BAD STAFFELSTEIN

Gerhard Hellgeth ist ein Seelsorger mit hintersinnigem Humor

Gerhard Hellgeht ist ein Seelsorger mit hintersinnigem Humor
Monsignore Gerhard Hellgeth hat sich seinen Humor bewahrt. So sammelt er lustige Begebenheiten und bemerkenswerter Zitate von Mitmenschen in einem Ordner. Foto: Mario Deller

Hier und da ein wenig Schmunzeln, das Glas eher halb voll als halb leer sehen – gerade in Corona-Zeiten sollte man sich bei allen Beschwernissen die Lebensfreude nicht nehmen lassen. Nach dieser Devise lebt Monsignore Gerhard Hellgeth. Seine humorvolle Art hat sich der langjährige katholische Stadtpfarrer von Bad Staffelstein auch mit 84 Lenzen bewahrt. Er springt zwar nicht mehr herum wie ein Zwanzigjähriger, doch was die Agilität des Geistes anbelangt, kann sich manch Jüngerer eine Scheibe von ihm abschneiden.

Den gebürtige Frankenwäldler vorzustellen (Vita in der Infobox) hieße Eulen nach Athen tragen. Wenn Monsignore Hellgeth in Bad Staffelstein unterwegs ist, wird er von jedermann begrüßt. Seit 2009 ist er als Pfarrer im Ruhestand, tatsächlich aber wohl eher im Unruhestand. Je nach Bedarf hilft er ein- bis dreimal im Monat gerne als Pfarrer aus. „Man muss halt sagen, wenn man mich braucht“, so Hellgeth.

Noch heute schreibt er jede Predigt zu einem aktuellen Thema

Keine Kompromisse macht er bei der Vorbereitung seiner Predigten. Aus „Bequemlichkeit“ alte Predigten aus der Schublade holen, ist für ihn ein „No go“ – auch mit 84 Jahren. „Es liegt mir fern, einfach etwas daher zu plaudern, ich will immer neue Gedanken einbringen“, betont der Geistliche.

Wer sich mit Monsignore Hellgeth unterhält, erlebt ihn als angenehm offenen Menschen, der seine Gesprächspartner quasi mitnimmt, ihnen stets auf Augenhöhe begegnet. „Einerseits nehme ich mir die Freiheit zu sagen, was ich für richtig halte – aber wenn jemand eine andere Meinung vertritt, höre ich mir die genauso an.“ Eigentlich sollte diese Einstellung in einer Demokratie selbstverständlich sein, doch nur wenige praktizieren sie. Daher erinnert Hellgeht sich dankbar an seine Eltern, die ihm das in seiner Kindheit im beschaulichen Frankenwald vorlebten: „Ich bin so aufgewachsen, dass man seine Meinung sagen durfte, einem nicht der Mund verboten wurde.“

Ein hellwacher Geist und ein phantastisches Gedächtnis

Gerhard Hellgeht ist ein Seelsorger mit hintersinnigem Humor
Gerhard Hellgeth bei seiner Primiz Anfang der 1960-er Jahre. Die Entwicklung der Pfarrei Sankt Kilian in Bad Staffelstei... Foto: red

Im Gespräch verblüfft der 84-Jährige durch sein Erinnerungsvermögen und einen hellwachen Geist. Etwa, wenn er von Begebenheiten aus seiner Schulzeit erzählt. Ein Deutschlehrer namens Hofbauer habe einem Schüler, der ein wenig auf der Leitung stand, einmal den grammatikalischen Begriff des Irrealis beschrieben: „Der Lehrer hat dann gesagt: 'Wenn deine Großmutter vier Räder hätte und gelb angestrichen wäre, sähe sie aus wie eine Postkutsche.'“

Der 84-jährige schmunzelt, wenn er Geschichten wie diese erzählt. Der Schalk sitzt ihm im Nacken – ungeachtet seiner Verdienste um die Kirche und die Gesellschaft. In all den Jahrzehnten seines Schaffens als Pfarrer und Dekan hat er sich kirchlichen und sozialen Vereinen engagiert, etwa als Präses der Kolpingfamilie Bad Staffelstein, als Vorstand des Caritasverbands Lichtenfels sowie für den Katholischen Frauenbund, die Pfadfinder oder die Katholische Landjugend.

Zahlreiche Auszeichnungen in Anerkennung seines pastoral-sozialen Wirken bis hin zum Bundesverdienstkreuz zeugen von seiner Schaffenskraft. Er selbst verliert im Gespräch kein Wort darüber. In aller Bescheidenheit hatte Hellgeth an seinem 80. Geburtstag gemeint: „Ich habe nicht das Gefühl, dass ich umsonst auf der Welt bin.“ Ein sympathisches Understatement: Die positive Entwicklung im pastoralen und sozialen Gefüge in der Adam-Riese-Stadt hängt untrennbar zusammen mit dem Namen Gerhard Hellgeth.

Schreiben im Steinwiesener Dialekt als Kraftquelle

Gerhard Hellgeht ist ein Seelsorger mit hintersinnigem Humor
Einen Teil seiner von Lebensweisheit, Lebensmut und Humor zeugenden Geschichten wurde als Buch („A Hempfala Lejm“) und a... Foto: Mario Deller

Hellgeths Lebenslust und seine fast schon philosophisch anmutende, selbst körperliche Gebrechen überwindende Standfestigkeit böten Stoff für einen Roman. Sein Steckenpferd ist die Liebe zur Mundart, die er Mitte der 1990-er Jahre für sich entdeckte. Über 800 „Gschichtla“ und auch eine Reihe von Theaterstücken – alls säuberlich in Ordnern bewahrt – umfasst seine Sammlung. In bejubelten Lesungen gab er Kostproben davon. „A Hempfala Lejm“ (Eine Handvoll Leben) lautet etwa der Titel einer Sammlung von Geschichten aus der Feder Hellgeths.

Seine Lust daran, „Socherer“, Erlebnisse, Nachdenkliches oder natürlich auch Lustiges in „seinem“ Steinwiesener Dialekt zu Papier zu bringe, hat zuweilen etwas Kurzweiliges oder etwas Meditatives. Für den Geistlichen ist das eine Kraftquelle: „Das Schreiben im Dialekt hilft mir, so komme ich leichter durch die Zeit.“

„Nachhilfe“ hat er einen jüngst verfassten Text genannt. Als „Nachhilfelehrer“ beschreibt er einen Fisch, den er als Mittagsmahl verzehrte und der ihn quasi dazu veranlasste, einmal wieder über Gott und die Welt nachzudenken. „Seien wir nicht vernagelt, gehen wir mit offenen Augen durch die Welt und Zeit, um manches neu zu sehen“, liest Hellgeth vor – selbstverständlich im Dialekt seiner Heimat. Auf Lesungen nach Ende der Pandemie angesprochen, meint er lächelnd: „Gerne, aber ich will mich natürlich nicht aufdrängen.“

Humor und eine positive Grundeinstellung sind zwar hilfreich im Leben, aber durch zahlreiche Krankenbesuche, die er als Pfarrer gemacht hat, weiß Hellgeth auch, wie stark der Gegenwind manchem ins Gesicht bläst. Deshalb begreift er diese Besuche als wichtigen Teil seines pastoralen Auftrags. „Auch diejenigen, die mit der Kirche nicht so viel zu tun hatten, waren sehr dankbar“, erinnert er sich.

Gerhard Hellgeht ist ein Seelsorger mit hintersinnigem Humor
Ein Bild aus Kindertagen. „Ich durfte alles sagen, mir wurde nicht der Mund verboten“, sagt Gerhard Hellgeth. Dankbar is... Foto: red

Dass das Alter auch bei ihm seinen Tribut fordert, nimmt er klaglos hin: „Wenn ich mich jetzt beschweren würde, hätte ich das Gefühl, dass meine Mutter mir ins Genick haut. Nicht hinsetzen und greina, das hat doch keinen Wert.“ Dies habe ihm seine Mutter, die vieles mitmachen musste, weil sein Vater bis 1947 in Kriegsgefangenschaft war, vermittelt. Er selbst habe sich – wohl auch aufgrund dieser kindlichen Prägung – „eine gewisse Widerstandsfähigkeit“ angeeignet, die ihm im Alter zugutekomme: „Ich mache mir den Kaffee, richte mir mein Essen, spüle ab, das geht alles noch.“

„Seien wir nicht vernagelt, gehen wir mit offenen Augen durch die Welt und Zeit, um manches neu zu sehen.“
Aus Gerhard Hellgeths jüngstem Text „Nachhilfe“

Und der Geist ist hellwach, möchte man hinzufügen. „Ich habe genug zu tun, mir ist nicht langweilig“, meint er. Und da ist wieder dieses sanfte Lächeln eines verdienten Gottesmannes, der das Alter mit Würde zu nehmen weiß und sich auch von Corona nicht seine Lebenslust und Energie nehmen lässt.

Gerhard Hellgeth

1936 in Steinwiesen (Landkreis Kronach) geboren

1956 Abitur, anschließend Studium Theologie in Bamberg

1962 Priesterweihe in Bamberg

bis 1965 Kaplan in Staffelstein

1965 bis 1972 Präfekt am Aufseesianum in Bamberg

1972 bis zur Pensionierung 2009 Stadtpfarrer Sankt Kilian Bad Staffelstein

1984 bis 2008 Dekan des katholischen Dekanats Lichtenfels

außerdem parallele Tätigkeit als Rundfunkprediger für den Bayerischen Rundfunk

Auszeichnungen: Ehrenbürger und Träger der Ehrenmedaille der Stadt Bad Staffelstein, Oberfrankenmedaille, 1999 Verleihung des Titels Monsignore, 2012 Bundesverdienstkreuz.

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