STUBLANG

Forderung nach Tragödie: „Tempo 70 bei Stublang ausdehnen“

Für Hans „Friedel“ Dinkel ist ein Tempolimit an der Einmündung der Uetzinger Zufahrt in die Staatsstraße 2204 bei Stublang schon längst überfällig. Foto: Markus Drossel

Es war für alle Beteiligten ein großer Schock, der lange nachwirken sollte: Am Tag vor Heiligabend ereignete sich an der Staatsstraße 2204 in Höhe Stublang ein tödlicher Unfall, der die Einsatzkräfte an ihre Grenzen brachte. Es ist nicht der erste Verkehrsunfall mit Todesfolge an dieser Kreuzung. Anwohner fordern nun die Verantwortlichen zum Handeln auf.

Hans „Friedel“ Dinkel aus Uetzing sitzt in seinem Auto und blickt auf die Stelle des tragischen Vorfalls. Es dauert einige Minuten, bis er seine Meinung in Worte fassen kann. „Wie lange will man noch warten? Wie lange noch?“, fragte er den Autor dieser Zeilen. „Wie viele Leute müssen hier noch sterben?“ Dass dieses Kreuzung, an der die Straße von Uetzing ebenso in die Staatsstraße mündet wie die östliche Einfahrt nach Stublang, gefährlich ist, diskutieren die Einheimischen immer wieder seit vielen Jahren. „Auch wir vom Uetzinger Rentnerstammtisch haben dieses Thema immer und immer wieder“, sagt Dinkel. Und das nicht erst, als im Jahr 2006 hier ein Motorradfahrer tödlich verunglückte. Und auch nicht erst seit dem Tag vor Heiligabend, als ein 45-jähriger Familienvater hier sein Leben verlor.

Schwerste Verletzungen des Opfers ließen den Helfern keine Chance

Sechs Minuten nach Alarmierung waren die Feuerwehrleute aus Uetzing vor Ort. Ihnen und den anderen Helfern von Feuerwehr, Polizei und Rettungsdienst bot sich ein schreckliches Bild. Das Schlimmste für sie: Sie konnten nicht helfen, so sehr sie sich mühten. Die Notärztin ließ beim Fahrzeug des 45-Jährigen das Dach abtrennen, doch er verstarb aufgrund schwerster Verletzungen noch vor Ort. Er hatte, von Uetzing kommend, den Unfall beim Abbiegen verursacht. Ein Paketzusteller war mit seinem Kleintransporter in die Fahrerseite geprallt.

Wo am Tag vor Heiligabend ein Familienvater starb, stehen heute Grablichter zu seinem Gedenken. Foto: Markus Drossel

Professionell arbeiteten die Feuerwehrkräfte das traurige Szenario ab. Im Feuerwehrhaus zurück, wurden sie dann von Notfallseelsorgern betreut. Es war der schlimmste Einsatz seit langem.

„Diese Kreuzung ist eine der gefährlichsten im Landkreis, und ich weiß, wovon ich rede“: Hans Dinkel war über Jahrzehnte als „Bierkutscher“ und später für den Landkreis tätig, kennt sich also aus. „Wenn ich von Uetzing komme, rauschen die Autos mit 100 Stundenkilometern oder mehr aus Richtung Frauendorf heran. Das ist sehr gefährlich“, schildert er die Situation. „Und wenn ich von Stublang in Höhe des Gasthofs links auf die Staatsstraße abbiegen will, muss ich mich trotzdem ganz rechts einordnen, um überhaupt etwas vom Verkehr aus Richtung Bad Staffelstein zu sehen.“

Was viele besonders wurmt: In Höhe der westlichen Stublanger Einfahrt beziehungsweise an der Zufahrt zum Friedhof gibt es eine Geschwindigkeitsbeschränkung auf 70 Kilometer pro Stunde, die aber nicht bis zur östlichen Stublanger Zufahrt reicht. „Weiß der Herrgott, warum das so gemacht wurde“: Der 70-Jährige zuckt mit den Schultern. „Die Beschränkung muss dringend um 300 Meter verlängert werden bis zur Einmündung der Straße nach Uetzing“, fordert er mit Nachdruck. „Besser, weil sicherer wäre ein Kreisverkehr.“ Viele Bürger würden die Verantwortlichen zum Handeln auffordern, so der Uetzinger.

Die Kreuzungssituation an der Staatsstraße 2204 bei Stublang. Foto: Grafik: Stefanie Rielicke

Wenn sich ein Unfall oder Brand im Staffelsteiner Land ereignet, wird der Bürgermeister umgehend informiert. So auch in diesem Fall. „Die Schwere des Unfalls war mir allerdings nicht bekannt, ich war also nicht gleich vor Ort“, sagt Mario Schönwald auf Nachfrage dieser Redaktion. Als Uetzinger kenn er den Bereich ganz genau. „Eigentlich ist die Kreuzung ja übersichtlich, doch als Autofahrer ist man vielleicht oft hektisch oder vorschnell, so dass man leicht mal ein Fahrzeug übersieht, das sich hinter der A-Säule versteckt.“

Man nehme den tragischen Vorfall sehr ernst. „Eine Unfallkommission, bestehend aus Vertretern des Landratsamts, des Staatlichen Bauamts, der Polizeiinspektion und von uns wird beraten und schauen, welche Verbesserungen möglich wären.“ Für ihn eine Lösung: „Das einfachste, schnellste und vielleicht effektivste wäre es, die Tempo-70-Beschränkung über diesen Kreuzungspunkt hinweg zu verlängern. Und genau dafür würde ich plädieren.“

Mehrfach sei er in den vergangenen Tagen auf den folgenschweren Unfall angesprochen worden: „Ja, es waren viele Bürger, und sie forderten alle Tempo 70 in diesem Bereich.“ Den Vorschlag eines Kreisverkehrs kennt Schönwald natürlich, als Bauingenieur aber kennt er auch die finanzielle Seite, die den Freistaat womöglich davon abhalten wird. „Zumal es ja kein Unfallschwerpunkt ist oder vielleicht durch den Kreisel erst zu einem werden würde, würde man diesen auf dieser freien Strecke bauen.“

An der westlichen Stublanger Abfahrt der Staatsstraße 2204 hat es im Jahr 2021 mehrere Unfälle gegeben. Einer davon war ... Foto: Markus Drossel

„Die Unfallkommission hat sich am Unfalltag bereits telefonisch ausgetauscht“, sagt Erster Polizeihauptkommissar Jürgen Hagel, der stellvertretende Leiter der Polizeiinspektion Lichtenfels. „Michael Lang, unser Sachbearbeiter Verkehr, ist Teil der Unfallkommission und war bei der Unfallaufnahme mit vor Ort.“ Die Unfallkommissionen sind in der Straßenverkehrsordnung gesetzlich verankert und müssen bei bestimmten Parametern sofort tätig werden. „Hierzu werden alle Unfälle anhand der Unfalltypenkarte ausgewertet, das Ergebnis wird anschließend den entsprechenden Entscheidungsträgern vorgelegt und auch die Umsetzung besprochen.“

Aus Sicht der Polizei kämen laut Hagel verschiedenste kurz- oder langfristigen Möglichkeiten in Betracht, von Geschwindigkeitsreduzierung bis hin zu baulichen Maßnahmen wie eben einem Kreisel, um einen Unfallort zu entschärfen. „Wir werden aber dem Ergebnis der Unfallkommission nicht vorgreifen“, bittet er um Verständnis.

Die örtliche Unfallkommission prüft mögliche Verbesserungen

Wer aus Richtung Stublang kommend die Straße queren oder links abbiegen möchte, muss äußerst vorsichtig sein, da die Sic... Foto: Markus Drossel

Diese Redaktion fragte auch beim Staatlichen Bauamt nach. Dort verweist man auf die Untere Verkehrsbehörde am Landratsamt Lichtenfels, da das Staatliche Bauamt keine Geschwindigkeitsbegrenzungen anordnen könne. Von dort heißt es: „Die örtliche Unfallkommission wird noch in dieser Woche eine Verkehrsschau an der Unfallstelle vornehmen, um mögliche Verbesserungsmaßnahmen zu prüfen.“ Bislang sei im Bereich dieses Knotenpunkts keine Unfallhäufung zu verzeichnen gewesen. „Eine frühere Diskussion um eine Geschwindigkeitsbeschränkung an dieser Stelle ist uns nicht bekannt.“ Zu allem weiteren werde man sich erst im Anschluss an die Verkehrsschau äußern wollen.

Ein Unfallschwerpunkt?

Im Jahr 2021 gab es an der Kreuzung laut Statistik der Polizeiinspektion Lichtenfels drei Unfälle aufgrund von Vorfahrtsmissachtungen, zwei davon mit Verletzten – und eben einer mit Todesfolge. Im Jahr 2020 krachte es hier einmal, es gab Verletzte. Nur Blechschaden entstand beim einzigen Unfall im Jahr 2019, ebenso beim einzigen Crash in 2018. Hinzu kommen weitere drei Unfälle mit Vorfahrtsverletzung in 2017, einer davon mit Verletzten.
 

Standpunkt
Tempo 70: jetzt!

Es ist längst überfällig, die Tempo-70-Beschränkung an der Staatsstraße 2204 auch über die zweite Stublanger Zufahrt hinaus zu verlängern. Die Kreuzung mag prinzipiell übersichtlich wirken, doch womöglich ist genau das auch ein Problem: Der Autofahrer, der vielleicht täglich aus Richtung Uetzing kommt und Richtung Bad Staffelstein fährt,  fühlt sich zu sicher und wird unvorsichtig. Und die Fahrzeugführer aus Richtung Frauendorf? Die sind haben sicherlich selten weniger wie 100 Stundenkilometer auf dem Tacho. Sind wir doch ehrlich: Wenn 100 „Sachen“ erlaubt sind, dann wird das meistens auch gefahren, vielleicht sogar minimal schneller. 
Eine Geschwindigkeitsbeschränkung käme einer Warnung gleich, einem visuellen Signal, dass diese Stelle an der Staatsstraße 2204 eine heikle ist. Vor allem würde das Tempolimit es aber auch den Stublangern erleichtern, mit ihren Fahrzeugen die Straße an dieser Stelle zu queren, um nach Uetzing zu fahren. Von Wanderern und Spaziergängern, die an genau dieser Stelle immer wieder die Straße überschreiten, ganz zu schweigen. Es wäre es aber auch ein wichtiges Zeichen für die Helfer vor Ort, die am Tag vor Heiligabend zu einem Schreckensszenario gerufen wurden und danach psychologische Hilfe in Anspruch nahmen. Wer schon einmal bei einem tödlichen Unfall vor Ort war, mag das nachfühlen. Für sie wäre ein Tempolimit das Signal, dass ihre seelische Gesundheit ernst genommen wird. Und ganz banal: Jedes Unfallopfer ist eines zu viel. Markus Drossel

 

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