Kreisheimatpflegerin des Landkreis Bamberg, Annette Schäfer. Foto: Gerd Klemenz

Laut einer Zählung aus dem Jahr 1983 gibt es in den drei heutigen fränkischen Regierungsbezirken 93 jüdischen Friedhöfe, von denen aber nicht alle erhalten sind. Die acht Friedhöfe, die noch im Landkreis Bamberg zu finden sind, liegen abseits der Bebauung. Bis auf Aschbach, dort hat sich das Gewerbegebiet mittlerweile um den Friedhof herum geschlossen. Die Friedhöfe waren die Begräbnisstätten der über die Region verstreuten Landgemeinden und zeitweise auch der Stadt Bamberg.

Die Friedhöfe sind in der Regel geostet, die Grabsteine wenden ihre Inschriften dem Sonnenaufgang zu. In Bamberg wurden die jüdischen Mitmenschen 1478 vertrieben, konnten aber bis ins 17. Jahrhundert allmählich wieder zurückkehren. In Bamberg kam fast die gesamte jüdische Bevölkerung im Jahr 1298 beim sogenannten „Rindfleischpogroms“ ums Leben. Die Juden verteilten sich nach den Vertreibungen auf die Dörfer, allerdings nicht in größeren Verbänden. Im heutigen Landkreis Bamberg etablierte sich eine ganze Reihe von jüdischen Ansiedlungen in den Dörfern, oftmals unter dem Schutz von Reichsrittern.

Jüdische Spuren in vielen Gemeinden

Jüdische Friedhöfe erzählen von verlorener Vielfalt
Der jüdische Friedhof in Walsdorf gehört zu den größten und best ausgestattesten in Franken.Im Hintergrund das Wahrzeich... Foto: Gerd Klemenz

Jüdische Spuren finden sich in Aschbach, Bischberg, Burgebrach, Buttenheim, Demmelsdorf, Frensdorf, Gunzendorf, Heiligenstadt, Hirschaid, Lisberg, Reckendorf, Reichmannsdorf, Sassanfahrt, Trabelsdorf, Trunstadt, Viereth, Walsdorf und Zeckendorf. Das heißt nicht, dass sich an jedem dieser Orte größere Ansiedlungen oder gar ganze Gemeinden befanden, sondern dass hier Juden vereinzelt oder in Familienverbänden lebten und arbeiteten.

Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 und den Restriktionen der Nürnberger Gesetze 1935 gab es noch einmal zahlreiche Familien, die ihre Heimat verließen. Die Gemeinden, die nach den Auswanderungswellen im Raum Bamberg übrigblieben, fielen der Shoa (zur Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft) zum Opfer.

Die letzten großen Deportationsmaßnahmen fanden im Frühjahr 1942 statt. Seither gibt es im Landkreis Bamberg kein aktives jüdisches Leben mehr, nur die Sachzeugnisse eines jahrhundertelangen gesellschaftlichen Miteinanders. Referentin Annette Schäfer führte die Teilnehmer durch den Bamberger Landkreis und begann ihre Reise in Aschbach. Dort wurde 1763 eine neue Synagoge gebaut. Das Gebäude ist noch erhalten, wurde aber 1938 in der Reichspogromnacht geschändet.

Mehrfach Opfer von Vandalismus

Unmittelbar anschließend an den jüdischen Friedhof befindet sich der christliche Friedhof. Beide sind durch eine niedrige Mauer voneinander getrennt. Mehrfach Opfer von Vandalismus wurde die Grabstätte, zuletzt Anfang Juni 2007, dabei wurden 49 Grabsteine umgeworfen und mehrere Grabsteine zerbrachen.

Ein Gedenkstein vor dem Taharahaus (das Gebäude, in dem die Leichenwaschung vor der Bestattung stattfindet) erinnert an die Opfer der Nationalsozialisten in Aschbach. Der Friedhof der jüdischen Gemeinde Buttenheim gehört zu den jüngsten im Landkreis. Schon Ende des 18. Jahrhunderts hatte es Bestrebungen gegeben, einen Friedhof anzulegen, das scheiterte jedoch an den Eigentumsverhältnissen der Freiherren von Seefried.

Ab 1939 lebten in Buttenheim keine Juden mehr und die Synagoge war bereits seit der Auflösung der Gemeinde nicht mehr genutzt und wurde 1937 an eine örtliche Brauerei verkauft. In Heiligenstadt liegt östlich am Hang im Waldstück „Im Kühlich“ der jüdische Friedhof, auf dem 91 Grabsteine stehen.

Nationalsozialisten schändeten den Friedhof

Einer der kleinsten jüdischen Friedhöfe gehört zur Gemeinde Lisberg. Wie in Heiligenstadt so ist auch hier eine Gründung des Friedhofs in der Zeit um 1700 zu vermuten. Nach einer Schändung im Jahr 1938, mit einer Reihe von umgestürzten Grabsteinen, stand 1944 zur Debatte, den Friedhof einer landwirtschaftlichen Nutzung zuzuführen. Ein Grund war auch, dass die Grabsteine als Baumaterial für Fundament- und Sockelarbeiten an Wohnheimen des Deutschen Wohnungs-Hilfswerks angesehen wurden. Zu einer Auflösung des Friedhofs kam es dann nicht mehr, zumal der Baumbestand dort als schützenswert erachtet wurde.

Auf dem Friedhof in Reckendorf gibt es 395 Grabsteine, die sich durch seine Ausrichtung von den anderen Friedhöfen unterscheiden. Hier liegt die Blickrichtung der Verstorbenen nicht nach Osten, sondern nach Westen. Das liegt wohl an der steilen Hanglage des Grundstücks. Der Friedhof wurde im Rahmen eines Dissertationsprojekts an der Uni Bamberg detailliert inventarisiert und mit einem ausführlichen Textband versehen.

Synagoge bis heute erhalten

Die Reckendorfer Synagoge im Ortskern stammt aus dem Jahr 1732 und ist nach der Verwüstung der Reichspogromnacht 1938 und der Nutzung als Lagerhalle bis heute erhalten. Sie wurde vor einigen Jahren saniert und zeigt heute eine Ausstellung mit Relikten der Reckendorfer Juden. Einer der kleineren jüdischen Gemeinden im Bamberger Land, die zeitweise über einen eigenen Friedhof verfügten, befand sich in Reichmannsdorf. Der Friedhof liegt nördlich vom Ort auf einer Anhöhe und umfasst knapp 700 Quadratmeter auf dem 31 Grabsteine erhalten sind.

Die Inschriften sind zumeist verwittert und dort, wo sie noch lesbar sind, ausschließlich in Hebräisch. Während der NS-Diktatur wurde auch dieser Friedhof geschändet.

Der Friedhof in Walsdorf liegt etwas südwestlich des Ortes an einer Anhöhe im Wald und gehört mit einer stattlichen Größe von etwas 7000 Quadratmeter und fast 1100 Grabstellen zu den größten. Mancherorts wird die Entstehung des jüdischen Friedhofs bereits ins Jahr 1529 gelegt. Dies konnte aber archivarisch bislang nicht nachgewiesen werden. Dennoch ist auch eine Entstehung in den Zeiten des Dreißigjährigen Kriegs schon ein sehr früher Beleg. Der älteste Grabstein stammt aus dem Jahr 1632. Das Wahrzeichen des Friedhofs ist das 1742 erbaute Taharahaus, das in fränkischer Fachwerkbauart errichtet wurde.

Der älteste Grabstein aus dem Jahr 1656

Der Friedhof von Zeckendorf liegt in einem Waldgebiet auf einem Hügel zwischen Zeckendorf und Demmelsdorf. Das Friedhofsgelände gliedert sich in einen älteren und einen neueren Teil, zusammen misst das Gelände knapp 6000 Quadratmeter mit 598 Grabsteine. Wobei der älteste Stein aus dem Jahre 1656 stammt.

Auf dem Zeckendorfer Friedhof ist sehr deutlich zu sehen, dass sich im 19. Jahrhundert ein stilistischer Wandel der Grabsteine vollzog. Waren die Steine vorher in der Regel niedrig und von halbrunder oder eckiger Form, so kam im 19. Jahrhundert eine gewisse architektonische Gestaltung auf.

Bei der Online-Reise über die jüdischen Friedhöfe konnte man erfahren, dass eine einzelne Gemeinde nicht automatisch über einen eigenen Friedhof verfügte. Viele Gemeinden teilten sich ihre Begräbnisstätten und manchmal nutzen sie im Laufe ihrer Geschichte auch mehrere. Man konnte auch sehen, mit wie vielen Anstrengungen es verbunden war, überhaupt eine geeignete Fläche dafür zu finden, denn das tägliche Leben der Juden war in den vergangenen Jahrhunderten von Ablehnung und Ressentiments geprägt.

Auf das Wohlwollen der Christen angewiesen

Man war auf das Wohlwollen der Christen angewiesen und oft genug versuchten die Christen aus den Bedürfnissen der Juden finanzielle Vorteile zu ziehen. „Wichtig ist heute, dass das jüdische Leben im Landkreis Bamberg deutliche, bis heute sichtbare Spuren hinterlassen hat und ein maßgeblicher Bestandteil der dörflichen Interaktionen war. Das jüdische Leben im Landkreis Bamberg ist heute verschwunden, aber durch die Relikte können wir selbst versuchen, dafür Verständnis und Interesse zu entwickeln und eine Reise über die acht Friedhöfe war ein guter Anfang“, erklärt Annette Schäfer.

„Machen Sie sich also auf und erkunden Sie diese Kleinode der Region, die uns eine Lebenswelt näherbringen, die wir erst wieder erlernen müssen“, fordert die Referentin die Zuhörer zum Schluss auf. (red)

Schlagworte